LUFTVERKEHR

Billigwahn fördert Bruchlandung

Flugzeugabfertiger in Hamburg wehren sich gegen Allerweltskonkurrenz

Peter Bloek neben seinem Schlepper auf dem Hamburger Flughafen

Foto: BR HAMBURG AIRPORT

Peter Bloek (47) arbeitet bei STARS, einer Tochter von Hamburg Airport mit 130 Beschäftigten. Er bringt die Passagiere mit dem Bus zu den Fliegern, die nicht an den Passagierbrücken andocken können. Überdies nimmt er auch mal einen Jumbo oder einen Airbus 380 an den Haken seines Schleppers, um ihn in die Parkposition zu ziehen. "Ich habe eine dreijährige Ausbildung zum geprüften Flugzeugabfertiger und natürlich einen Personenbeförderungsschein. Seit dem Zusammenstoß von zwei Flugzeugen auf dem Rollfeld in Mailand 2007 habe ich auch ein Sprechfunkzeugnis. Damals in Mailand hatte die Kommunikation zwischen den Gruppen nicht geklappt, die sich zusammen um die Flieger auf dem Vorfeld kümmern. So etwas wie in Italien wird in Hamburg nicht passieren. Wir setzen auf größtmögliche Sicherheit und die muss uns auch etwas wert sein."

Hans-Hermann Martens bei seiner täglichen Arbeit

Foto: BR HAMBURG AIRPORT

Hans-Hermann Martens (54), arbeitet bei GroundSTARS, ebenfalls einer Tochter von Hamburg Airport mit etwa 650 Mitarbeitern, die für das korrekte Beladen und Entladen der Flugzeuge verantwortlich sind. „Die Passagiere denken in erster Linie an ihr Gepäck, das sie schnell nach der Ankunft ausgehändigt haben möchten. Doch unsere Arbeit ist komplexer: Im Laderaum werden auch Gefahrgüter, verderbliche Güter oder lebende Tiere transportiert. Ich habe daher etliche Lehrgänge absolviert, um alle notwendigen Lizenzen für die Flugzeugabfertigung zu bekommen. Dazu gehört die dreijährige Ausbildung zum geprüften Flugzeugabfertiger. Ohne unser Okay, dass alles richtig verladen ist, hebt keine Maschine ab. Wenn das Gewicht nicht richtig austariert ist, wird die Maschine große Schwierigkeiten in der Luft bekommen und muss zum Flughafen zurückkehren. Die Piloten sind froh, dass sie es in Hamburg bei GroundSTARS mit gut ausgebildeten und hoch qualifizierten Flugzeugabfertigern zu tun haben. Das muss so bleiben – im Interesse der Sicherheit und der Passagiere an Bord.“

Martin Hellwig, Vorsitzender des Gemeinschafts- betriebsrates

Foto: BR HAMBURG AIRPORT

In der Hamburg Airport Gruppe mit ihren neun Töchtern arbeiten insgesamt 1600 Menschen Hand in Hand, damit die Flugzeuge pünktlich abheben und für ihre Passagiere die maximale Sicherheit gewährleistet ist. Seit die Pläne der EU bekannt geworden sind, über eine neue Richtlinie die Vergabe der Bodenverkehrsdienste an Flughäfen weiter zu liberalisieren, herrscht Unruhe. PUBLIK sprach mit dem Vorsitzenden des 17-köpfigen Gemeinschaftsbetriebsrats, Martin Hellwig (55), von Hamburg Airport über das Thema:

„Seit dem Frühjahr wissen wir, dass der für Verkehr zuständige EU-Kommissar, Siim Kallas, den Zugang zu den Bodenverkehrsdiensten – wie Flugzeuge be- und entladen, Transport von Passagieren und Crews zum Flieger, Ziehen und Schleppen der Flieger – an europäischen Flughäfen weiter liberalisieren will. Demnach sollen alle Airlines ihre Flieger selbst abfertigen. An großen Flughäfen wie in Hamburg sollen mindestens drei Anbieter tätig sein, und die neuen Anbieter dürfen diese Dienstleistungen – anders als Fluggesellschaften, Flughäfen und ihre Töchter – an  Subunternehmer weiterreichen. Am 30.11., so hieß es aus Brüssel, wollte Kallas die Katze aus dem Sack lassen, seine Pläne im Detail öffentlich machen.

Ganz ehrlich, wir waren regelrecht geschockt, als wir zum ersten Mal davon hörten. Wir leiden immer noch schwer an den Folgen der letzten Liberalisierung dieser Richtline im Jahr 1996. Als damals neue, billigere Anbieter auf den Markt drängten, haben sich durch Wettbewerbsdruck und den Preisverfall die Arbeitsbedingungen für unsere Kolleginnen und Kollegen in kürzester Zeit massiv verschlechtert. Die realen Löhne sind seither um etwa 20 Prozent zurückgegangen, die Zahl der Teilzeitarbeitsverhältnisse hat sich von zehn auf 40 Prozent vervierfacht, die Zahl der Leiharbeitsverhältnisse ist auf gut 20 Prozent angestiegen. Die Kolleg/innen dort erhalten durchschnittlich zwischen 1000 und 1300 Euro und sind auf Ergänzungsleistungen durch die Agentur für Arbeit angewiesen. Lohndumping zu Lasten der Allgemeinheit. Ein neuer Liberalisierungsschub gefährdet auch die Sicherheit der Passagiere. Noch arbeiten in Hamburg nahezu alle eingesetzten Bodenverkehrsdienstleister gut vernetzt Hand in Hand unter dem Dach von Hamburg Airport. Wenn die Kette der reibungslosen Weitergabe von Infos und Daten bricht, weil andere, nicht eingebundene Dienstleister mit gering qualifiziertem Personal dazu kommen, steigt das Risiko von Pannen und Unfällen. Die einheitliche Qualität und der hohe Standard der Dienstleistungen muss garantiert bleiben. Dazu hört man aber aus Brüssel wenig.

Die Pläne für Billiganbieter auf dem Flughafen müssen vom Tisch

Foto: BR HAMBURG AIRPORT

Doch aus Erfahrung wird man klug. Seit wir von diesen Plänen erstmals hörten, haben wir angefangen, den Widerstand zu organisieren und uns Bündnispartner zu suchen. Wir waren am 21. Juni bei der Demonstration der europäischen Gewerkschaften gegen die Liberalisierung und brachten das Thema Bodenverkehrsdienste ein. Wir haben Unterschriften gesammelt und die Politik auf unsere Seite geholt. Auf der Betriebsversammlung am 2. November haben uns der Chef der SPD-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft, Dr. Andreas Dressel, und Knut Fleckenstein, Mitglied der Sozialistischen Fraktion im EU-Parlament, ihre Unterstützung zugesichert. Und dann ist uns ein besonderer Coup gelungen: Am 28. September hat die Hamburger Bürgerschaft mit Stimmen aus allen Fraktionen, außer denen der FDP, mit großer Mehrheit beschlossen, dass sie eine weitere Öffnung des Marktes von Bodenverkehrsdiensten auf deutschen Flughäfen ablehnt. Und am 10. November folgten mit überzeugender Mehrheit die Abgeordneten des Deutschen Bundestags: ,Eine weitergehende Regulierung im Bereich der Bodenabfertigungsdienste lehnt der Deutsche Bundestag ab.’

Bei all der Unterstützung bin ich besonders stolz darauf, wie aktiv sich unsere Kolleginnen und Kollegen an den Aktionen beteiligen. Wir brauchen die gemeinsame gewerkschaftliche Kraft, um die Richtlinie zu verhindern. Dabei sind uns die Kollegen aus den Seehäfen ein Vorbild, die mit ihren europaweiten Aktionen die Liberalisierungsrichtlinie für die Seehäfen, Port Package II, zu Fall gebracht haben. Daher freue ich mich sehr über eine Mail der ver.di-Kollegen aus dem Hafen, in dem sie uns ihre tatkräftige Unterstützung anbieten, wenn wir sie brauchen. Gelebte ver.di-Solidarität eben!“