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Plötzlich wieder aktuell

Wecker & Wader: Kein Ende in Sicht | Liedermacher, das waren mal Rebellen. Dann wurden die Rebellen alt, und mit ihnen ihre Ideale und auch ihr Publikum. Heute scheint Liedermacher nur noch ein Wort, ein Schimpfwort manchmal gar. Dabei gibt es junge Sänger wie Philip Poisel, Clueso oder Gysbert zu Knyphausen, die mit Erfolg den Staub aus der Schublade pusten. Von denen allerdings, die damals den Schrank gebaut haben, sind einige noch aktiv. Reinhard Mey und Franz-Josef Degenhardt füllen weiterhin die Stadthallen. Genauso wie Konstantin Wecker und Hannes Wader, die das gerne auch im Doppelpack tun.

Anfang des neuen Jahrtausends hatten sich Wecker und Wader bereits zwei Mal zusammengetan, um mal ein Lied des anderen zu singen, dann ein eigenes und dann auch eines im Duett. Das hat so gut funktioniert, dass nun die dritte Auflage ansteht. Kein Ende in Sicht heißt das eben erschienene Album, dem eine gleichnamige und ausführliche Tournee im Hochsommer folgen wird. Die führt die beiden alten Haudegen auf einige der schönsten Open-Air-Bühnen des Landes. Dort werden sie vor allem eins demonstrieren: Dass man zwar alt werden, sich aber trotzdem treu bleiben kann.

Hannes Wader, 68 Jahre alt mittlerweile, mag zwar 1991 aus der DKP ausgetreten sein, aber tapfer singt er weiter: „Ein neuer Sozialismus müsste her.“ Und Konstantin Wecker, auch nur fünf Jahre jünger, will bis heute „den Vergessenen im letzten Glied“ Trost spenden. Das tun die beiden – wahrscheinlich wohlwissend, dass ihr Publikum heute eher aufpassen muss, die Einkommenssteuererklärung nicht zu vergessen – mit mitunter zeitlosen Melodien, mit einer gehörigen Portion Sentimentalität, aber auch mit einer ziemlich trotzigen Grundeinstellung und vor allem mit einer neu gewonnenen Modernität.

Das liegt allerdings weniger an den vergleichsweise neuen Werken zu aktuellen Problemen und Personal wie dem Lied vom „Gutti-Land“, in dem Wecker unserem amtierenden Verteidigungsminister ein eher ironisches Denkmal gesetzt hat. Solchen tagesaktuellen Bezug hätten die beiden ergrauten Wölfe gar nicht nötig. Sind ihre zum Teil schon Jahrzehnte alten Lieder doch, auch ohne ihr Zutun, plötzlich wieder zeitgemäß: Die jüngsten politischen Entwicklungen geben den altgedienten Reimen wieder recht, verschaffen ihnen frischen Neuigkeitswert. Die Zeilen vom „kalten Wind, der uns zur Zeit so rücksichtslos entgegen weht“, hat Wecker schon geschrieben, als es kein Sparpaket gab. Nun singt sie Wader noch einmal, aber selten war es so wahr. Die alten Liedermacher sind wieder ganz schön rebellisch. Thomas Winkler

CD, STURM & KLANG / ALIVE


Faithless: The Dance | 15 Jahre sind auf dem Feld der elektronischen Musik eine Ewigkeit – und irgendwie mutet es so an, als ob es die Londoner Faithless schon ewig geben würde. Sie sind Zeitgenossen von Moby, Underworld oder Massive Attack und definierten mit Stücken wie Insomnia oder God Is A DJ in den Neunzigern Tanzflächen-Pop neu: als eher nachdenkliche Mischung aus Reggae, House, Downbeats und TripHop, mit viel düster-treibendem Text. Jetzt sind Rollo Armstrong, Maxi Jazz und Sister Bliss wieder da – mit ihrem sechsten Album, das sie The Dance genannt haben. Und wenig hat sich verändert: Diese Musik ist getragen von Beats, umgarnt von Maxi Jazz’ sonorer Stimme. Doch haben es Faithless heute schwer, auf dem Feld zu bestehen, dass sie selbst geschaffen haben: Ein wenig aus der Mode gekommen erscheint heute ihr Sound. Was früher geheimnisvoll glitzerte, das mutet etwas esoterisch an, und was vor 15 Jahren aufregend klang, klebt jetzt leicht nostalgisch im Ohr. Zu dieser Musik mag man gern an früher denken – zum Tanzen reizt es aber eher nicht. pesch

CD, NATES TUNES/PIAS/ROUGH TRADE