Kommunikation

Neue Medien braucht der Streik

Wie Twitter, Soziale Netzwerke und Web 2.0 der Gewerkschaft nützen können

VON Helga Ballauf

# Lohn # Papierverarbeitung - Warnstreiks: Smurfit Delitzsch zum ersten Mal im Arbeitskampf. So lautet die Twittermeldung am 17. Mai 2010, 1 Uhr 59. Eine Stunde später verschickt twitter. com/gegendruckPPV den ersten Foto-Link. Er zeigt Beschäftigte der Frühschicht von Smurfit Kappa vor dem nordsächsischen Werk in gelben und roten Streikwesten mit ver.di-Logo. Ein Novum. Nie zuvor hatten die Delitzscher dem Arbeitgeber in einer Lohnrunde öffentlich die rote Karte gezeigt. Und noch nie zuvor hatte der ver.di-Bereich Verlage, Druck und Papier gezielt mehrere digitale Kommunikationstechniken zwischen den Leuten am Verhandlungstisch und jenen in und vor den Werken genutzt. "Es war ein Test", sagt Tarifsekretär Siegfried Heim.

Was alles geht

Twitter Die Plattform twitter.com/ gegendruckPPV startete Anfang des Jahres mit einer Meldung über die beschlossene Tarifforderung. Lesen können Interessierte die Kürzestbotschaften auf einem internetfähigen Handy oder am PC mit Webanschluss. Wer ständig auf dem Laufenden sein will, meldet sich als "Follower" an. Das große Plus von Twitter sind die Links, die auch blitzschnell weitergegeben werden können. Etwa Fotos gerade streikender Kolleg/innen. Oder die Verbindung zur Internetseite http://tarif-druck.verdi.de mit ausführlichen Informationen. Oder der Klick zur aktuellen Fernsehberichterstattung über die Tarifrunde. Twitter-Nachrichten direkt aus den Verhandlungen wie "Gespräche in kleiner Runde" oder "Arbeitgeber blocken" können draußen mobilisieren, aber auch ein taktisches Eigentor sein. Beim Twittern ist Fingerspitzengefühl gefragt.

SMS Die Kurzbotschaften per Handy erhält ein klar definierter Empfängerkreis. Ein geeignetes Medium für die schnelle und unauffällige interne Abstimmung der Aktiven, ohne dass die große Öffentlichkeit mitliest.

Telefon und E-Mail Auch der Dinosaurier unter den technischen Kommunikationsmitteln, das Telefon, bleibt wichtig, um Aktionen zu steuern. Und die pdf-Datei im E-Mail-Anhang erlaubt es vor Ort, blitzschnell einen gedruckten Aushang mit neuesten Infos aus dem Hut zu zaubern.

www.druck.verdi.de Die eigene Website kann die virtuelle Ver­knüp­fungsstelle und Drehscheibe für Aktuelles und Außergewöhnliches, für Hinweise und Hintergründe sein. Der erste Schritt: die Konzentration aller einschlägigen Nachrichten zu laufenden Tarifverhandlungen auf http://tarif-druck.verdi.de. Die Seite umfasste im Fall der Tarifrunde in der Papierverarbeitung etwa eine Fotogalerie der Warnstreikenden und Twitter-Links, Infos zur wirtschaftlichen Lage der Branche, Meldungen zum jeweiligen Verhandlungsstand und schließlich den Beschluss der Tarifkommission.

Der Mix macht's

Wer die modernen Kommunikationstechniken geschickt zu mixen versteht, erreicht die Mitglieder und Nichtorganisierte zielgenauer, also effizienter. Bei ver.di wird im Internet mit den Verhandlungsführern über das Tarifergebnis gechattet, Aktionen gegen Neonazis werden per Twitter und Website koordiniert, Warnstreikende mit blitzschnell im Netz veröffentlichten Fotos beflügelt.

Vor allem jüngere Beschäftigte sind es gewohnt, nicht nur ihr soziales Leben im Web 2.0. zu organisieren, sondern vor allem auch ihr gewerkschaftliches Engagement.

Diese Entwicklung nutzt die ver.di-Jugend auf der Plattform www.was-soll-politik.de. Hier sind Berichte, Fotos und Videos zu Aktionen vor Ort zu sehen, etwa unter dem Motto "Wir zahlen nicht für eure Krise". Mitmach-Ideen werden ausgetauscht und Aktivitäten verknüpft. Und neuerdings gibt es den Link zur Seite www.facebook.com/wassollpolitik. Hier setzt die Netzöffentlichkeit laufend neue Themen - zu Gentechnik, Grundeinkommen oder Bildungsstreik. ver.di-Bundesjugendleiter Ringo Bischoff sieht in der "horizontalen Kommunikation der sozialen Netzwerke" große Chancen: "Wir beherrschen dort die Information nicht mehr, aber wir können unsere gewerkschaftlichen Positionen mit anderen diskutieren."

Der organisationsinternen Debatte dient für alle ver.di-Mitglieder die Plattform  https://mitgliedernetz.verdi.de. Die Mitmach-Möglichkeiten für alle ver.di-Mitglieder sollen noch erweitert und verbessert werden. Erste Erfolge gab es schon: So stellten sich die Verhandlungsführer der Tarifrunde im öffentlichen Dienst für Bund und Kommunen im März 2010 einem Internet-Chat. Etwa 50 Kolleg/innen formulierten ihre Fragen, mehr als 500 lasen mit und über 4 000 haben inzwischen das entstandene Protokoll aufgerufen ((https://mitgliedernetz.verdi.de/informativ/++co++05ebd9ce-2ab5-11df-49ee-001ec9b03e44/@@download). Moderator Detlef Raabe: "Das nächste Mal werden wir den Chat mit mehr Vorlauf ankündigen und stärker in den Feierabend verlegen."