JOURNALISMUS

Von nichts kommt nichts

Die Verleger von Zeitungen und Zeitschriften rechnen für die Rendite eine ganze Branche klein. Den Anspruch, für Qualitätsjournalismus und Pressevielfalt zu stehen, haben sie längst aufgegeben

Journa­lismus von der Stange: Die Qualität spielt keine Rolle mehr

foto: Ulrich Baumgarten / vario images

von Silke Leuckfeld

Empört, aber kreativ protestierten am 30. März in Ostwestfalen-Lippe Redakteurinnen und Redakteure mit einer selbst gestalteten Plakatwand und folgenden Worten: "Die Verleger trauen sich was: 25 Prozent weniger Gehalt für Zeitungsredakteure. Das motiviert - zum Streik!". Wie motiviert sie sind, zeigten sie ihren Arbeitgebern auch gleich - mehr als 100 Redakteure der Tageszeitungen Haller Kreisblatt, Mindener Tageblatt sowie der Neuen Westfälischen legten die Arbeit nieder und trafen sich in Minden. Die Plakatwand vor dem Verlagsgebäude des Mindener Tageblatt wurde für einige Wochen gemietet, um die Geschäftsleitung zu mahnen, im Arbeitgeberverband für vernünftige Verhandlungspositionen einzutreten.

Sogenannte Korrekturen

Das war nur der Auftakt zu bundesweiten Aktionen, mit der Redakteure gegen die Forderungen der Verleger protestieren. Gekündigt sind sowohl der Gehalts- als auch der Manteltarifvertrag. Vier Prozent mehr Gehalt fordert die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di für die knapp 14000 angestellten Redakteure und für die arbeitnehmerähnlichen freien Journalisten. Außerdem sollen die Online-Redakteure endlich unter den Tarifvertrag fallen (siehe auch ver.di PUBLIK 03_2011). Die Vorstellungen des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) sehen dagegen völlig anders aus: Jeder im Verlag müsse künftig mehr arbeiten und weniger Geld verdienen, teilte ein BDZV-Vertreter bereits in der ersten Verhandlungsrunde mit. Werner Hundhausen, Verhandlungsführer der Arbeitgeber, formulierte es eleganter: In dieser Tarifrunde bedürfe es "vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einer sinnvollen Korrektur der Unternehmensbelastungen".

Die von Hundhausen benannten "wirtschaftlichen Rahmenbedingungen" bedeuten bei den meisten Verlagen immer noch Renditen im zweistelligen Prozentbereich. Davon können andere Branchen nur träumen. Doch das reicht den Arbeitgebern nicht: Die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck ist mit der Saarbrücker Zeitung und dem Trierischen Volksfreund nur noch ohne Tarifbindung (OT) Mitglied im Verlegerverband - kein Einzelfall. Quer durch die Republik verabschiedeten sich Tageszeitungen so vom Tarif. Die Nordwest-Zeitung in Oldenburg spart sogar beim Redaktionsnachwuchs, alle Volontäre werden über eine Leiharbeitsfirma beschäftigt. Bei der Münsterschen Zeitung wurden von einem Tag auf den anderen die komplette Lokal- und Sportredaktion rausgeschmissen und durch eine billigere, jüngere Mannschaft ersetzt. Die WAZ-Mediengruppe, die als eine der renditestärksten gilt, strich 300 Redakteursstellen. Rund 1000 Arbeitsplätze gingen in den vergangenen Jahren verloren.

Gleichzeitig stieg die Arbeitsbelastung für die Beschäftigten bis ins Unerträgliche: Sie sollen nicht nur Artikel recherchieren und schreiben, sondern auch Seiten layouten, für das Internet arbeiten und möglichst auch noch die Fotos zu den Artikeln selbst liefern. Unter diesen Voraussetzungen ist hochwertiger Journalismus kaum noch möglich. Zusätzlich verwerten mehrere Verlage Artikel oder sogar ganze Zeitungsseiten mehrfach und drucken sie nicht nur in einer Zeitung. Der Axel Springer Verlag gehörte mit Welt und Berliner Morgenpost zu den Vorreitern, längst sind andere auf den Zug aufgesprungen. Den Anspruch, für Qualitätsjournalismus und Pressevielfalt zu stehen, haben die Arbeitgeber längst aufgegeben. Dafür ist nur noch Platz in ihren Reden auf Verbandstagen. Das merken auch die Leser, die Auflagen sind bundesweit rückläufig.

Mehr Stunden, weniger Redakteure

Mehr arbeiten haben Verleger schon durchgesetzt, jetzt sollen die Redakteure auch noch weniger verdienen. Die Arbeitgeber haben sich einen sogenannten "Gehaltstarifvertrag 2" ausgedacht, der für alle neu abgeschlossenen Arbeitsverträge gelten soll und 25 Prozent weniger Einkommen bedeuten würde. Davon wäre jede oder jeder betroffen, die oder der den Arbeitsplatz wechselt, in eine andere Gesellschaft ausgelagert wird oder ganz neu in den Beruf einsteigt. Zusätzlich wollen die Verleger für alle Redakteure selbst entscheiden, ob sie befristet das Weihnachts- und Urlaubsgeld halbieren.

Eine lange "Wunschliste" übergaben auch die Vertreter des Verbandes der Deutschen Zeitschriftenverleger (VDZ) an die Gewerkschaften dju in ver.di und Deutscher Journalisten-Verband (DJV): Sie beharren darauf, die Arbeitgeberbeiträge zur Presseversorgung, der Altersversorgung für die Redakteure, abzusenken. Außerdem wollen sie das Urlaubs- und Weihnachtsgeld kürzen, die Zuschüsse zum Krankengeld streichen und die Kündigungsfristen verkürzen. Doch damit nicht genug - sie wollen die Arbeitszeit um vier Stunden wöchentlich verlängern, wodurch jede zehnte Redakteursstelle eingespart werden könnte.

Die dju in ver.di fordert auch für die Redakteure bei den Zeitschriften vier Prozent mehr Gehalt und bezahlte Qualifizierungsansprüche. Außerdem sollen die Online-Redakteure auch hier endlich unter die Tarifverträge fallen. Gekündigt sind ebenfalls der Gehalts- und auch der Manteltarifvertrag. Und auch die vierte Verhandlungsrunde mit dem VDZ verlief ergebnislos: Sie fand am 15. April vergangenen Jahres statt, ein neuer Termin wurde seither nicht vereinbart. Mit dem BDZV, dem Bundesverband der Zeitungsverleger, wurde nun für den 4. Mai die nächste Runde vereinbart.