TEXTILINDUSTRIE

Teuer bezahlte Schnäppchen

Betriebsrätinnen von Zara, Metro und H&M haben Textilarbeiter/innen in Bangladesh besucht

Sibel Terkin, Zara-Betriebsrätin

foto: Cordula Kropke

Deutsche Konsumenten sind es gewohnt, dass sie im Textileinzelhandel gute Qualität zu günstigen Preisen bekommen. Dabei blenden sie meist aus, unter welchen Bedingungen die Kleidungsstücke hergestellt werden. Diesen im Alltagsbewusstsein der Konsumenten verschwundenen Zusammenhang will die Initiative "exchains" wieder herstellen. Sie versucht, den Informationsaustausch entlang der Textilkette zwischen den Tex­til­ar­bei­ter/innen in den Herstellungsländern und den Verkäufer/innen in Europa sowie deren Gewerkschaften zu organisieren. Allein in Bangladesch arbeiten etwa 3,6 Millionen Menschen, darunter 85 Prozent Frauen, in gut 5000 Kleiderfabriken unter unwürdigen Bedingungen für die weltweit agierenden Großunternehmen des Textileinzelhandels wie METRO, H&M oder ZARA. Hinter ZARA steht der spanische Mutterkonzern Inditex mit weltweit 100.000 Beschäftigten, darunter über 2000 in 65 Filialen bei ZARA Deutschland (Quelle: Jahresreport 2010).

Sibel Terkin (33), Teilzeitbeschäftigte und Betriebsrätin bei ZARA in Hamburg, war im Spätherbst in Bangladesch, um sich ein Bild von den Arbeitsbedingungen und Lebensumständen der Textilarbeiter/innen zu machen, deren Erzeugnisse bei ZARA in Hamburg verkauft werden. Hier spricht sie über Ihre Erlebnisse und Eindrücke.

ver.di PUBLIK | Was war der Anlass für Deine Reise nach Bangladesch?

Sibel Terkin | Ich bin auf Anfrage von TIE, Transnationals Information Exchange, im Auftrag unseres Gesamtbetriebsrats zusammen mit Betriebsrät/innen von METRO und H&M nach Bangladesch gefahren. Ich wollte selber sehen, unter welchen Bedingungen die Kleidungsstücke, die wir hier verkaufen, produziert werden. Ich wollte mit Menschen reden, die in einer Fabrik arbeiteten, die für ZARA beziehungsweise Inditex produzieren. Ich wollte durch meinen Besuch auch herausfinden, was wir hier in Deutschland beitragen können, um dort Verbesserungen zu erreichen.

ver.di PUBLIK | Mit welchen Eindrücken bist Du zurückgekehrt?

Sibel | Anfangs informierte uns die örtliche Partnergewerkschaft NGWF, National Garment Workers Federation, über das Leben und den Arbeitsalltag der bei ihr organisierten. Wir hatten die Möglichkeit, zwei Fabriken zu besichtigen: Bei der ersten, die im Auftrag von H&M Kleidungsstücke herstellt, durften wir leider keine Aufnahmen machen; bei der zweiten handelte es sich offensichtlich um eine Musterfabrik zum Vorzeigen. Sie produziert für die METRO, und die Arbeitsbedingungen orientieren sich an westeuropäischen Standards.

Die Vorzeigefabrik - in vielen Nähereien sieht es anders aus

foto: Sibel terkin

Doch je länger unser Aufenthalt dauerte, je mehr Gespräche wir führten, desto mehr erfuhr ich über den menschenunwürdigen Arbeitsalltag in der Mehrzahl der Betriebe. Ein Arbeiter beschrieb mir die Situation in seiner Fabrik, die auch für die Inditex produziert: Kaum zu atmende Luft, durchsetzt von Textilpartikeln, die eingeatmet werden, weil kein Mundschutz angeboten wird; extrem hohe Lärmbelastung; für 450 Beschäftigte auf einer Fabriketage gibt es lediglich drei bis vier Toiletten je Geschlecht; enorm hohe Arbeitsvorgaben, die nur eingehalten werden können, wenn täglich 14 Stunden an sechs Tagen in der Woche gearbeitet wird, wobei die Überstunden nicht vergütet werden; wer sein Pensum nicht schafft, wird schon mal geohrfeigt; kein Urlaub, nur roulierend ein Tag in der Woche frei; keine Pausenräume oder Kantinen, am Rande der Arbeitsfläche sind nur einige Tische freigeräumt, an denen die Beschäftigten in den Pausen - eine Stunde am Tag, einmal mittags, einmal frühabends - die mitgebrachten Mahlzeiten einnehmen, um über den langen Tag zu kommen; keine medizinische Versorgung, bei Arbeitsunfällen geht es den Betriebsärzten nur darum, die Beschäftigten schnellstmöglich wieder fit für die Arbeit zu machen. Das alles für einen Mindestlohn von 3000 Taka, umgerechnet etwa 29 Euro, wobei eine Familie in Bangladesch mehr als das Doppelte braucht, um über die Runden zu kommen. Allein für die Miete eines einfachen Zimmers in einer Wellblechhütte gehen diese 3000 Taka drauf.

ver.di PUBLIK | Was ist Dir besonders in Erinnerung geblieben?

Sibel | Mich hat erschüttert, wie rechtlos die Beschäftigten sind, besonders die Frauen. Die Fabrikbesitzer machen mit ihnen, was sie wollen, und sie müssen sich das gefallen lassen, weil sie sonst sofort gekündigt werden und ihre Familien noch tiefer ins Elend rutschen. Die Frauen sind für die männlichen Vorarbeiter Freiwild, wenn sie sich sexuell nicht gefällig zeigen, werden sie schikaniert, bekommen schlechtere Arbeitsplätze oder werden rausgeworfen. Beschäftigte, die ausfallen - ganz egal aus welchem Grund - werden öffentlich vor ihren Kolleg/innen beschimpft und gedemütigt, weil sie die Einhaltung der Produktionsziele gefährden würden. Wenn herauskommt, dass jemand Kontakt zur Gewerkschaft aufnimmt, wird die Familie bedroht und die- oder derjenige verprügelt. Das sind noch Bedingungen wie bei uns im frühen 19. Jahrhundert!

In einer Fabrik mit 750 Beschäftigten, in der 300.000 Kleidungsstücke hergestellt werden, würde eine zusätzliche Auszahlung von 50 Euro an jeden Beschäftigten den Strückpreis um 0,12 €uro erhöhen

ver.di PUBLIK | Was machst Du jetzt aus Deinen Erlebnissen?

Sibel | Es gibt einige Ideen, wie nachhaltige Veränderungen erreicht werden könnten. Vorstellbar ist es, den Preisdruck zu verringern. Wir haben es an einem Beispiel mal berechnet: In einer Fabrik mit 750 Beschäftigten, in der 300.000 Kleidungsstücke hergestellt werden, würde eine zusätzliche Auszahlung von 50 Euro an jeden Beschäftigten den Strückpreis um 0,12 Euro erhöhen. Das kann keine wirkliche Hürde sein. Natürlich muss ein Umsetzungsmodell gefunden werden, damit die Fabrikanten die höhere Marge nicht in ihre Tasche stecken. Der Besitzer der Fabrik, die für die METRO produziert, hat als Denkansatz einen Fonds vorgeschlagen, der vom Staat garantiert wird und über den ein Lohn ausgezahlt wird, der die Mindestbedürfnisse einer Familie einschließlich Urlaub, Gesundheitsversorgung und Alterssicherung abdeckt. Für die Beschäftigten ein gewaltiger Sprung zu einem Leben in Würde, für uns hier nur Pfennigbeträge. Der Gesamtbetriebsrat will jetzt unsere Unternehmensleitung anschreiben, um zu klären, wer bei ZARA beziehungsweise Inditex für die Produktion in den Herstellungsländern zuständig ist. Auch planen wir, unsere Kolleg/innen auf Betriebsversammlungen und in Flyern über die Arbeitsbedingungen in Bangladesch zu informieren. Ich räume aber ein: Wir stehen da bei ZARA ganz am Anfang der Debatte.

Ohne gewerkschaftliche Unterstützung vor Ort wird sich nichts verbessern! Die Gewerkschaft NGWF braucht vor allem mehr hauptamtliche Organizer, die die Beschäftigten in ihrem Kampf für erträgliche Arbeitsbedingungen unterstützen. Hier kann jede/r durch eine Spende helfen:

TIE Internationales Bildungswerk e.V., Heidestraße 131, 60385 Frankfurt, Spendenkonto 861685 bei der Frankfurter Sparkasse 1822, BLZ 500 502 01, Stichwort: Organisierung Bangladesch.

Mehr Informationen unter:

www.exchains.verdi.de

www.tie-germany.org