Deutsche TAFELN e.v.

Gesellschaft des Spektakels

Vor 20 Jahren wurden die ersten Tafeln in Deutschland gegründet. Mit ihnen werden die Ursachen von Armut nicht bekämpft, kritisiert der Soziologe Stefan Selke

Stefan Selke

foto: Lena Böhm

ver.di PUBLIK | Seit 20 Jahren gibt es Tafeln in Deutschland. Ist das nicht ein Grund zum Gratulieren?

Stefan Selke | Ich werfe ja bekanntermaßen seit 2006 einen kritischen Blick auf die Tafeln. Mittlerweile gibt es auch erste kritische Forschungsprojekte, die die Widersprüche des Tafelsystems und seine Folgekosten zeigen. Deswegen finde ich, dass das "Jubiläum" eher ein Grund ist, skeptisch zu bleiben.

ver.di PUBLIK | Mittlerweile gibt es nach Angaben des Bundesverbandes Deutsche Tafeln e.V. 906 Tafeln in Deutschland...

Selke | Ich halte es aus zwei Gründen für unverantwortlich, Zahlen des Bundesverbandes Deutsche Tafeln zu zitieren. Erstens gibt es in Deutschland keine verlässlichen Zahlen über die Zahl der Tafeln und die Zusammensetzung der Tafelnutzer. Wir brauchen endlich eine Strukturdatenerhebung in dem gesamten armutsökonomischen Bereich, damit wir wissen, wie viele Sozialkaufhäuser, Suppenküchen, Kleiderkammern, Tafeln, tafelähnliche Einrichtungen und Tafelläden es gibt und wie viele Menschen aus welchen Gründen dorthin gehen. Sonst können wir nicht wirklich über diesen Teil der Gesellschaft diskutieren.

Der zweite Grund ist, dass es jede Menge tafelähnliche Anbietersysteme, Vereine und so weiter gibt, die nicht Mitglied im Bundesverband sind. Das sollte man endlich mal anerkennen, damit nicht der Eindruck entsteht, Hilfe im Bereich der Lebensmittelweitergabe sei monopolisierbar durch einen Bundesverband.

ver.di PUBLIK | Zeigt sich daran nicht dennoch, dass Bedarf an Tafeln vorhanden ist?

Selke | Untersuchungen zeigen, dass Tafeln sich dort gründen, wo Menschen Zeit, Lust und Kompetenzen haben - und nicht unbedingt dort, wo Armut herrscht. Tafeln sind ein Symbol für Engagement und Ressourcen im weitesten Sinne, nicht aber für eine Nachfrage.

ver.di PUBLIK | Sie gehen also davon aus, dass erst das Angebot die Nachfrage nach sich zieht?

Hier wird nur öffentliche, sympathische Symptombehandlung betrieben, aber ohne Ursachenbekämpfung

Selke | Viele kritische Beobachter sind sich einig, dass die Regelsätze zu einer Unterversorgung führen. So entstehen Bedarfslücken. Es ist doch selbstverständlich, dass dann entsprechende Angebote der sogenannten Armutsökonomie genutzt werden. Damit werden aber nur die Ursachen verstetigt. Das Problem der Unterversorgung und der nicht vorhandenen sozialen und kulturellen Teilhabe wird damit nicht gelöst. Deswegen ist es überhaupt kein Grund zum Feiern, dass es seit 20 Jahren Tafeln in Deutschland gibt, das ist ein Armutszeugnis. Es zeigt, dass hier nur öffentliche, sympathische Symptombehandlung betrieben wird, aber ohne Ursachenbekämpfung.

ver.di PUBLIK | Wie müsste die Ursachenbekämpfung Ihrer Meinung nach aussehen?

Selke | Ich bin Mitbegründer des "Kritischen Aktionsbündnisses 20 Jahre Tafeln". Wir setzen uns für eine armutsvermeidende Existenzsicherung ein. Sie sollte soziale und kulturelle Teilhabe ermöglichen. Diese Diskussion über die Höhe der Regelsätze muss im Wahljahr 2013 geführt werden. Mir ist dabei vor allem Beschämungsfreiheit wichtig, weil die Forschungen über Tafeln und ähnliche Einrichtungen gezeigt haben, dass sie einen Stressraum darstellen. Sie sind zu einer Symbolik des gesellschaftlichen Abstiegs geworden. Damit sind sie nicht vereinbar mit der Formulierung der Menschen- und der Grundrechte.

Darüber gibt es noch eine utopische Ebene. Dazu zählen die Ideen einer Postwachstumsökonomie, also Grundeinkommen, Gemeinwohlökonomie, solidarische Ökonomie. Sie müssen verknüpft werden mit dem Phänomen der Tafeln und ähnlichem. Das ist eine Systemebene, ein gesellschaftlicher Umbau.

Niedrige Regelsätze erzeugen Bedarf, auch an Suppenküchen

foto: Picture alliance / dpa

ver.di PUBLIK | Brauchen wir dazu eine breite gesellschaftliche Diskussion?

Selke | Wir reden in allen Teilen der Gesellschaft über Nachhaltigkeit. Und Nachhaltigkeit heißt übersetzt nichts anderes als Zukunftsfähigkeit. Bezogen auf den Bereich der Tafeln könnte man sagen, es geht um elementare soziale Gerechtigkeit. Das bedarf einer politisch gewollten breiten Diskussion.

Ich finde es nicht produktiv, dass die Überzeugungsgemeinschaften aus Tafeln, Ministerien und Firmenvertretern immer wieder unter sich abstimmen über den Erfolg oder Misserfolg der Tafeln. Die Tafeln und die Beobachter der Tafeln sind zwei getrennte Welten. Auch die Menschen, die die Tafeln nutzen, werden langsam unzufrieden, ebenso wie die Menschen, die bei den Tafeln an der Basis arbeiten. Sie fragen sich, was machen wir hier eigentlich seit 10, 15 Jahren, es ändert sich doch nichts.

ver.di PUBLIK | Sehen Sie in der Politik überhaupt ein Interesse daran, Armut nachhaltig zu bekämpfen?

Selke | Meine Grundthese ist, dass es einfacher ist, in Medien, Wirtschaft und Politik öffentliche Sympathie für symbolische Maßnahmen zu bekommen als politische Legitimation für nachhaltige Sachpolitik. Das kann man an vielen Stellen in der Praxis sehen. Ende der 1960er Jahren gab es den Begriff der "Gesellschaft des Spektakels". Genau da sind wir eigentlich wieder.

ver.di PUBLIK | Werden durch Tafeln staatliche Aufgaben in ein privates System sozialer Mildtätigkeit umgewandelt?

Selke | Das ist die Grundkritik. Es ist keine ehrliche Bilanzierung, wenn man immer nur nachrechnet, wie viele Arbeitsstunden ehrenamtlich geleistet wurden und was für einen volkswirtschaftlichen Quasi-Ertrag das gebracht hat, ohne gleichzeitig die Schatten- und Folgekosten von gesellschaftlicher Ausgrenzung und Beschämung, Krankheit und all der Langzeitfolgen von Armut und Ausgrenzung ebenso volkswirtschaftlich zu bilanzieren. Dann käme man zu einem ganz anderen Ergebnis. Man würde meiner Meinung nach schlagartig erkennen, dass es sich doch lohnt, Armut nachhaltig zu bekämpfen und eben nicht nur symbolisch zu behandeln.

ver.di PUBLIK | Erkennen Sie in Deutschland einen Trend, immer mehr originär staatliche Aufgaben zu freiwilligen umzuwandeln?

Selke | Ja, ich erkenne diesen Trend. Ich glaube sogar, dass wir auf dem Weg sind in eine Freiwilligengesellschaft, in der Freiwilligkeit zu einer neuen Norm wird. Es ist alles freiwillig, aber es ist gut, wenn man das in seinem Zeugnis stehen hat, in seinen Bewerbungsunterlagen. Warum soll ich dann noch für etwas bezahlen, wenn ich es auch umsonst bekommen kann? Damit will ich aber nicht sagen, dass es schlecht ist, irgendetwas freiwillig zu tun. Natürlich ist es gut, freiwillig in der Nachbarschaft zu helfen oder in einem Verein engagiert zu sein. Meine Kritik bezieht sich darauf, dass diese Scheinfreiwilligkeit in hoheitlich geschützte Bereiche vorstößt. Bei den Tafeln geht es um die grundlegende Versorgung von Menschen, um Existenzsicherung. Da ist die Freiwilligkeit unangebracht.

Interview: Heike Langenberg

"Schein-Ehrenamt oder Engagement" lautete der Titel einer Tagung des Bundeserwerbslosenausschusses von ver.di im vergangenen November. Einzelne Beiträge sind zu finden unter https://erwerbslose.verdi.de/prekaere-arbeit

 

Aktionstage

Aus Anlass von 20 Jahren Tafeln hat sich das "Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln" gegründet, dem unter anderem auch der Bundeserwerbslosenausschuss von ver.di angehört. Das Bündnis veranstaltet vom 26. bis zum 28. April in Berlin Aktionstage, bei denen es über seine Kritikpunkte und Forderungen im Zusammenhang mit den Tafeln in Deutschland informieren will. Mehr Infos zu den Aktionstagen unter http://aktionsbuendnis20.de/aktionstage.html