INTERVIEW

Regionale Kenntnisse sind unerlässlich

Sigrid Müller, Leiterin der ver.di-Bundesfachgruppe Bundesverkehrs- und Straßenbauverwaltung, zur geplanten Privatisierung der WSV

foto: Kossmann

ver.di PUBLIK | Welche Bedeutung hat die WSV für die Infrastruktur und für die Bevölkerung der Bundesrepublik?

SIGRID MÜLLER | Binnen- und Seeschifffahrt sind volkswirtschaftlich und ökologisch unentbehrliche Verkehrsträger. Die Wasserstraßen - und damit die WSV - sind daneben wichtig für die Wasserversorgung, für den Abfluss der Niederschläge und der Abwässer aus den Kläranlagen, aber auch für die preiswerte und saubere Energiegewinnung in staugeregelten Abschnitten.

ver.di PUBLIK | Nach mehrmaligen Reformen und dem Abbau von 4000 Arbeitsplätzen: Wo drückt die jetzigen Beschäftigten der Schuh am meisten?

MÜLLER | Der ständige Personalabbau, gerade dort, wo Personal dringend benötigt wird. Dann die Intransparenz, die mangelhafte Kommunikation und oft auch das Missmanagement sind die Probleme, die uns am häufigsten genannt werden. Viele Kolleg/innen sind völlig überlastet und kämpfen mit ihrer Motivation, wenn sie fortlaufend nicht informiert und erst recht nicht beteiligt werden, obwohl sie doch das Expertenwissen haben.

ver.di PUBLIK | Gegen welche Maßnahmen sperrt sich ver.di besonders?

"Viele Kolleg/innen kämpfen mit ihrer Motivation, wenn sie nicht informiert und erst recht nicht beteiligt werden, obwohl sie doch das Expertenwissen haben"

MÜLLER | Auf hundertprozentige Ablehnung stößt der Umbau der WSV von einer Durchführungs- in eine Gewährleistungsverwaltung, also der Abschied von der Eigenleistung, gerade von den Leistungen der Facharbeiter/innen und vieler anderer Beschäftigter. Ämter, Außenbezirke und Bauhöfe müssen zur Eigenleistung erhalten bleiben, die regionalen Kenntnisse sind unerlässlich. Die Eigenleistung in der WSV ist überwiegend kostengünstiger und hat eine bessere Qualität. Und die Durchführungsverwaltung erhält beziehungsweise schafft tariflich geregelte Arbeit und Ausbildung. Gerade die 1100 Azubis wären besonders betroffen, 80 Prozent dieser Ausbildungen könnten in einer Gewährleistungsverwaltung nicht mehr stattfinden.

ver.di PUBLIK | Welche Folgen haben die geplanten Maßnahmen?

MÜLLER | Die Regierung, insbesondere die FDP, will die Privatwirtschaft mit mehr Aufträgen versorgen. Auch Teile der Ministerialverwaltung wollen die WSV zerschlagen. Die Leistungen würden für den Steuerzahler teurer und qualitativ schlechter. Vor allem: Die Ar­beit­neh­me­r/in­nen würden weniger verdienen, und das oft bei schlechten Arbeitsverhältnissen.

ver.di PUBLIK | Welche Ziele verfolgt ver.di bei den nächsten Tarifverhandlungen?

MÜLLER | Unser Ziel ist ein Tarifvertrag mit Arbeits- und Gesundheitsschutz für alle Bereiche des Verkehrsministeriums, nicht nur für die WSV. Denn die Probleme sind überall die gleichen: Personal wird abgebaut, aber die Aufgaben bleiben beziehungsweise werden mehr.

Interview: Werner Rügemer