Altersvorsorge

Lauter Fallstricke auf dem Riestermarkt

Zum Jubiläum der Riester-Rente hagelte es Kritik. Was ist los mit der Vorsorge?

Von Henrik Müller

Zehn Jahre private Riester-Vorsorge - zehn Jahre neoliberale Versündigung an der gesetzlichen Rente. Ausgerechnet Sozialdemokraten und Grüne waren es, die damit heftig an den Grundfesten einer der wichtigsten sozialen Errungenschaften der Arbeiterbewegung gerüttelt haben. Gleichzeitig haben sie auf diese Weise der privaten Finanzwirtschaft zusätzliche Profite zugeschanzt. Als Sinn und Zweck der Riester-Rente - so benannt nach dem Sozialdemokraten und vormaligen Gewerkschaftsführer Walter Riester, Bundesarbeits- und Bundessozialminister von 1998 bis 2002 - hatten ihre Erfinder verkündet, durch solcherlei private, staatlich geförderte Vorsorge könnten die gleichzeitig verfügten Kürzungen der gesetzlichen Rente ausgeglichen und Altersarmut bekämpft werden. Das tut sie allerdings nicht.

Bei der Bewertung allein auf die Rendite zu schauen, ist Unfug. Denn so betrachtet, hat natürlich mit Zitronen gehandelt, wer mit 63 in Rente geht und mit 66 stirbt. Wer dagegen ein biblisches Alter erreicht, kann mit seiner Rente eine Super-Rendite verzehren.

Unterdessen haben mehr als 15 Millionen Bürger/innen einen Riester-Vertrag, weit weniger, als von ihren Befürwortern geplant. 20 Prozent mussten zwischen 2008 und 2010 schon wieder abspringen. Zum Jubiläum wurde denn auch die Kritik am Riester-System immer lauter, gerade von Institutionen und Medien, die vorher dafür getrommelt oder allenfalls ein bisschen an Details herumgemäkelt hatten. So stellt das Magazin stern aus dem Bertelsmann-Konzern erstaunt fest, dass Riester "für die Konzerne ein großes Geschäft geworden" sei. "Die Anbieter verdienen kräftig mit - auf Kosten der Rendite des Sparers." Darauf hätten Journalisten und Verbraucherschützer auch schon früher kommen können.

Überhaupt - die Rendite: Bei der Bewertung und bei Vergleichen von privater Altersvorsorge und gesetzlicher Rente allein auf die Rendite dessen zu schauen, was Sparer und Versicherte einzahlen, ist letztlich Unfug. Denn so betrachtet, hat natürlich mit Zitronen gehandelt, wer mit 63 in Rente geht und mit 66 stirbt. Wer dagegen ein biblisches Alter erreicht und zum Beispiel 94 wird, kann mit seiner Rente eine Super-Rendite verzehren.

Riestern mit Verstand

Aber beides ist natürlich in die Zahlbeträge einkalkuliert, in jedem Fall die Rendite für die Finanzkonzerne. Wichtiger bei der Beurteilung des Alterseinkommens sind andere Fragen, etwa die nach den medizinischen, pflegerischen und kulturellen Leistungen, auf die Menschen Anspruch haben, die die Arbeitsphase ihres Lebens hinter sich gelassen haben, und wie die - möglichst solidarisch - finanziert werden. Die Fragen nach der Wohnsituation und nach den sozialen Kontakten.

Was kann man also denen raten, die sich sorgenvoll fragen, wovon sie im Alter leben sollen? Für Millionen - insbesondere Frauen - ist Altersarmut programmiert, solange sich bei der gesetzlichen Rente nichts Entscheidendes ändert. In dieser Situation gilt: weiter riestern oder noch in diesem Jahr damit anfangen. "Bei keinem anderen Modell der privaten Altersvorsorge bekommt man mehr direkte und indirekte staatliche Förderung als bei der Riester-Rente", schreibt der stern.

Das Fazit der von der Stiftung Warentest herausgegebenen Zeitschrift Finanztest lautet: "Wer sich heute eine Zusatzrente oder Wohneigentum fürs Alter sichern will, kann mit einem Riester-Vertrag besser fahren als mit anderen Altersvorsorgeprodukten. Das liegt an den [staatlichen] Zulagen und den Steuervorteilen, aber nicht daran, dass die Riester-Produkte so toll wären."

Während also die Frage "Riestern - ja oder nein?" schnell beantwortet ist, wird es beim Nachdenken über das richtige Angebot schwieriger. Zu unterscheiden ist nach fünf Haupttypen der Riester-Vorsorge: das Fondssparen, die private Rentenversicherung, der Banksparplan, Wohn-Riester und die fondsgebundene Versicherung. Unter den existierenden Vorsorge-Verträgen nehmen das Fondssparen und die Rentenversicherung den Löwenanteil ein. Den Wohn-Riester gibt es erst seit 2008, und er wird immer stärker genutzt. Von der fondsgebundenen Versicherung raten die meisten Experten von vornherein ab. Ein Schattendasein führt der Banksparplan - völlig zu Unrecht. Die Anbieter - meist Sparkassen oder Volksbanken - verlangen nämlich keine Provision oder Abschlussgebühren, und auch die Verwaltung des Sparvermögens ist kostenlos. Daran verdient also der Anbieter schon mal nichts. Und die Verzinsung ist auf lange Sicht auch gar nicht so schlecht, aber vor allem sicher.

Wenn man weiß, was man will, kann man sich von unterschiedlichen Finanzdienstleistern Angebote unterbreiten und erläutern lassen. Und dann vergleichen. Der Riester-Willige sollte keineswegs das erstbeste Angebot annehmen.

Insgesamt ist der Riester-Markt jedoch zu undurchsichtig, und es liegen viele Fallstricke herum. Deshalb bleibt allen, die einen neuen Vertrag abschließen wollen, nichts anderes übrig, als sich selbst schlau zu machen. Es lohnt sich, Zeit und Mühe zu investieren. Dafür gibt es gute Ratgeber-Literatur, zum Beispiel die Zeitschrift Finanztest (www.test.de) von der Stiftung Warentest und die Broschüre "Privatrenten und Lebensversicherungen" von der Verbraucherzentrale (www.verbraucherzentrale.de). Danach sollte man sich umschauen nach vertrauenswürdigen Kolleg/innen mit Riester-Vertrag und sie nach ihren Erfahrungen fragen. Wenn man weiß, was man will, kann man sich von unterschiedlichen Finanzdienstleistern Angebote unterbreiten und erläutern lassen. Und dann vergleichen. Der Riester-Willige sollte keineswegs das erstbeste Angebot annehmen.

 

"Die Rente ist sicher" ...

...das hat der Amtsvorgänger von Walter Riester als Arbeits- und Sozialminister, Norbert Blüm, immer wieder betont. Blüm, wie Riester Gewerkschafter, ist für diese Prognose oft verspottet worden. Aber er wird recht behalten, denn nicht nur er ist davon überzeugt, dass die große Masse der abhängig Beschäftigten die Vorteile der gesetzlichen Rente nach dem Umlageprinzip eines Tages wieder zu schätzen weiß. Dass nämlich die jeweils arbeitende Generation einen Teil ihres Einkommens zur Verfügung stellt, um den Eltern und Großeltern Renten zu zahlen, die deren Ruhestand lebenswert machen. So, wie es eine politische Mehrheit gab und gibt, die die gesetzliche Rente zugunsten privater Profite massiv beschädigt hat, kann es eines Tages eine solche geben, die diesen Trend wieder umkehrt. Sich für eine bessere Altersvorsorge und gegen Altersarmut einzusetzen, ist also allen Schweißes der Edlen wert. Will heißen: Wer etwas tun will für ein menschenwürdiges Leben künftiger Generationen von Seniorinnen und Senioren, der sollte sich heute politisch für die Stärkung des Systems der gesetzlichen Rente engagieren, in den Parteien, bei Wahlen, in den Medien, den Gewerkschaften, im Kreis der Kolleginnen und Kollegen. Das Geld dafür ist da, dafür sorgen schon die ständigen Steigerungen der Produktivität in den Betrieben. Es ist nur in den falschen Händen. hem

 


 

Melanie Hofmann ist jung und gesund, da steht die Altersvorsorge nicht gerade oben auf der Prioritätenliste

foto: Christian Jungeblodt

Melanie Hofmann, 28, Berlin, freie Journalistin

In die Materie eingraben

Eigentlich habe ich die beste Absicherung überhaupt: Meine Schwester ist Beamtin und wir haben vereinbart, dass sie mich im Alter aushält! Aber im Ernst: Das Thema Altersvorsorge ist für mich nicht abgehakt. Ich weiß, dass ich auf alle Fälle noch in irgendeiner Form privat vorsorgen muss. Bislang habe ich mich aber noch für kein Modell entschieden. Das liegt auch daran, dass ich noch jung und gesund bin; da steht das Thema auf der Prioritätenliste nicht gerade ganz oben.

Ich arbeite seit gut anderthalb Jahren als freie Journalistin für verschiedene überregionale Medien. Erst war ich mir nicht sicher, ob das wirklich das Richtige für mich ist. Aber auf einer Recherchereise in Indien ist mir klargeworden: So will ich arbeiten. Frei sein und genau die Themen bearbeiten, die mich interessieren, das ist mein Modell. Am Anfang wusste ich natürlich überhaupt noch nicht, ob mich das finanziell tragen würde. Inzwischen bin ich optimistisch und habe vor ein paar Monaten angefangen, mich zu informieren, was an Zusatzabsicherungen möglich ist. Über die Künstlersozialkasse zahle ich in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Daneben kommen noch andere Dinge in Frage: Riesterrente, Pensionskassen oder Versorgungswerke für Journalisten. Was es genau für mich wird, will ich in den nächsten Monaten entscheiden. Das bedeutet viel Arbeit: Da ich Versicherungsvertretern eher misstraue, muss ich mich selbst in die Materie eingraben.

 


 

Daniel König will die Altersvorsorge der Politiker reformieren

foto: Michael Hackl

Daniel König, 26, Landshut, Bankkaufmann, Student und Vorsitzender der Jusos Niederbayern

Bausparen wie im alten China

Stimmt: Als Bankkaufmann müsste ich die Sache mit der Altersvorsorge theoretisch richtig machen. Praktisch muss ich aber bekennen, dass ich gerade gar nichts für die Absicherung im Alter tue, weil ich dafür als Student mit Bafög nicht die finanziellen Mittel habe. Im Moment schreibe ich an meiner Bachelor-Arbeit; sinnigerweise zum Thema "Alterssicherung in Deutschland".

Wenn ich im Oktober als Geschäftsstellenleiter einer Raiffeisenbank beginne, werde ich aber sicher einen Riester-Vertrag abschließen. Die staatlichen Zulagen und Steuervorteile machen das Modell für mich attraktiv. Außerdem denke ich über einen Bausparvertrag nach. Die Idee dieser gemeinnützigen Spargesellschaften ist schon im alten China praktiziert worden und bewährt sich auch in Deutschland seit gut 100 Jahren. Da zahlen viele in einen großen Topf ein und profitieren von günstigen Darlehen. Ob ich mir so eine Immobilie als Kapitalanlage oder zur eigenen Nutzung finanziere, wird die Zeit zeigen.

Vielleicht kommt aber alles ganz anders. Auch eine Kandidatur für den bayerischen Landtag im nächsten Jahr ist für mich denkbar - aber nicht wegen der Altersvorsorge in der Politik, die muss nämlich dringend reformiert werden. Nach drei Amtszeiten einen Rentenanspruch zu haben, den kein Erwerbstätiger je haben wird, ist nicht fair. Das muss man ändern.

 


 

Andrea Hampel kann nur den Mindestsatz in die gesetzliche Rentenkasse zahlen

foto: Mario Moschel

Andrea Hampel, 42, Völklingen, Tagesmutter

Da bleibt nichts übrig

Seit 2010 arbeite ich als Tagesmutter, davor war ich 20 Jahre im Einzelhandel. Als das Unternehmen seine Filiale hier im Ort geschlossen hat, war das Jobangebot in der Region mehr als spärlich. Weil ich gern mit Kindern umgehe, schien mir die professionelle Kinderbetreuung eine tolle Option zu sein. Seit ich aber meinen letzten Steuerbescheid bekommen habe, bezweifle ich, dass ich mit dieser Arbeit unter den aktuellen Bedingungen weitermachen kann.

Mir bleiben bei einer 50-Stunden-Woche monatlich keine 700 Euro. Ich darf höchstens fünf Kinder gleichzeitig betreuen, pro Kind bekomme ich maximal 500 Euro monatlich. Darin sind 300 Euro Sachaufwand enthalten, also Betriebskosten und Ausgaben für die Verpflegung. Weil die Kinder über das Jugendamt vermittelt werden, darf ich von den Eltern keinerlei zusätzliche Zahlungen verlangen, weder für Essen noch für Bastelmaterial. Nach Steuern bleibt mir ein Gewinn von rund drei Euro pro Stunde. Im Grunde entspricht das einem Ehrenamt mit Aufwandsentschädigung. Was das für die Altersvorsorge heißt, ist klar: Ich zahle den Mindestsatz in der gesetzlichen Rentenversicherung von 80 Euro pro Monat, davon erstattet das Jugendamt die Hälfte. Um mich zusätzlich abzusichern, was ich gern täte, bleibt nichts übrig. Ich weiß, dass es eine Art Minimal-Riester gibt, wobei man etwa zehn Euro einzahlt. Aber ehrlich, lieber kämpfe ich jetzt darum, dass sich die Arbeitsbedingungen von uns Tagesmüttern ändern.