VER.DI SOMMERUNIVERSITÄT

Arbeiten, um zu leben

Junge Gewerkschafter sehen Chancen in der Krise

Aus aller Damen Länder angereist: Studenten der ver.di-Sommeruni bei einer Performance auf dem Potsdamer Platz in Berlin

foto: christian jungeblodtt

VON Claudia Wangerin

Finanzmarktkrise, Umweltkrise, Ressourcenkrise - "das fängt ja schön an", kommentierten junge Teilnehmer das Eröffnungspodium. "Arbeit und Leben in der globalen Krise - Gestaltungsmöglichkeiten für eine andere Welt" war das Motto der Sommeruniversität am letzten Juniwochenende. Man traf sich im ver.di Bildungszentrum "Clara Sahlberg", idyllisch gelegen in Berlin, direkt am Wannsee. Rund 90 Jugendliche beteiligten sich trotz spannender Fußball-WM und Semesterstress an den Workshops der etwas anderen Uni, diskutierten mit Wissenschaftlern und Vertretern sozialer Bewegungen über alte und neue Formen der Arbeit, Bildung, Armut und Reichtum, über Krieg und Frieden, Klimakrise und Energiepolitik sowie das globale Geschäft mit dem Fußball. Schnell wurde deutlich, dass die Krise durchaus auch als Chance begriffen wird.

Eingeladen waren Lernende und junge Berufstätige sowie Erwerbslose bis 35, die sich in sozialen Bewegungen oder einem Jugendverband engagieren. Ebenso Stipendiaten der Hans-Böckler-Stiftung und Studierende der Global Labour University.

Performance am Potsdamer Platz

"Viele leben heute, um zu arbeiten, statt zu arbeiten, um zu leben", sagt Derrick, Mitglied der ver.di-Jugendgruppe bei den Hannoverschen Verkehrsbetrieben. "Wie schwachsinnig, den eigenen Selbstwert nur über die Arbeit zu definieren." Im Workshop "Die Rückkehr der Unsicherheit" redet er überwiegend mit Studierenden über ihre Arbeits- und Lebensperspektiven im nächsten Jahrzehnt. Bachelor-Absolventin Andrea erzählt von ihrem Alltag zwischen Praktikum, Nebenjob und einer ver.di-Gruppe junger Frauen, denen es ähnlich geht: "Wir merken ja selbst bei unseren Treffen, wie müde und platt wir manchmal sind."

Umut aus Rüsselsheim studiert im 16. Semester. Ihm war wichtig, von zu Hause auszuziehen, was ihm seine Eltern jedoch nicht finanzieren konnten. "Ich habe fast jeden Job schon mal gemacht", erzählt er - und diskutiert mit seiner Arbeitsgruppe erstmal über die Möglichkeiten radikaler Arbeitszeitverkürzung und über politisches Engagement. Da ist ein Konsens schnell gefunden: Am gesetzlichen Mindestlohn, der Begrenzung der Leiharbeit und höheren Tarifabschlüssen führt kein Weg vorbei.

Außerdem prägten sie den "Revolutionsschein - 2 ECTS-Punkte", eine Losung, die erstmal nur Studierende verstehen. Angespielt wird damit auf den Stress des Scheinerwerbs in den Bachelorstudiengängen. Der "Revolutionsschein" begleitete dann auch als Flyer die Performance der Sommeruni am Potsdamer Platz. Angeleitet vom Theaterpädagogen Harald Hahn gebärdeten sich die Jugendlichen als Teile einer Menschmaschine; mit ihren Körpern übersetzten sie hektische Betriebsamkeit, Aggression und Erschöpfung. Diese Aktion verfehlte ihre Wirkung nicht: Passanten blieben stehen und begannen zu diskutieren.

Den Slogan "Be cool - Stop Global Warming" steuerte ein anderer Workshop bei. Genossenschaftliche Modelle der regionalen Versorgung mit erneuerbaren Energien wurden hier als Möglichkeit aufgezeigt; eine Resolution regte dazu an, ver.di-Bildungszentren mit Solarzellen auszustatten.

Fische aus Somalia

Mirtha Rodriguez studiert zurzeit an der Global Labour University in Berlin und hat sich der Arbeitsgruppe "Klimakrise und Energiepolitik" angeschlossen. In ihrer Heimat Kolumbien gebe es kaum eine öffentliche Diskussion über Rohstoffe und Klimawandel, sagt sie. "Am ehesten thematisieren es noch die Gewerkschaften und Indigenas. Aber die staatliche Repression ist extrem." Gegen Gewerkschafter und Oppositionelle sei schnell der Vorwurf bei der Hand, sie würden die Guerilla unterstützen. Mit deutschen Waffenexporten und Militäreinsätzen beschäftigte sich ein weiterer Workshop - auch Zivilangestellte der Bundeswehr diskutierten hier mit. "Wer Fische aus Somalia klaut, braucht sich über Piraterie nicht zu wundern", brachte man soziale Ursachen für Sicherheitsprobleme auf den Punkt.

Generalstreik machbar?

Die Frage, ob sich die gewünschten Verbesserungen innerhalb des Systems erzielen lassen oder ein Bruch mit dem Kapitalismus nötig ist, wurde in mehreren Arbeitsgruppen sehr kontrovers diskutiert. Auch die Frage nach gewerkschaftlichen Durchsetzungsmöglichkeiten wurde mehrfach gestellt. Zugleich betonten einige Referenten und Teilnehmer, dass ein guter Lebensstandard in Zukunft anders definiert werden müsse als in der erdölbasierten Wegwerfgesellschaft. Bei der Auswertung der zwölf Workshops war neben ver.di-Jugendvertreterin Franziska Scheier, Arne Brix, Alexis Passadakis von ATTAC und Birgit Mahnkopf von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin auch der ver.di-Bundesvorsitzende Frank Bsirske anwesend, der beim Stichwort "Generalstreik" die Legitimität des politischen Streiks betonte. Zugleich warf er aber die Frage der Machbarkeit in den einzelnen Betrieben auf. Beim Thema Krieg und Frieden erinnerte Bsirske daran, dass ver.di - im Gegensatz zur ver.di-Jugend - UN-mandatierte Bundeswehreinsätze wie den in Somalia befürwortet, zugleich aber den Abzug deutscher Truppen aus Afghanistan fordert.

Erfolgreicher Dialog

Die Idee einer Sommeruniversität für junge Menschen aus dem Umfeld der Gewerkschaften entstand beim DGB-Kapitalismus-Kongress im letzten Jahr. Kooperationspartner von ver.di war die Hans-Böckler-Stiftung. Auch Studierende der Global Labour University, vor allem aus Lateinamerika, nahmen an der Veranstaltung teil. Teilnehmer bewerteten die Sommeruniversität überwiegend sehr positiv, obwohl die Workshops aus Zeitgründen zum Teil erheblich gestrafft werden mussten. Auch und gerade deshalb sieht Organisator Wolfgang Uellenberg, Bereichsleiter Politik bei ver.di, in der Veranstaltung ein fortsetzungswürdiges Experiment. Das Ziel, einen organisierten Dialog mit der jungen Generation aus Gewerkschaften und sozialen Bewegungen zu beginnen, wurde in jedem Fall erreicht.


Achtung: Arbeiten bis 67

Das Sparpaket der Bundesregierung sieht vor, Arbeitslosen keine Rentenzuschüsse mehr zu gewähren. Die Altersarmut für viele, vor allem für Frauen, wird damit zementiert.

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