BILDUNG

Ausdruck einer Klassengesellschaft

Von Chancengleichheit kann in Deutschland keine Rede sein

WOLFGANG UELLENBERG VAN DAWEN ist Leiter des ver.di-Bereichs Politik und Planung

Wer einen Hochschulabschluss hat, der verdient besser, findet leichter einen sicheren Arbeitsplatz, ist mit dem Leben zufriedener, engagiert sich mehr in Ehrenämtern und geht in der Regel auch wählen. Das gilt besonders für Deutschland, wie es die einschlägigen Statistiken zeigen. Bildungsinvestitionen lohnen sich also: für die Menschen, für die Arbeitgeber und vor allem auch für den Staat. Darum ist es besonders erschreckend, ja, ein Skandal, wenn der neueste OECD-Bildungsbericht Deutschland einen dramatischen Rückstand bei der Zahl der Hochschulabsolventen nachweist - und nicht nur das.

Zwar hat sich der Anteil der Hochschulabsolventen auch in Deutschland seit 1995 verdoppelt, liegt aber mit 29 Prozent sehr deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von immerhin 39 Prozent. Und noch schlechter steht Deutschland im langfristigen Vergleich da: Anfang der 1960er Jahre machten im OECD-Schnitt nur 13 Prozent aller Menschen einen Abschluss im sogenannten tertiären Bereich, also der Hochqualifizierten. Im Jahr 2009 waren es dreimal so viele. Die größten Fortschritte erzielten Korea und Japan, die von niedrigem beziehungsweise mittlerem Niveau starteten und heute mit 63 und 56 Prozent aller 25- bis 34-Jährigen über den höchsten Anteil von Hochqualifizierten verfügen.

Deutschland jedoch hat die geringste Zuwachsrate aller OECD- Länder. Der Anteil der Hochqualifizierten ist seit fünf Jahrzehnten kaum gewachsen. Vor 50 Jahren erwarb jede/r fünfte Erwachsene einen Hoch- und Fachhochschulabschluss oder einen Meisterbrief, heute ist es jeder und jede vierte. Lag Deutschland vor einem halben Jahrhundert damit im Mittelfeld, so ist es mittlerweile auf den 23. Platz der heute 27 Länder abgerutscht. Die Folge: Während in der Generation der 55- bis 63-Jährigen, die jetzt aus dem Arbeits-leben ausscheiden, Deutschland noch 6,3 Prozent des Angebots an hochqualifizierten Kräften in den Industrieländern stellt, sind es in der jüngeren Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen, die jetzt in das Arbeitsleben eintreten, nicht einmal mehr die Hälfte. Ein bemerkenswerter Befund für einen hochentwickelten Industriestaat, der vor allem auf die Qualität seiner Produkte und Dienstleistungen angewiesen ist.

Nach wie vor mangelt es an Bildungsausgaben

Der Skandal liegt jedoch vor allem darin, dass in keinem anderen Land der OECD der Zugang von Menschen aller sozialen Schichten zum Hochschulabschluss so weit in der Ferne ist wie in Deutschland: Hier verfügten bei den Pisa-Tests immer noch mehr als ein Drittel der 15-Jährigen bei der Lesekompetenz nicht über die erforderlichen Fähigkeiten. Auch der neueste Bericht stellt leider wieder einmal in aller Klarheit fest, dass das Risiko für Schüler mit ungünstigem sozialen und ökonomischen Hintergrund, ihre Lernziele zu verfehlen, mehr als doppelt so hoch ist wie im Durchschnitt der OECD-Länder. Ja, mehr als doppelt so hoch.

Trotz dieses seit Jahren deutlichen Bildungsgefälles sind die Bildungsausgaben in Deutschland sogar noch weiter gesunken: Hat Deutschland 1995 noch 5,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung ausgegeben, so sind es heute nur noch 4,9 Prozent - deutlich weniger als der OECD-Durchschnitt von 5,9 Prozent. Deutschland liegt damit weit abgeschlagen auf Platz 30 von 36 Ländern, für die Daten zum Nationaleinkommen und den Bildungsausgaben erhoben werden.

Und bezeichnend dabei ist vor allem dieses Ergebnis: Besonders niedrig sind in Deutschland die Ausgaben je Schüler im Grundschulbereich. Sie liegen um ein Drittel unter dem Durchschnitt der OECD-Länder. Das hat zur Folge, dass in Deutschland die Klassen größer sind, mehr Schüler und Schülerinnen auf eine Lehrkraft kommen und die Schüler weniger Unterrichtsstunden bekommen. Mitnichten ein Beitrag zur Chancengleichheit.

Trotz aller Bildungsreformen und höherer Absolventenzahlen an den Hochschulen bleibt das Bildungsgefälle in Deutschland bestehen. Von Chancengleichheit kann nach wie vor keine Rede sein. Nach wie vor werden die Bildungspotenziale junger Menschen aus Familien mit geringem Einkommen kaum genutzt, wird ihnen eine intensive Förderung verweigert. Und nach wie vor mangelt es an Bildungsausgaben und Bildungsanstrengungen für diejenigen, die sich in den allgemeinbildenden Schulen befinden. Gewachsen sind hingegen die Unterschiede beim Einkommen und der sozialen Sicherheit - und damit der Chancen auf Teilhabe am gesellschaft- lichen Leben. Die hängt in der sogenannten Bildungsrepublik ab vom Bildungsabschluss - und wenn der Zugang zu diesen Abschlüssen weiterhin beschränkt bleibt, dann ist das Ausdruck einer Klassengesellschaft, die Aufstieg durch Bildung nicht vorsieht. Jedenfalls nicht annähernd in dem Maße, wie er im internationalen Vergleich in anderen Ländern möglich ist.