Kumpelverein

Das verbindet uns

Halif Insel und Stefan Jabs, Werftarbeiter und Kumpels aus Bremerhaven

foto: Tjaden / Laif


Unter der Losung "Mach meinen Kumpel nicht an" begann 1985 eine Kampagne der DGB-Jugend gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Aus der Kampagne wurde ein Verein, der immer noch gebraucht wird und in diesem Jahr sein Jubiläum feiert

von Claudia von Zglinicki

Ein Vierteljahrhundert ist es jetzt her. 1985 entstand in der Bundesrepublik ein Projekt der Gewerkschaftsjugend für junge Facharbeiter/innen und Auszubildende, das gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gerichtet war. Die Absicht: Junge Leute in Betrieben, auf der Straße und überall im Alltag stellen sich vor ihre Kolleg/innen und Freunde aus anderen Ländern und nehmen sie vor Angriffen und aggressiven Sprüchen in Schutz. Aus dem Projekt entwickelte sich ein Verein der Gewerkschaften, kurz der "Kumpelverein" genannt.

Der Verein besteht nach wie vor, er bietet Service für alle, die etwas gegen Rassismus tun wollen - und er wächst. Ende März hat er zum sechsten Mal seinen Wettbewerb "Die Gelbe Hand" für Schüler/innen, Auszubildende und Klassen an Berufsschulen ausgeschrieben. 2010 waren zur fünften Ausschreibung 40 Arbeiten eingereicht worden, Filme, Plakate, Lieder und anderes. Den ersten Preis bekamen die Auszubildenden des "Ausbildungsrings Ausländischer Unternehmer e.V." in Nürnberg. Sie hatten eine DVD vorgelegt, auf der sechs junge Leute aus sechs Ländern von sich erzählen. Sie alle leben in Deutschland. Eine in Algerien geborene junge Frau mit deutscher Staatsbürgerschaft sagt vor der Kamera: "Ich bin vor einiger Zeit auf eine Gruppe gestoßen, die hat mich beleidigt. Es sind Sätze gefallen wie ‚Ausländer - stinkt. Geh zurück nach Hause!‘ Ich hab mich verletzt gefühlt. Das hat mich wütend gemacht. Toleranz heißt: Dulden, dass jemand anders ist." Der Wettbewerb des Kumpelvereins läuft auch jetzt wieder; 2012 werden die Preisträger ermittelt.

Am Anfang des Projekts standen ein glücklicher Zufall - und Begeisterung: Ein Journalist war von einer Frankreichreise zurückgekommen und hatte in der Redaktion des DGB-Jugendmagazins ‘ran beeindruckt von der Arbeit eines französischen Vereins erzählt. Der hieß "Touche pas à mon pote" - "Fass meinen Kumpel nicht an". Symbol des Vereins war in Frankreich die Gelbe Hand, es gab tausende Anstecker davon.

Der Anfang in Deutschland

Wolfgang Römisch, damals Chefredakteur des Magazins, beschloss mit seinen Kollegen, im September 1985 ein ‘ran-Heft mit dem Schwerpunkt "Gelbe Hand" zu machen. Auf der Titelseite stand: "Wir starten die Aktion!" Daneben leuchtete die Gelbe Hand mit der Zeile "Mach meinen Kumpel nicht an! Eine Initiative von ‘ran und der DGB-Jugend". Berichtet wurde auch über die ersten Frauen und Männer, die sich in der Bundesrepublik zur Gelben Hand bekannten. Der damalige DGB-Chef Ernst Breit und der Ex-Bundeskanzler und SPD-Politiker Willy Brandt waren dabei. Und die Sängerin Nena. Sie schrieb: "Vor ein paar Tagen hat jemand in den Fahrstuhl unserer Kreuzberger Etage geschrieben: ‘Türken ins KZ. Ein Deutscher.' Eine Geschichte, die zeigt, wie sehr sich die Ausländerfeindlichkeit der Regierungspolitik auf der Straße umsetzt."

Bald trugen wie in Frankreich auch in Deutschland viele den gelben Sticker. Grund gab es auch in der Bundesrepublik; die Ausländerfeindlichkeit nahm zu, als man merkte, dass die ins Land geholten "Gastarbeiter" in Deutschland bleiben würden. "Ausländer raus" las man an Häuserwänden, wie ‘ran schrieb. Das Magazin nannte Beispiele aus dem Alltag von 1985: In Hamburg überfielen zwei Skinheads eine junge Türkin auf einem belebten Platz, niemand half ihr. In einer bayerischen Gemeinde fand sich kein Geistlicher, der bei der Beerdigung einer syrischen Asylbewerberin predigte.

"Der Erfolg dieser ‘ran-Ausgabe war überwältigend", erinnert sich der Gewerkschafter Holger Menze, Leiter der ver.di-Bildungsstätte Lage-Hörste. "Im Grunde haben wir die Erfahrung aus Frankreich abgekupfert. Und die Gelbe Hand wurde zum übergreifenden Symbol, das die jungen Leute aus verschiedenen Gewerkschaften verbunden hat."

Neue Ideen

Nach der ver.di-Gründung vor zehn Jahren wollte Holger Menze etwas dafür tun, den Kumpelverein wieder mehr ins Gespräch zu bringen. Er regte die Zusammenarbeit mit ver.di an und wurde 2003 zu seiner eigenen Überraschung gleich zum Vereinsvorsitzenden gewählt, für vier Jahre. Menze hatte die Idee, künftig nicht mehr nur Gewerkschaften und andere Organisationen als Mitglieder in den Verein aufzunehmen, sondern auch einzelne Personen, ob prominent oder nicht - Hauptsache, sie stehen hinter der Idee. Inzwischen hat der Verein mehr als 220 Fördermitglieder.

Dass er weiter wächst, ist auch Giovanni Pollice sehr wichtig. Er ist seit drei Jahren Vorsitzender des Kumpelvereins. Hauptberuflich leitet er die Abteilung Migration/Integration beim Hauptvorstand der IG Bergbau, Chemie, Energie. Im März nahm er an dem ersten Antirassismus-Seminar "Mach meinen Kumpel nicht an" in der ver.di-Bildungsstätte Lage-Hörste teil, um den teilnehmenden verdi.anern "seinen" Verein vorzustellen, wortreich und mit Elan. Auch Pollice will neue Mitglieder gewinnen. Er sagt: "Wenn wir eines Tages 1000 oder 2000 Mitglieder haben, brauchen wir uns um die Finanzierung unserer Arbeit, die Absicherung der Geschäftsstelle und den Newsletter keine Sorgen mehr zu machen." Dafür schreckt er auch vor drastischen Methoden nicht zurück. So erklärte er vor kurzem auf der Migrationskonferenz der IG Metall klipp und klar: "Ich verlasse den Raum erst, wenn ich zehn neue Mitglieder gewonnen habe." An die Drohung hielt er sich dann auch.

Datenbank und Wettbewerb

Klaudia Tietze ist seit einem halben Jahr Geschäftsführerin des Vereins mit einem kleinen Büro in Düsseldorf. Sie staunt manchmal, wie beliebt der Verein ist, gerade bei Älteren, die sich vor Jahren schon engagiert haben und den Sticker mit der Gelben Hand seit langer Zeit tragen. Aber vor allem will die 32-jährige Politikwissenschaftlerin, die aus Polen kommt, den Verein für junge Leute interessant machen. Wichtiges Mittel dafür ist der Newsletter aktiv + gleichberechtigt. Darin können Interessierte von ihren Aktionen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit berichten, und die Leser erfahren, was bundesweit gerade läuft.

Und der Wettbewerb ist natürlich wichtig. Der 30-jährige Hans-Peter Killguss arbeitet in Köln in der Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus. Er gehört zu denen, die im Jahr 2005 den Wettbewerb ins Leben gerufen haben. Im Grunde habe Killguss den Verein damit wieder richtig zum Leben erweckt, stellt Holger Menze fest, "nachdem die Anfangseuphorie nachgelassen hatte und die Gelbe Hand ein bisschen vor sich hin dümpelte".

"Der Wettbewerb, das ist unser spezielles Feld", sagt der Vereinsvorsitzende Pollice. "Er ist für junge Leute in der Arbeitswelt gedacht. Es beteiligen sich schon viele Schülerinnen und Schüler von Gymnasien daran, Berufsschulen sind bisher weniger dabei. Aber wir wollen gerade Azubis und junge Gewerkschaftsmitglieder dazu anregen, mehr mitzumischen." Gesucht und prämiert werden in dem Wettbewerb Videos, Fotos, Plakate, Texte und andere Materialien, die sich mit Fremdenfeindlichkeit auseinandersetzen. Beim ersten Mal haben sich nur zehn Gruppen beteiligt, "da waren wir fast am Verzweifeln", sagt Holger Menze. Aber der Wettbewerb hatte bald einen guten Namen. Hans-Peter Killgus erinnert sich noch an die ersten Preisträger und ihre Arbeiten, so an das Video zweier türkischer Mädchen über Anpassung und Diskriminierung und den Film einer Förderklasse aus Halbe über ihre Stadt, die Naziaufmärsche dort und die Gegenaktivitäten vieler Menschen. Ihn beeindruckt, wie wichtig der Preis für die Jugendlichen war, die ihn bisher bekommen haben: "Es war gerade für die ersten Preisträger toll, zur Preisverleihung zu fahren und Männern im Anzug etwas erklären zu können. Sie haben was zu sagen, das haben sie bei der Preisverleihung erlebt."

Der Aufruf zum Wettbewerb 2011/2012 steht seit einigen Tagen auf der Website des Vereins. Neben den Arbeiten bisheriger Preisträger, allen Newslettern und der neuen, langsam wachsenden Best-Practice-Datenbank mit guten Beispielen für Projekte. Fördermitglied des Vereins kann man auf der Internetseite natürlich auch werden. www.gelbehand.de