Lateinamerika

Arbeitende Kinder schreiben ein Gesetz

Hunderttausende Kinder und Jugendliche in Bolivien arbeiten. Die Union der Kinderarbeiter fordert jetzt ihre soziale und politische Anerkennung und das Recht auf Bildung. Ihr Gesetz soll ins Parlament eingebracht werden.

"Wir denken nicht, dass Arbeit eine Strafe ist und verboten gehört", Ernesto Copa Cruz, Sprecher der Union der arbeitenden Kinder in Bolivien

foto: Fernando Moleres/laif

von Anette Jensen

Das hat es noch nicht gegeben: In Bolivien haben arbeitende Kinder und Jugendliche einen Gesetzentwurf erarbeitet. Er zielt darauf ab, ihre Rechte zu stärken. Dazu ermutigt hat die Mädchen und Jungen die Anfang 2009 in Kraft getretene bolivianische Verfassung, in der ein Verbot von Kinderarbeit nicht mehr auftaucht.

"Es ist dringend nötig, dass arbeitende Kinder geschützt und gezielt gefördert werden", sagt der Sprecher der Union arbeitender Kinder Boliviens (UNATSBO) Ernesto Copa Cruz aus der bolivianischen Stadt Potosi. Der 18-Jährige weiß, wovon er spricht: Seit seinem zehnten Lebensjahr arbeitet er. Anfangs hat er auf einem Busbahnhof als Ausrufer Geld verdient, später wurde er Schuhputzer. Nach dem Abitur will er studieren. Ernesto Copa ist keine Ausnahme in dem lateinamerikanischen Land. Einer schon etwas älteren Volkszählung zufolge, arbeiten in Bolivien etwa 600.000 Kinder und Jugendliche. Tatsächlich dürften es gegenwärtig deutlich mehr arbeitende Kinder sein. Das ist keineswegs eine marginale Gruppe in einem Land mit einer überwiegend jungen Bevölkerung und insgesamt knapp zehn Millionen Einwohnern.

Absurde Folgen

Der Gesetzentwurf zielt darauf ab, dass arbeitende Mädchen und Jungen sozial und politisch anerkannt werden. Bisher regelt die Arbeitsgesetzgebung nur die Erwerbstätigkeit von Menschen ab dem 14. Lebensjahr. Somit greifen Arbeitsschutzbestimmungen für die Jüngeren nicht. Die Folgen sind absurd: Bei einer Überprüfung eines Bergwerks in Potosi haben sich die dort arbeitenden Kinder versteckt.

Ganz im Sinne einer Gewerkschaftsbewegung fordern sie Versammlungsfreiheit und einen Mindestlohn.

Die Union arbeitender Kinder Boliviens wehrt sich seit langem dagegen, dass erwerbstätige Mädchen und Jungen unsichtbar gemacht werden sollen. Die Ursache dafür ist vor allem im internationalen Druck zu suchen: Fördergelder und -programme aus den USA und anderen Industrieländern werden davon abhängig gemacht, dass Bolivien Kinderarbeit offiziell bekämpft. Doch die Autoren des Gesetzentwurfs wollen mehr als offizielle Anerkennung. Sie fordern, dass Bildung allen Kindern zugänglich sein muss und sich die Schulen darauf einstellen. Und sie möchten bei allen sie betreffenden Angelegenheiten mitreden können. Und ganz im Sinne einer Gewerkschaftsbewegung fordern sie Versammlungsfreiheit und einen Mindestlohn.

Die Inhalte des Gesetzestextes sind in einer monatelangen Diskussion entstanden. Mit Hilfe der Kinderrechtsorganisationen "terre des hommes" und "Save the Children" organisierte UNATSBO regionale Versammlungen, auf denen zunächst eine Bestandsaufnahme der Probleme auf der Tagesordnung stand und anschließend Ideen zu deren Behebung zusammengetragen wurden. Eine Delegiertengruppe fasste die Ergebnisse zusammen, bevor ein Rechtsanwalt half, das Ganze in formaljuristische Sprache zu übersetzen.

Arbeit ist keine Strafe

Peter Strack, Regionalleiter von terre des hommes, schätzt, dass zwei bis dreitausend Kinder an dem Prozess beteiligt waren. "Viele Kinder arbeiten, weil sie arbeiten müssen und das Geld brauchen. Aber viele finden das auch akzeptabel und haben eine positive Einstellung dazu." Zwar ist die Schule in Bolivien offiziell gratis. Aber es fallen Kosten für eine Uniform und einiges mehr an, auch werden Gebühren fällig für Einschreibungen und Sonderveranstaltungen. Strack schätzt, dass viele Kinder etwa ein Viertel ihrer Einnahmen für die Schule ausgeben. "Für unsere Organisation ist der Schulbesuch das Wichtigste", sagt Ernesto Copa Cruz. "Wir denken aber nicht, dass Arbeit eine Strafe ist und verboten gehört."

Nach der Fertigstellung ihres Gesetzesentwurfs haben die UNATSBO-Vertreter/innen versucht, möglichst viele Politiker anzusprechen. Die Abgeordnete Rebeca Delgado hat bereits versprochen, das Papier ins Parlament einzubringen. Auch Außenminister David Choquehuanca und mehrere Bürgermeister haben schon ihre Unterstützung zugesagt. Präsident Evo Morales passten die Kinder bei einer Veranstaltung in Tarija ab und drückten ihm dort ihren Vorschlag in die Hand. Eine deutlich ablehnende Haltung nimmt bisher dagegen das Arbeitsministerium ein. Wann daher auf Regierungsebene über den Vorschlag der Kinder und Jugendlichen beraten wird, ist noch unklar.

Zum Nachlesen

Die bolivianische Kinderbewegung hat ein Buch herausgegeben, das die Ergebnisse ihres Diskussionsprozesses zusammenfasst. Es heißt "Meine Stärke ist meine Arbeit" und ist in spanischer Sprache nachzulesen auf der Seite der Kinderrechtsorganisation ProNats: http://tdhsbolivia.org/pdfs/Mi_fortaleza_es_mi_trabajo_Doc_Final.pdf