Bangladesh

Land der billigen T-Shirts

Betriebsräte von H&M, Zara und Real waren bei den Näherinnen in Dhaka

Johann Rösch, ver.di-Bundesfachbereich Handel

Foto: Frischmuth / argus

Mode kann schick und billig sein, so werben Textilketten, die in Asien produzieren lassen. Wie die Shirts entstehen, passt jedoch nicht in dieses Bild. Betriebsrätinnen von H&M, Zara und der Metro-Tochter Real fuhren mit Johann Rösch im Rahmen des Projekts "ExChains" nach Bangladesh. Hinter dem Projekt steht das internationale Bildungswerk TIE, das die Solidarität der Beschäftigten in der Textil-Lieferkette fördert.

ver.di PUBLIK | Was hat euch besonders beeindruckt?

Johann Rösch | Die Armut und die Wohnverhältnisse der Näherinnen. Wir haben einen Slum in der Hauptstadt Dhaka besucht, wo in einem Wellblechgebäude 140 Menschen miteinander auskommen müssen. Mehrere teilen sich einen kärglichen Raum, weil die Miete zu hoch ist. Es gibt nur acht Kochstellen und einen Waschraum.

ver.di PUBLIK | Haben die Näherinnen resigniert?

Rösch | Im Gegenteil. Sie sind sehr aufgeschlossen und bewahren ihre Würde. Textilarbeiterinnen haben sich mit uns getroffen, obwohl sie dafür ihren Job riskiert und einen Tag kein Geld verdient haben, weil sie sich krank melden mussten. Auch beim Workshop eines DGB-Projekts haben wir mutige Frauen erlebt. Dabei wird Gewerkschaftsarbeit in Bangladesh brutal erschwert.

ver.di PUBLIK | Wie sind die Arbeitsbedingungen?

Rösch | Oft geht die Arbeitszeit weit über acht Stunden hinaus, an sechs oder sieben Tagen pro Woche. Wenn eine neue Kollektion fertig werden muss, steigt der Leistungsdruck noch. Die Raumtemperatur ist hoch, die Luft schadstoffbelastet. Helferinnen bekommen den gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet 30 Euro im Monat, Näherinnen 41 Euro. Davon kann man nicht menschenwürdig leben.

ver.di PUBLIK | Die billige Kleidung bei uns wird also von den Slumbewohnern in Dhaka subventioniert.

Rösch | Dabei sind kurzfristig Lösungen vorstellbar, mit denen das Leben der Näherinnen verbessert werden könnte. Wir haben mit der Textilgewerkschaft NGWF am Beispiel eines H&M-Zulieferers errechnet, dass sich ein monatlicher Bonus für die Beschäftigten in Höhe von 50 Euro leicht aufbringen ließe. H&M müsste für jede Hose nur zwölf Cent zusätzlich bezahlen. Die Rechnung lässt sich auf andere Konzerne übertragen. Selbst wenn die Unternehmen diesen höheren Einkaufspreis weiterreichen würden, wäre das für die Kunden kaum spürbar.

ver.di PUBLIK | Textilketten wie H&M haben einen sozialen Verhaltenskodex. Wie sieht die Realität aus?

Rösch | Die Standards, die H&M als Auflagen formuliert hat, passen nicht zu dem, was wir erlebt haben. Selbst in einer Vorzeigefabrik gab es keine gewerkschaftliche Vertretung. Im Verkaufsbüro von H&M hat man uns erklärt, dass die Produzenten mit Hilfe eines strengen Kontrollverfahrens ausgewählt werden. In einer grundlegenden Frage wie dem gewerkschaftlichen Zugangsrecht konnten wir aber keinerlei Aktivität feststellen. Arbeiterinnen erzählten uns vom Leistungsdruck, viele haben Angst, dass sie entlassen werden, wenn sie sich als Gewerkschaftsmitglied zu erkennen geben.

ver.di PUBLIK | Solidarität beschränkt sich oft auf Resolutionen, wie ist es in eurem Bereich?

Rösch | Wir wollen, dass von Deutschland aus mehr Druck aufgebaut wird, damit H&M und andere Konzerne das Recht auf gewerkschaftliche Organisierung durchsetzen. Wir wollen Netzwerke schaffen, um in den Betrieben zu informieren und die Unternehmen damit zu konfrontieren, wie die Kleidung hergestellt wird, die sie verkaufen. Gerade bei der jungen Mode sehe ich gute Chancen, dass viele Kollegen aktiv werden. Zusammen mit TIE-ExChains bereiten wir ein weiteres Seminar für Netzwerker vor. In Bangladesh haben wir mit der Gewerkschaft NGWF außer der Bonuszahlung und der Gewerkschaftsfreiheit noch zwei Forderungen aufgestellt: H&M und andere Konzerne müssen ihre Zulieferer nennen, was sie bislang nicht tun. Und die gesetzliche Regelung muss abgeschafft werden, nach der ohne Begründung gekündigt werden darf. Die Beschäftigten brauchen starke Gewerkschaften und Organizer. Mit wenigen Euro kann man Hilfe organisieren, zum Beispiel Mitglied bei TIE werden und die Gewerkschaftsarbeit in den Zulieferländern stärken.

www.exchains.verdi.de

www.tie-germany.org

Interview: Andreas Hamann