Der Überlebende

Erwin Schulz kann auf 80 Jahre aktive Gewerkschaftsarbeit zurückblicken.
Aber auch auf die härtesten Formen jahrelanger Gefangenschaft.
Der 98-Jährige ist einer der letzten noch lebenden Moorsoldaten und berichtet
in Schulklassen bis heute von Formen des Widerstands.
Und er kann immer noch ganz schön wütend werden

"Ist es etwa Reisefreiheit, wenn Menschen nicht das Geld für die Busfahrkarte in den nächsten Stadtteil besitzen?"

Foto: Annette Hauschild / Ostkreuz

von Inken Petersen

Ausgerechnet Moorbäder haben Erwin Schulz geheilt. Die Beweglichkeit ist zurückgekehrt in seinen Körper, er kann den Kopf wieder drehen, die Schmerzen aus den Gelenken sind weg. Seine Lebenskraft ist beeindruckend, in diesem Oktober wird er 98 Jahre alt. "Glück muss der Mensch haben", sagt Erwin Schulz und kichert in sich hinein.

Ausgerechnet Moorbäder. Umbringen sollte das Moor ihn einst, so hatten es die Nazis vorgesehen für Erwin Schulz und Tausende andere politische Häftlinge und Strafgefangene, die sie ab Mitte der 30er Jahre in den Konzentrationslagern Börgermoor, Esterwege und Aschendorfer Moor nahe der holländischen Grenze internierten, schikanierten und schindeten: Die Moore mussten trockengelegt werden von den Häftlingen; Tod durch Entbehrung, Kollabieren und Krankheit wurden von der Aufsicht führenden SA billigend in Kauf genommen.

Gewerkschaft war klar

Dass er diesem Schicksal entrinnen würde, er, der 1935 als junger Gewerkschafter vor dem Volksgerichtshof in Berlin wegen Hochverrats zu fünf Jahren Haft verurteilt worden war, dass er eines Tages auf mehr als 80 Jahre aktive Gewerkschaftsmitgliedschaft würde zurückblicken können, "daran hat man doch damals gar nicht gedacht", sagt Erwin Schulz. "Damals war man froh über jeden Tag, den man überlebte."

Damals. Am 13. Oktober 1912, zwei Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs, wird Erwin Schulz geboren in Tempelhof, das heute zu Berlin gehört. Die Kindheit verlebt er in Armut, der Vater, ein Schlosser, hat Mühe, die vierköpfige Familie durchzubringen. Aber der Vater ist auch Gewerkschafter und erklärt ihm schon früh, dass man mit schwächeren Kollegen im Betrieb solidarisch sein und sich gegen Ungerechtigkeiten der Arbeitgeber wehren muss - notfalls mit Streik. "Die Frage, ob ich auch in die Gewerkschaft eintrete, stellte sich nie", sagt Erwin Schulz. "Es war klar, dass ich das mache."

Er schiebt Papiere auf dem Couchtisch zur Seite, um Platz zu machen für Gläser und eine Flasche Traubensaft. Erwin Schulz ist ein umsichtiger Gastgeber. Seit bald sechs Jahrzehnten lebt er im Stadtteil Köpenick im Osten der Stadt: Platte, achter Stock, Fahrstuhl. Gewerkschaftszeitungen stapeln sich jetzt auf Korrespondenz mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten, dessen Ehrenvorsitzender ­­er ist in Berlin-Köpenick, dazwischen Flugblätter der "Linken", seiner Partei. Es geht um Hartz IV, die Würde des Menschen, die Finanzkrise, um Leiharbeit, "diese moderne Form der Sklaverei". "Schade ist nur", sagt er, "dass der Einfluss der Gewerkschaften heute geringer ist als in der Weimarer Republik".

1922, mit zehn Jahren, tritt er in den Arbeitersportverein Fichte ein. Die Arbeitersportbewegung, entstanden in Abgrenzung zu nationalistisch formierten Turnvereinen, lehrt die Kinder einen solidarischen Umgang in der Gemeinschaft - abseits der autoritären Verhältnisse an den Schulen der damaligen Zeit. Erwin Schulz erlebt als Jugendlicher Inflation, Massenarbeitslosigkeit, den rasanten Aufstieg der Nazis. Dass er selbst nicht anfällig wird für deren Parolen, führt er auf seine starke Einbindung in den Arbeitersportverein und später in die Gewerkschaft zurück: "Als ich die Schule mit 14 verließ, wollte ich Schriftsetzer werden, Maurer oder Schlosser." Es gibt aber keine Lehrstellen. "In einem Warenhaus kam ich schließlich als Laufbursche unter." Zeitweilig leitet er eine Jugendgruppe der Gewerkschaft. Im Kaufhaus streiten sie für eine fachliche Ausbildung als Verkäufer - vergeblich. Einer nach dem anderen wird entlassen. Anstatt zu verzagen, beschließt Erwin Schulz, sich selbst fortzubilden. Er liest, was er kriegen kann, über die Geschichte der Gewerkschaften, über die Entwicklung der Sozialdemokratie.

Erwin Schulz, 1912 geboren in Tempelhof (Berlin), ab 1922 Mitglied Arbeitersportverein Fichte, nach dessen Verbot durch die Nazis aktiv im gewerkschaftlichen Widerstand. 1935 Verurteilung zu fünf Jahren Haft wegen Hochverrats, Häftling in diversen Moorlagern der Nazis, später Straf­bataillon und Kriegsgefangenschaft. 1946 Rückkehr nach Berlin, Übersiedelung in die DDR, Mitglied der SED und der Einheitsgewerkschaft FDGB, später Gewerkschafter bei der HBV, heute Mitglied bei ver.di, aktiv bei den Gewerkschaftssenioren. Ehrenvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten in Berlin-Köpenick.

1929 erscheint das Buch Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque. Wie so viele andere Jugendliche aus seinem politischen Spektrum zieht Erwin Schulz aus den bewegenden Berichten über die Schlachten des Ersten Weltkriegs das Fazit: "Nie wieder Krieg!" Es kommt bekanntlich anders. Die Nazis verbieten alles, was Erwin Schulz lieb ist: den Arbeitersportverein Fichte, die Gewerkschaften. Aber Schulz ist kein Mensch, der sich einschüchtern lässt. Als Musikgruppe getarnt, versammelt sich der Vorstand von Fichte-Tempelhof fortan bei ihm zu Hause. Flugblätter werden verfasst und verteilt, Geld zur Unterstützung von Genossinnen und Genossen gesammelt. 1935, bei einem Treffen mit anderen Widerständlern in Kreuzberg, wird Erwin Schulz festgenommen. Es folgen Verhöre, Misshandlungen, schließlich, im September 1935, (im so genannten Sportprozess) die Verurteilung zu fünf Jahren Zuchthaus wegen Hochverrats. Die ersten zwei Jahre sitzt Erwin Schulz in einer acht Quadratmeter großen Zelle im Zuchthaus Luckau - zusammen mit zwei anderen Gefangenen, von Nachrichten und der Außenwelt abgeschnitten. Es folgt die Verlegung in die Lager im Moor. Von dem legendären Lied der Moorsoldaten, geschrieben von Häftlingen des KZ Börgermoor und von Häftlingen aufgeführt 1933 bei einer Veranstaltung namens "Zirkus Konzentrazani", erfährt er erst, als er 1937 selbst nach Börgermoor kommt.

"Wir müssen", sagt Schulz, "die Erinnerung an diese Form des Widerstands wach halten." Deshalb geht er bis heute regelmäßig in Schulklassen oder spricht auf Gedenkfeiern zur Erinnerung an die von den Nazis Ermordeten. Überdies engagiert er sich für die Arbeit des Dokumentations- und Informationszentrums Emslandlager in Papenburg.

1940 kommt Erwin Schulz frei. Doch 1942 bereits wird er für das Strafbataillon 999 zwangsrekrutiert. Die Truppe besteht aus Regimegegnern und wird in besonders gefährlichen Frontabschnitten in Nordafrika eingesetzt. Als er 1943 in Kriegsgefangenschaft gerät, glaubt er, dass das Leben in Lagern und Unfreiheit bald ein Ende haben werde. Ein Trugschluss. Erst im Herbst 1946 darf Erwin Schulz in seine Berliner Heimat zurückkehren. Er ist damals 34 Jahre alt, ungelernt und hungrig nach einem Leben in Normalität. Er heiratet eine Freundin seiner Schwester, tritt in die Sozialistische Einheitspartei Deutschland, SED, ein. Der Schwur "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg" spricht ihm aus der Seele. Er ist dankbar für die Arbeit, die ihm die Partei gibt, Verwalter des Papierkontingents im Ministerium für sowjetische Verwaltung, zweiter SED-Sekretär in Tempelhof, später Parteisekretär in einem Betrieb in Johannisthal. Als das Geld, das ihm die Partei zahlt, nur noch im Ostteil der Stadt etwas wert ist, ziehen seine Frau und er rüber in den Ostteil, erst nach Treptow, dann nach Köpenick. Die SED ist für Erwin Schulz so etwas wie die Ankunft in einem friedlichen, sicheren Leben. Er macht Karriere im Monopolunternehmen "Reisebüro der DDR", sieben Jahre lang leitet er die Bürovertretung in Trelleborg in Schweden.

Ich war nicht unfrei!

Vielleicht deshalb lässt er auch partout nichts auf die SED oder die DDR kommen. Das Reiseverbot für DDR-Bürger? Schulz reagiert unwirsch: "Ich war doch nicht unfrei!" Er pocht aufgeregt mit seinem Gehstock auf den Boden. "Haben wir denn heute Reisefreiheit? Ist es etwa Reisefreiheit, wenn Menschen nicht das Geld für die Busfahrkarte in den nächsten Stadtteil besitzen?" Erwin Schulz kann wütend werden. Seine Augen blitzen jetzt. "Wissen Sie", sagt er dann, "die DDR wird im nachhinein bestraft für den Versuch, dass sie einen anderen Weg gehen wollte".