Landwirtschaft

Die Bienen retten

Bio­bauern, Verbraucher-/innen, Imker und viele andere wehren sich gegen die Agrar­industrie und fordern Veränderungen

Protest vor dem Kanzleramt: Imker wehren sich gegen das Bienensterben durch Pestizide

foto: christian ditsch / vesion-foto.de

von Gudrun Giese

Ein kalter Freitagabend im Januar in Berlin-Kreuzberg. In der Markthalle Neun wird zur Schnippeldisko eingeladen. 1000 Kilo Gemüse sollen von Freiwilligen geschnippelt werden - als Grundlage für 5 000 Portionen Suppe, die am nächsten Tag die Teilnehmer/innen der Demo "Wir haben es satt! Gutes Essen. Gute Landwirtschaft. Jetzt!" wärmen sollen. Mehr als 200 Frauen und Männer sind dem Aufruf der Berliner Slow-Food-Jugendorganisation gefolgt und sitzen an Holztischen, vor sich Kartoffeln, Mohrrüben, Zwiebeln, angefeuert von Rockmusik. "Ich finde es gut, mit anderen Gemüse zu schnippeln", sagt Johannes, Mitte 20, aus Berlin. "Ein kleiner Beitrag zur Demo, die sich für eine andere Landwirtschaft und bessere Lebensmittel einsetzt." Hendrik Haase von Slow Food Youth Berlin hat die Schnippeldisko mitorganisiert und freut sich über die Resonanz. "Biobauern haben Gemüse gespendet, das nicht in den Verkauf geht, weil es etwas verwachsen ist." Schmackhaft ist es allemal, wovon sich auch der Suppenkoch und Aktivist Wam Kat überzeugt hat. Seit 35 Jahren kocht er bei Großdemonstrationen. In Gorleben war der gebürtige Niederländer, der im Brandenburgischen Belzig seine "Fläming Kitchen" betreibt, oft dabei. Aber 5000 Portionen Suppe? "Kein Problem", sagt Wam Kat. "Ich habe auch schon für 20.000 Leute gekocht." Letztlich reicht die Suppe diesmal nicht für alle Teilnehmer/innen der Demonstration am 19. Januar durchs Regierungsviertel. Viele sind gekommen, um die 25.000.

"Grüne Woche" - grüne Demo

Sie sind bei eisigem Wind unterwegs, um sich zur Agrarmesse "Grüne Woche" für Reformen in der Landwirtschaftspolitik einzusetzen. Dabei nennen die Demonstrant/innen Beispiele, die zeigen, wohin sich die Landwirtschaft bewegt. Etwa in Haßleben in der Uckermark, wo ein niederländischer Investor seit Jahren die Einrichtung einer Großschweinemast betreibt. "In der Nähe liegt ein ökologisch hochsensibles Moorgebiet, doch bisher ist der Plan, dort 36.000 Schweine zu mästen, nicht vom Tisch", sagt Thomas Volpers vom BUND Brandenburg.

Für "Bauernhöfe statt Agrarfabriken" setzt sich auch Uschi Helmers ein, die sich mit einer Bürgerinitiative gegen einen Geflügelschlachthof im niedersächsischen Wietze engagiert. "Es darf den Politikern nicht egal sein, wenn ausländische Arbeiter für 3,50 Euro Stundenlohn in deutschen Schlachthöfen ausgebeutet werden oder dass für unser Tierfutter der Regenwald in Südamerika abgeholzt wird. Riesenschlachthöfe wie der in Wietze geplante sind tier- und menschenfeindlich. Und überflüssig." Auf die Zusammenhänge zwischen dem Überfluss im Norden einerseits und Landverkauf und Bauernausbeutung im Süden der Welt andererseits weist "ERNA goes fair" hin, eine überregionale Kampagne der Aktion "3. Welt Saar", mit der der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter ebenso kooperiert wie der Naturschutzbund und der DGB Saar/Bezirk West. Gerade die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften hält das Bündnis für wichtig. "Das gleiche Wirtschafts- und Denksystem, das Arbeiter dazu zwingt, immer schneller für immer weniger Geld zu arbeiten, zwingt auch die Produzenten von Lebensmitteln, immer mehr für immer weniger Geld zu produzieren", erklärt "ERNA goes fair". Wie sich am Milchpreis für die Erzeuger zeige, der bei etwa 30 Cent pro Liter liege, obwohl die Herstellung mindestens 40 Cent koste.

Biobauern, Imker, Verbraucher/innen sind dem Aufruf zur Demo gefolgt, die zum dritten Mal stattfindet. Getragen wird "Wir haben es satt!" von einem Bündnis, dem der BUND, der Deutsche Tierschutzbund, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, der Deutsche Berufs- und Erwerbsimkerbund und andere angehören. Sicher haben alle ein eigenes Interesse, sich für eine kleinteiligere Landwirtschaft, angemessene Preise für ihre Produkte, eine artgerechte Nutztierhaltung und gegen den massenhaften Pestizideinsatz auf den Monokulturfeldern der Agrarindustrie einzusetzen. Doch es geht ihnen neben dem Erhalt bäuerlicher Strukturen ebenso um den Schutz der Umwelt.

Gegen Pestizide - für Bienen

Schon drei Tage vor der Demonstration hatten sich Imker/innen vor dem Kanzleramt versammelt, um Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Negativpreis zu überreichen. Sie und ihr Kabinett hätten mit ihrer Politik erheblich zum Bienensterben beigetragen, erklären die Aktivisten. Verheerend wirken sich Pestizide auf die Bienenpopulation aus, berichtet Erika Moritz, im brandenburgischen Grabow seit 1985 Imkerin. "Seit 2004, 2005 hat der Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat massiv zugenommen. Damals fielen die EU-Subventionen für Brachland weg, seitdem werden noch mehr Ackerflächen intensiv bewirtschaftet - was auch das Spritzen von bienenschädlichen Chemikalien bedeutet."

Erika Moritz hat dabei noch Glück. Ihre 80 Bienenvölker können auf Äcker ausschwärmen, auf denen Biolandwirtschaft betrieben wird. Doch die Brandenburgerin kennt viele Imker, deren Existenz vernichtet wurde, weil ihre Bienen in Kontakt mit Glyphosat oder Neonikotinoiden kamen, die als Saatgutbeize eingesetzt werden. "Solche Mittel müssen verboten werden", sagen sie und ihre Kollegen vor dem Kanzleramt. "Wir teilen den Lebensraum mit den Bienen. Pestizide, die für sie tödlich sind, schaden auch uns." Und mit der Landbewirtschaftung drohen noch andere Gefahren, wie bei einer Veranstaltung in der Markthalle Neun deutlich wird: Landgrabbing in Rumänien ist das Thema.

Erstaunlicherweise hat sich ein Akteur, der Agrarland für Investoren kauft, aufs Podium gewagt. Simon Wolk leitet mit einem Kompagnon die Firma "Germanagrar" und erklärt, für rumänische Kleinbauern sei es besser, ihre nicht existenzsichernden Höfe zu verkaufen als zuzusehen, wie ihre Kinder auf dem Strich oder in der Kriminalität endeten. Auf dem Podium sitzen zwei der Kleinbauern. Willy Schuster, Biobauer in Siebenbürgen und Mitgründer der NGO Eco Ruralis, widerspricht. Seine Kinder studieren, der Hof werfe genug für seine und eine mithelfende Roma-Familie ab, erklärt er. 2011 gab es in Rumänien noch 4,7 Millionen bäuerliche Kleinbetriebe; rund die Hälfte der Bevölkerung lebt davon. Finanzinvestoren haben die Qualität rumänischer Agrarflächen entdeckt: fruchtbarer Boden, unbelastet durch Pestizide und Kunstdünger, nahe bei den westeuropäischen Abnehmern der Produkte.

Landkauf online

"Wer informiert ist, verkauft sein Land nicht", sagt Attila Szocs von Eco Ruralis. "Leider wissen zu wenige Bescheid, verkaufen oder verpachten ihr Land für wenig Geld und geraten in Existenznot." Wolk will davon nichts hören. 10 000 Hektar in Nordrumänien bietet seine Firma gerade online zum Verkauf an. Wer dem Unternehmen Land verpachtet, erhält ganze 160 Euro pro Hektar und Jahr. Hendrik Haase von Slow Food Youth ist am Ende zufrieden mit allen Aktionen: "Auch immer mehr Jüngere interessieren sich für Biolandwirtschaft." An Aktionen wie "Teller statt Tonne" gegen Lebensmittelverschwendung beteiligten sich viele. Und eine Schnippeldisko gebe es im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder.

"Das gleiche Wirtschafts- und Denksystem, das Arbeiter dazu zwingt, immer schneller für immer weniger Geld zu arbeiten, zwingt auch die Produzenten von Lebensmitteln, immer mehr für immer weniger Geld zu produzieren"

Weiterlesen und mitmachen

www.wir-haben-es-satt.de
Wer etwas gegen Lebensmittel­verschwendung hat und genussvolles Essen in Gemeinschaft plus politische Diskussionen schätzt, ist bei der Berliner Slow-Food-Jugend richtig: youthberlin@slowfood.de Jeden ersten Mittwoch im Monat trifft sich die Gruppe zum Kochen, Essen und Planen von Aktionen.

"ERNA goes fair - für eine faire Landwirtschaft weltweit": www.erna.a3wsaar.de

Fakten zur geplanten Schweinemast­anlage in Haßleben: www.kontraindustrieschwein.de

Informationen über Eco Ruralis in rumänischer Sprache: www.ecoruralis.ro

Welche Flächen aktuell in Rumänien zum Kauf angeboten werden, steht auf www.germanagrar.de

Buchtipp:
Land Grabbing. Der globale Kampf um Blut und Boden

Fred Pearce infomiert über Land Grabbing weltweit. Das Buch ist 2012 auf Deutsch im Verlag Antje Kunstmann, München, erschienen und kostet 22,95 Euro.