Billy Bragg

"Bei den Gewerkschaften,
da kann ich spielen!"

Der glühende Sozialist Billy Bragg erlebte als junger Mann die Zerschlagung der englischen Gewerkschaften und wütete mit seinen Protestsongs dagegen an. Bis heute kämpft und klampft der 55-Jährige gegen einen deregulierten Markt und unterstützt Arbeitskämpfe, Streiks und Gewerkschafts­versammlungen – auch in Deutschland. Nach fünf Jahren meldet er sich mit einem neuen Album zurück. Mit ver.di PUBLIK unterhielt er sich über Heuchler im Publikum, angemessene Löhne und eine neue Sprache für sozialistische Ideen. Die Queen kommt auch vor

"Wenn ich Power in a Union singe, klatschen alle. Wenn sie dann wieder gehen und die Gewerkschaften doch nicht unterstützen, sind sie Heuchler. Sie müssen selbst aktiv werden."

foto: andy whale

von Martin Kaluza

Billy Bragg | Für wen ist dieses Interview jetzt? Für die Gewerkschaftszeitung oder das Gitarrenmagazin?

ver.di PUBLIK | Für beide.

Billy Bragg | (auf Deutsch) Scheiße! Jetzt willst du wissen, ob meine Gitarre in einer Fabrik mit Betriebsrat hergestellt wurde?

ver.di PUBLIK | Gute erste Frage! Darauf wäre ich nicht gekommen. Also: Wurde sie?

Billy Bragg | Schwer zu sagen. Die Gitarre, die ich im Moment spiele, ist eine L-Double O und wurde 1935 in Kalamazoo, Michigan gefertigt. Möglicherweise gab es in der Fabrik keine Gewerkschaft. Aber vielleicht hat Woody Guthrie sie gespielt! Das wäre ein Plus.

ver.di PUBLIK | Wo hast du sie her?

Billy Bragg | Ich habe sie vor ein paar Jahren in London gekauft. Als die Arbeit am neuen Album anfing, bat mich Joe Henry, der Produzent, meine Gitarren zu Hause zu lassen. Er meinte, er würde mir welche zur Verfügung stellen. Die einzigen, die er im Überfluss hat, sind L-oo's. Als ich mit den Aufnahmen fertig war, sollte ich ein paar Gigs mit Woody-Guthrie-Stücken spielen, zu seinem hundertsten Geburtstag. Ich fand es passend, dazu die Art Gitarre zu spielen, die er auch spielte, also habe ich mir eine L-00 besorgt.

ver.di PUBLIK | Da wir schon mal dabei sind: Deiner Vertonung von Texten aus Woody Guthries Nachlass hast du es zu verdanken, dass du in Bob Dylans Memoiren erwähnt wirst. Ist das eine Ehre?

Billy Bragg | Ich kann gut darauf verzichten, von der Queen zum Ritter geschlagen zu werden. In Bob Dylans Buch erwähnt zu werden, ist besser.

ver.di PUBLIK | In dem Buch steht ja auch, dass Dylan sich berufen fühlte, die Texte selbst zu vertonen.

Billy Bragg | Vielleicht wäre er der Richtige gewesen. Am Ende war es aber besser, dass er stattdessen seine eigenen Songs geschrieben hat. Wenn er damals an Guthries Texte herangekommen wäre, hätte er vielleicht nie A Hard Rain's Gonna Fall geschrieben oder Subterranean Homesick Blues.

ver.di PUBLIK | Wir treffen uns hier im Berliner Ramones-Museum. Du hast gerade erst den BBC Radio 2 Folk Award gewonnen. Wie passen Folk und Punkrock zusammen?

Billy Bragg | Punkrock ist eine Form der Folkmusik. Er ist eine Musik, die von Menschen zu ihrem eigenen Vergnügen gemacht wird und die ihnen nicht von einem Coach aufgedrückt wurde. Der Kern des Punkrock ist die Do-it-yourself-Idee. Punkrock ist keine Hose und kein Klamottenstil, er ist eine Haltung. Die gleiche Do-it-yourself-Idee findest du auch im Folk.

ver.di PUBLIK | Als du anfingst, allein mit deiner E-Gitarre aufzutreten, haben die Leute es damals als Folk wahrgenommen?

Billy Bragg | Nein. Während der Bergarbeiterstreiks in den 80ern in England fuhr ich mit meiner E-Gitarre nach Norden, zu den Kohleminen. Vor mir trat ein 80-jähriger Mann auf, er saß einfach nur da und sang ohne irgendwelche Begleitung. Seine Songs waren noch politischer als meine eigenen. Da ging mir auf, dass Folk sehr politisch ist. Sie ist Teil einer politischen Tradition. Ich musste meine Songs überdenken und schrieb dann Between the Wars. Das ist eine Art Folk-Song. Ich wollte dieser Tradition Respekt zollen. Indem ich als Punkrocker zu den Minen fuhr, wurde ich Teil dieser Tradition.

ver.di PUBLIK | Warum bist du damals überhaupt zu den Streikenden gefahren?

Billy Bragg | Ich habe immer Musik gehört, in der es um politischen Wandel ging. Hier gab es die Möglichkeit herauszufinden, ob meine Musik in einem wirklichen politischen Kampf irgendeine Bedeutung haben könnte. Ich war an vorderster Front, um herauszufinden, ob Pop und Politik zusammenpassen.

ver.di PUBLIK | Heute Morgen im Radio lief ein Mitschnitt von deinem Radioauftritt gestern Abend in Berlin. Das Stück, das sie ausgewählt haben, war There's Power In A Union - Da ist Kraft in der Gewerkschaft. Das ist einer deiner alten Songs...

Billy Bragg | Für mich ist der nicht alt! Er hat Wurzeln, die lange zurückreichen. Der Grund, warum die Wirtschaft in Amerika 2008 zusammenbrach, ist, dass Banken Leuten Geld geliehen haben, die sich ihre Hypotheken gar nicht leisten konnten. Ihre Hypotheken konnten sie sich nicht leisten, weil sie keinen angemessenen Lohn bekamen. Einen angemessenen Lohn hatten sie deshalb nicht, weil es an ihrem Arbeitsplatz niemanden gab, der in ihrem Sinne gegenüber dem Arbeitgeber um einen angemessenen Lohn gekämpft hätte. Dass wir jetzt unter der Finanzkrise leiden, liegt also daran, dass es in den USA de facto keine Gewerkschaften gibt. In den USA gab es dreißig Jahre lang keine Lohnsteigerungen. In meinem Land sind es jetzt acht Jahre. Und jetzt haben wir eine Wirtschaftskrise aus mangelnder Nachfrage. Niemand gibt Geld aus. Alle haben Angst, dass sie ihren Job verlieren oder keine Rente bekommen oder kein Zuhause haben. Der einzige Weg, wie man die Wirtschaft wieder in Gang bekommt, ist, dass einfache arbeitende Leute Geld in der Tasche haben. Das wird aber dadurch verhindert, dass Margret Thatcher die Gewerkschaften zerstört hat. Niemand, keine einzige politische Partei sagt, wir müssen die Arbeiter angemessen bezahlen. Das sagt niemand, nur die Gewerkschaften. Mein Song ist heute zu hundert Prozent genauso wichtig wie damals, als ich ihn schrieb.

ver.di PUBLIK | Du bist demnach Gewerkschaftsmitglied?

Billy Bragg | Mitglied der Musikergewerkschaft, selbstverständlich!

ver.di PUBLIK | Und du verfolgst die Entwicklung der Gewerkschaften?

Billy Bragg | Ja, besonders im Ausland. Ich kann zum Beispiel nicht nach Deutschland kommen und auf der Veranstaltung einer politischen Partei spielen. Als Ausländer kann ich das nicht tun. Ich wäre auch nicht so froh darüber, wenn jemand aus Deutschland nach England käme und ein Konzert für die Labour Party oder eine andere Partei geben würde. Aber die Gewerkschaften sind international, sie sprechen über die gleichen Themen. Da kann ich spielen! Ich habe bei Gewerkschaftsveranstaltungen in Amerika und Kanada gespielt, auch hier in Berlin. Die Gewerkschaften sprechen die sozialen, politischen und ökonomischen Themen an, die mir wichtig sind. Die SPD und die Labour Party machen das nicht mehr.

ver.di PUBLIK | Danach wollte ich gerade fragen. Ich habe hier ein altes Songbuch von deiner Platte Back to Basics. Ich habe damit Gitarre spielen gelernt...

Billy Bragg | Ach du Scheiße! Und kannst du wirklich spielen? (hustet)

ver.di PUBLIK | Ich habe seitdem sogar noch ein paar Songs mehr gelernt. Hier hinten ist ein Foto von dir mit Neil Kinnock, dem damaligen Vorsitzenden der Labour Party, und ein Beitrittsformular.

Billy Bragg | Das waren andere Zeiten. Die Labour Party war die einzige Alternative zu Margaret Thatcher.

ver.di PUBLIK | Heute gäbe es das in deinen Büchern nicht mehr?

Billy Bragg | Die Labour Party hätte gar kein Interesse daran.

"Ich glaube, dass Verantwortlichkeit eine große Idee ist, die die Stelle des Sozialismus einnehmen kann."

ver.di PUBLIK | Hat das auch mit Tony Blair zu tun?

Billy Bragg | Er war mit meiner Politik nicht einverstanden. Er wollte lieber Oasis in die Downing Street einladen. Ich habe ein Foto von ihm und Noel Gallagher gesehen, sie haben sich über Britpop unterhalten, über Cool Britannia und sowas. Wenn ich da hingefahren wäre und Power in a Union gesungen hätte, hätte er das sicher nicht hören wollen. Natürlich gibt es in der Labour Party noch gute Leute. Im letzten Wahlkampf habe ich mit einigen zusammengearbeitet, um die Faschisten der British National Party zu stoppen. Aber Labour ist nicht mehr meine Partei.

ver.di PUBLIK | In den achtziger Jahren war der politische Gegner einfacher zu benennen. Es waren Thatcher, Reagan und das Apartheidsregime in Südafrika. Heute ist alles verschwommener.

Billy Bragg | Wir leben in postideologischen Zeiten. Die Sprache, die wir im 19. und 20. Jahrhundert sprachen, war die Sprache von Marx. Sie spricht die Menschen aber nicht mehr an. Dabei sind die Probleme, die Marx angehen wollte, bis heute nicht gelöst. Wir müssen immer noch eine Antwort auf Ungleichheit und Ausbeutung finden. Aber um unsere Ideen voranzubringen, müssen wir eine neue Sprache finden. Ich weiß nicht, wie es die Leute in Deutschland sehen, aber im Vereinigten Königreich ist es so: Die Parteien, die ihre Politik noch nach einer marxistischen Analyse ausrichten, haben keinerlei Unterstützung. Wir müssen also einen anderen Weg finden, diese Argumente aufzuzeigen. Der Mainstream hat sich in die Mitte verschoben. Dadurch liegt ein großer Abstand zwischen der Socialist Workers‘ Party und der Communist Party of Great Britain auf der einen und der Labour Party auf der anderen Seite. Es gibt niemanden, der diesen Zwischenraum besetzt - abgesehen von den Grünen. Wir müssen also damit anfangen, große Ideen so zu formulieren, dass sie für die Menschen wählbar werden.

ver.di PUBLIK | Es hat auch damit zu tun, dass um die Jahrtausendwende die SPD in Deutschland und Labour in Großbritannien einen neoliberalen Kurs eingeschlagen haben, wie man ihn nicht einmal den Christdemokraten zugetraut hätte.

Billy Bragg | Das passiert, wenn du alles dem Markt überlässt. Dann steht irgendwann alles zum Verkauf – Politiker inklusive. Kapitalismus ist ein wichtiger Mechanismus für den Austausch und für die Sehnsüchte der einfachen Leute. Doch solange er nicht reguliert ist, bleibt er eine sehr gefährliche Angelegenheit. Er ist wie das Feuer: Wenn du das Feuer unter Kontrolle hast, gibt es dir Wärme und Licht, Dinge, die für die Zivilisation unglaublich wichtig sind. Wenn du es nicht unter Kontrolle hast, zerstört es alles, was du liebst. Der Kapitalismus ist genau so.

ver.di PUBLIK | Musiker sind schon lange Freiberufler.

Billy Bragg | Kleinunternehmer!...

ver.di PUBLIK | ...die schon seit vielen Jahren in prekären Arbeitsverhältnissen leben. Du bist Mitglied der Musikergewerkschaft. Was kann sie für Musiker tun?

Billy Bragg | Sie kann sicherstellen, dass die Gagen dem Lebensstandard angepasst sind, dass du krankenversichert bist, der Arbeitsplatz sicher ist. Sie kann dazu beitragen, dass die Auftraggeber gegenüber den Auftragnehmern verantwortlich sind. Ich glaube, dass Verantwortlichkeit eine große Idee ist, die die Stelle des Sozialismus einnehmen kann - in dem Sinne, dass sie einen Rahmen für eine bessere Gesellschaft darstellt. Gewerkschaften sind dazu da, in einem kapitalistischen System die Arbeitgeber nicht aus ihrer Verantwortung gegenüber den Beschäftigten zu entlassen.

ver.di PUBLIK | Einmal genereller gefragt: Kann Musik die Welt verändern?

Billy Bragg | Nein. Das zu verlangen wäre unverantwortlich. Die Welt zu verändern, verlangt enorme Anstrengungen. Auf einem Konzert sind die einzigen Leute, die die Welt verändern können, das Publikum. Sie sind die einzigen, die dafür verantwortlich sind, die Welt zu verändern. Wenn ich Power in a Union singe, klatschen alle. Wenn sie dann wieder gehen und die Gewerkschaften doch nicht unterstützen, sind sie Heuchler. Sie müssen selbst aktiv werden. Mein Job ist es, ihnen einen anderen Blickwinkel auf die Welt zu eröffnen. Ich kann ihren Blickwinkel verändern, aber das eigentliche Handeln muss von den Menschen kommen, die zusammenfinden und sich organisieren. Das musste sogar Occupy erfahren: Es reicht nicht, einen Trommelkreis im Park zu bilden. Jetzt sind sie in New Jersey, wo Hurricane Sandy ganze Gemeinden zerstört hat, und organisieren die Aufräumarbeiten. Sie verstehen, dass man sich organisieren muss, um die Welt zu verändern.

ver.di PUBLIK | Das klingt aber doch so, als könne die Musik etwas bewirken.

Billy Bragg | Aber zu sagen, Musik verändere die Welt, würde das Publikum aus seiner Verantwortung entlassen. Stell dir vor, es kommt jemand zu deinem Gig, der an seinem Arbeitsplatz immer wieder Zeuge von Rassismus wird. Er ist gegen Rassismus, aber er fühlt sich in einer Minderheit. Wenn der jetzt zu deinem Konzert kommt und alle singen dort All You Fascists Are Bound To Loose, dann wird er feststellen, dass er nicht allein ist. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl kann seine Batterie wieder aufladen. Er geht dann zurück an die Arbeit und findet vielleicht den Mut, seine Stimme gegen den Rassismus zu erheben. Das kann Musik bewirken - aber nicht ich.

"Ich respektiere die Queen, weil sie in unserem Land die Generation repräsentiert, die im Krieg gekämpft und den Wohlfahrtsstaat aufgebaut hat – die Generation meiner Mutter. Aber Prinz Charles? Vergiss es."

ver.di PUBLIK | Ich habe gelesen, dass du während der Eröffnung der Royal Festival Hall in London der Queen die Hand geschüttelt hast. Das hat mich überrascht, als Royalist bist du ja nicht bekannt.

Billy Bragg | Das stimmt. Sie kam zu einem Konzert, auf dem Beethovens Neunte Symphonie, die Ode an die Freude, mit meinen englischen Texten aufgeführt wurde. (auf deutsch:) Verstehen Sie? Weil die Queen ihre Anwesenheit angekündigt hatte, nahm ich meine Mutter mit, meine Frau und meinen Sohn. Ich hatte den englischen Text um das Motiv (auf deutsch:) Alle Menschen werden Brüder herum geschrieben. Diese Zeile aus Schillers Original war der Ausgangspunkt. Am Ende des Konzerts sagte man mir: Wenn Sie nach unten gehen und sich in die Reihe stellen, können Sie der Queen die Hand schütteln. Zwei Dinge schossen mir durch den Kopf. Erstens, meine Mutter ist hier. Und als Musiker hast du nicht sehr oft Gelegenheit, etwas zu tun, das deine Mutter beeindruckt. Deine Mutter beeindruckt es nicht, wenn du Michael Stipe kennst oder im Ramones-Museum bist. Zweitens, die Hände der Queen waren es, aus denen Bobby Moore 1966 den WM-Pokal empfangen hat. Wenn ich ihre Hand schüttele, bin ich also nur einen Schritt von Bobby Moore entfernt.

ver.di PUBLIK | Eine schöne Rechtfertigung!

Billy Bragg | Ich ging also nach unten, und als die Queen zu mir kam, sah sie mich mit einem Blick an, der sagte: "Was zum Teufel hast du hier zu suchen?" Genau der Blick war es. Großartig. Ich schüttelte ihre Hand, meine Mutter war dabei, ich machte ein Foto, und dann ging sie. Später bekam ich von ihrem Mitarbeiter eine Nachricht. Ob es möglich wäre, eine Kopie der Partitur mit einem Autogramm von Mr. Bragg für die Queen zu bekommen? Kein Problem, ich habe gleich ein Exemplar signiert. Und jetzt pass auf: Viele Leute, die zu meinen Konzerten kommen, bleiben nach dem Auftritt noch da, um meine Hand zu schütteln und ein Autogramm zu bekommen. Warum sollte ich die Queen also anders behandeln, als die Leute, die zu meinen Gigs kommen?

ver.di PUBLIK | Die Idee der Gleichheit verlangt das.

Billy Bragg | Und überhaupt: Wenn du Billy Bragg bist, musst du manchmal Dinge tun, die man von dir nicht erwartet. Es ist einfach, Billy Bragg in eine Schublade zu stecken und zu sagen: Er ist Sozialist, dann ist er auch Atheist und Republikaner (in UK heißt das etwa, er unterstützt nicht das Königshaus, d. Red.). Ich bin kein Republikaner, ich will nicht, dass Blair irgendwann Präsident wird. Fuck that! Ich bin auch kein Monarchist, aber ich respektiere die Queen, weil sie in unserem Land die Generation repräsentiert, die im Krieg gekämpft und den Wohlfahrtsstaat aufgebaut hat - die Generation meiner Mutter. Wenn du sie respektierst, respektierst du diese Generation. Wenn sie stirbt und Prinz Charles wird König - vergiss es. Viele denken, weil ich Sozialist bin, müsste ich auch Atheist sein. Das bin ich nicht, ich mag Atheisten nicht. Ich halte sie für Extremisten. Ich bin da offener und froh, in einer multikulturellen Gesellschaft zu leben. Wenn ich die Gelegenheit habe, etwas zu tun, wonach die Leute denken: "Hm, vielleicht weiß ich doch nicht, wer dieser Billy Bragg ist", dann ergreife ich sie.

ver.di PUBLIK | Bist du ein Familientyp, der viel Zeit zu Hause verbringt?

Billy Bragg | Ich versuche es. Als mein Sohn noch zur Schule ging, habe ich es so eingerichtet, dass ich während der Ferien zu Hause war. Wenn ich auf Tour ging und er mich fragte, warum ich schon wieder wegfahre, habe ich gesagt: "Es ist mein Job. Und wo sind die anderen Väter in den Ferien, wenn ich mit dir und deinen Freunden ins Museum gehe?" Und er meinte: "Sie arbeiten." Das war der Punkt - es hatte Vor- und Nachteile.

ver.di PUBLIK | Wie viele Konzerte spielst du im Jahr?

Billy Bragg | In ruhigen Jahren sind es nie weniger als 50, aber dieses Jahr werden es mehr. Oft in anderen Ländern.

ver.di PUBLIK | Spielst du heutzutage vor allem mit der Band?

Billy Bragg | In den letzten fünfzehn Jahren habe ich allein gespielt. Ab nächsten Monat spiele ich wegen der neuen Platte wieder mit Band.

ver.di PUBLIK | Ich habe eine Anekdote über dich gelesen. Du hast einmal an einem Talentwettbewerb teilgenommen, den du nicht gewonnen hast. Am gleichen Wettbewerb haben Iron Maiden teilgenommen und auch nicht gewonnen.

Billy Bragg | Das stimmt. Der Gewinner war ein vierzehnjähriger Junge, der Gitarre spielte wie Carlos Santana. Iron Maiden wurden berühmt, ich wurde berühmt. Eines Tages haben wir herausgefunden, dass der Junge später in Robert Plants Band spielte. Er hieß Dougie Boyle, und er wurde auch berühmt. Wie erstaunlich ist das bitte?

ver.di PUBLIK | Das nennt man wohl einen guten Jahrgang.

Billy Bragg | Das war unser erster Auftritt, die Band hieß Riff Raff. Letzten Monat hat mein Sohn seinen allerersten Auftritt bei einem Talentwettbewerb in London gehabt. Er hat es in die nächste Runde geschafft, ich bin sehr stolz. Seine Band heißt RPM, er ist der Sänger und Gitarrist.

ver.di PUBLIK | Du und Iron Maiden haben dann recht unterschiedliche Wege im Musikgeschäft eingeschlagen. Du gingst allein im Volvo auf Tour, sie haben ihren Jet, und der Sänger fliegt das Ding.

Billy Bragg | Im Heavy Metal wird das auch von dir erwartet. Im Punkrock ist es nicht nötig. Mich fliegt heute jemand anderes nach Hause, von Berlin-Tegel aus.

 

Billy Braggs neues Album Tooth & Nail ist ab 22. März erhältlich. www.billybragg.co.uk
Im Preisrätsel auf der nächsten Seite verlosen wir 5 Exemplare seiner neuen CD.

Der Barde von Barking

England, Anfang der 80er Jahre: Ein schmaler, junger Mann aus Barking fährt mit seiner E-Gitarre in den Norden des Landes, um die streikenden Bergarbeiter zu unterstützen. Er ist glühender Fan der Punkrockband The Clash, und seine Songs singt er mit Wut im Bauch. Dazu spielt er Gitarre, wie er singt: rotzig und entschlossen.

A New England, ein Song von seiner ersten Platte aus dem Jahr 1983, ist bis heute sein größter Hit, Kirsty MacColls Version hat ihn noch bekannter gemacht. 1986 schrieb Bragg mit There Is Power in a Union zur Melodie eines amerikanischen Traditionals einen Gewerkschaftssong, wie man ihn sich eingängiger und leidenschaftlicher kaum vorstellen kann.

Inzwischen ist Bragg 55 und Vater eines erwachsenen Sohns. Bis heute tritt Billy Bragg meist allein mit E-Gitarre auf, nicht weit von seinem Mikrophon steht auf einem Tischchen Tee bereit. Bragg ist ein Entertainer, seine mit Anekdoten gespickten Ansagen sind oft länger als die Songs. Braggs Botschaft, verpackt in englischen Humor erster Güte, lautet: Die Welt wird nur besser, wenn man sich organisiert.