2. Mai 1933

Foto: Karl Scheffer

Die Gewerkschaften und ihre Zeitungen nach der Machtergreifung

von Constanze Lindemann

Für alle Gewerkschaften der Weimarer, also der ersten deutschen Republik, waren die Verbandszeitschriften das zentrale Kommunikationsmittel. Besonders wichtig aber waren sie für die freien, sozialistischen Gewerkschaften im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB), dem größten gewerkschaftlichen Dachverband: Die Vorstände nutzten sie als Plattform für politische Botschaften und organisatorische Hinweise, die Redaktionen stellten Informationen aus den Regionen zusammen, und die Mitglieder schrieben Stellungnahmen für die Leserbriefseite. Darüberhinaus fungierten die Verbandsorgane auch als Aufklärungs- und Bildungsblätter.

Von der Erkenntnis "Wissen ist Macht - Macht ist Wissen" geleitet, investierten die freien Gewerkschaften viel Geld in ihre Presse und ihre Bildungsarbeit. So gaben sie 1929 mehr als 13 Millionen Reichsmark für Presse und Bildung aus, die Kosten der Arbeitskämpfe lagen nur geringfügig höher. Die Gewerkschaften gaben 33 Verbands-, zwölf Branchen-, 16 Jugend- und 16 fachtechnische Zeitschriften mit einer Gesamtauflage von 6,1 Millionen heraus.

"Es ist ein Zuchthausstaat"

Die gewerkschaftlichen Redakteure analysierten und kommentierten auch die politische und wirtschaftliche Entwicklung, sie verfolgten das Erstarken der Nazis, insbesondere unter den allein vom Reichspräsidenten gestützten Präsidialkabinetten. Diese versuchten ab 1930, die tarifliche und betriebliche Mitbestimmung auszuschalten und mit Notverordnungen die Kürzung der Löhne und Sozialleistungen durchzusetzen, womit sie wesentlich zum Aufstieg der NSDAP beitrugen.

Die Artikel der Gewerkschafter sprachen eine klare Sprache. "Die jetzige Regierung gilt als Wegbereiter des Dritten Reiches, Hitler als ihr heimlicher Chef. (...) Das Dritte Reich Hitlers übertrumpft den alten Obrigkeitsstaat. Es ist ein Zucht­hausstaat, der selbst in den schlimmsten Jahrzehnten der Sozialistenverfolgung nie auf deutschem Boden bestanden hat." So war es im Juli 1932 in der Graphischen Presse zu lesen, dem Verbandsorgan der Lithographen, Steindrucker und verwandten Berufen. Viele Verbandszeitungen kamen mit dem Signet der drei Pfeile der "Eisernen Front" heraus, dem Zusammenschluss von sozialdemokratischen, freigewerkschaftlichen und Arbeitersportverbänden zur Verteidigung von Verfassung und Republik.

Ebenfalls im Juli 1932 erscheint Der Grundstein, Wochenblatt des Deutschen Baugewerkbundes, mit der Überschrift "Schlagt Faschismus und Reaktion!" auf dem Titelblatt. In dem Artikel heißt es weiter, "daß die Nazipartei als der Kettenhund des reaktionären Großkapitalismus betrachtet und von diesem in jeder Weise gestützt und gefördert wird."


Verzicht mit fatalen Folgen

Zu diesem Zeitpunkt konnten die Gewerkschaften ihre Medienmacht noch einsetzen. Obwohl sie am 20. Juli 1932, beim sogenannten "Preußenschlag", der Absetzung der gewählten und SPD-geführten preußischen Regierung durch Notverordnung des Präsidenten Hindenburg, ihren Erkenntnissen keine Taten folgen ließen. Ein Verzicht mit fatalen Folgen. Hitlers Propagandachef Goebbels notierte am 21. Juli. 1932 in seinem Tagebuch: "Alles rollte wie am Schnürchen ab. Die Roten beseitigt. Ihre Organisationen leisteten keinen Widerstand. Der Generalstreik unterbunden. Die Roten haben ihre große Stunde verpaßt. Die kommt nie wieder."

Nach dem 30. Januar 1933, an dem Hitler als Reichskanzler, das NSDAP-Mitglied Frick als Innenminister und Göring als kommissarischer Leiter des preußischen Innenministeriums legal von Hindenburg an die Macht gebracht wurden, war dem staatlich legitimierten Terror Tür und Tor geöffnet. Zwar erkannte die "Gewerkschaft", das Organ des Gesamtverbandes der Post- und Telegraphie, Reichs- und Staatsbetriebe, am 4. Februar: "Die politische Lage hat sich in entscheidender Weise geändert. Das Schwergewicht der neuen Reichsregierung liegt bei Parteien und Gruppen, die bisher offen für die soziale Entrechtung der Arbeiter und Angestellten, für die Zerschlagung der Demokratie und für die Ausschaltung des Parlaments eingetreten sind." Aber die einzige Schlussfolgerung lautete, erstes Gebot sei jetzt "kühles Blut und Besonnenheit". Das hinderte die Nazis nicht daran, Gewerkschaftszeitungen für Tage oder Wochen zu verbieten, Büros zu zerstören, mit präsidialen Erlassen grundlegende demokratische Rechte zu beseitigen. Die Überfälle von Schlägerbanden der Nazis auf Gewerkschaftseinrichtungen und -funktionäre häuften sich.

Angesichts des Terrors und nachdem die Wahlen vom 5. März 1933 der Regierung 52 Prozent verschafft hatten, wichen die Gewerkschaften mehrheitlich zurück und flüchteten in Anpassungsstrategien bis hin zur Selbstverleugnung. Nur einzelne leitende Funktionäre widersetzten sich diesem Kurs und traten von ihren Ämtern zurück. Obwohl für die Vorbereitung des 1. Mai 1933 bereits gänzlich entmachtet und ausgegrenzt, riefen ADGB und Einzelgewerkschaften ihre Mitglieder dazu auf, am 1. Mai 1933 an den von den Nazis organisierten Massenaufmärschen zum "Feiertag der Nationalen Arbeit" teilzunehmen.

Sturm auf die Gewerkschaften

Die Hoffnung, durch Anpassung das Überleben der Organisationen zu sichern, war eine fatale Fehleinschätzung: Schon einen Tag später, am 2. Mai 1933, besetzten Sturmtrupps von SA und SS die Häuser der freien Gewerkschaften. Sie verwüsteten Büros, verhafteten Funktionäre und beschlagnahmten die Vermögen. Die freien Gewerkschaften hörten auf zu existieren. Viele Gewerkschaftszeitungen wurden sofort verboten, ihre Redakteure verhaftet und/oder entlassen. Übrig ließen die Nazis einige wenige Verbandszeitschriften, um die Mitglieder der Gewerkschaften an sich zu binden. Diese Zeitungen wurden am 3. Mai 1933 dem "Presse- und Propagandaleiter" des nationalsozialistischen "Aktionskomitees zum Schutz der deutschen Arbeit" unterstellt und inhaltlich auf Nazilinie gebracht.

Dennoch gelang es vielen Gewerkschafter/innen im Untergrund und vom Ausland aus, Widerstand zu leisten. Kolleg/innen trafen sich unter unpolitischen Vorwänden, bildeten informelle Netzwerke, unterstützten sich und andere verfolgte Kollegen, druckten Flugblätter und verteilten sie an vielen Orten. Besonders aktiv waren die Mitglieder der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF). Sie gaben Hakenkreuz über Deutschland und Faschismus heraus und verbreiteten diese und andere Blätter des Widerstands auf jedem nur möglichen Weg, mit der Eisenbahn, per Schiff und mit illegalen Kurieren über die Grenzen hinweg.


 

Berlin, den 5. März 1946, Berlin-Tempelhof

An den Ausschuss Opfer des Faschismus

Ich bitte, von Folgendem Kenntnis zu nehmen und euch zu meiner Bitte zu äußern:

Mein Vater war der Redakteur und Gewerkschaftsführer Karl Helmholz, geb. 12.09.1873. Wir wohnten 1933 im Gewerkschaftshaus Berlin S.W. 61, Dreibundstr. 5 III, als am 2. Mai des gleichen Jahres die Katastrophe über unser Leben hereinbrach. Mein Vater, der im In- und Ausland sehr bekannt war, wurde also zusammen mit anderen führenden Männern verhaftet und zunächst zum Alexanderplatz gebracht, von da aus später nach Plötzensee, ohne dass auch nur einmal ein Verhandlungstermin angesetzt worden ist. Meine Mutter und wir mussten innerhalb ganz kurzer Zeit mit den Möbeln auf die Straße, nachdem Nacht für Nacht wüste Hausdurchsuchungen bei uns stattfanden. Es war uns nur äußerst schwer möglich, einen neuen Mietsvertrag einzugehen, da alle Hauseigentümer sich weigerten, uns aufzunehmen. Meine Schwester musste zur gleichen Stunde ihren Posten als Beamtin der A.O.K verlassen, weil sie angeblich „Bonzentochter“ war. Unsere Spargroschen wurden uns fortgenommen, und es gab fortan keine Stelle mehr, wo wir unser Recht finden konnten. Verfolgungen meines Vaters nahmen auch nach der Haftentlassung, zusammen mit Hausdurchsuchungen, kein Ende. Nachdem zum 60. Geburtstag meines Vaters die „Typographia“ gesungen hatte in einer Stärke von mehreren hundert Mann und in den Neubaublock in der Wintgensstraße in Neutempelhof von mehreren Balkons rotes Sympathiefeuer abgebrannt wurde, kam die Gestapo mit Verfolgungen in die neue Wohnung. Ich selbst habe mit meinem Namen von 1934-1938 ein jüdisches Unternehmen getarnt, auch das war bekannt gewesen […] 1938 mit zertrümmert.

Mein Vater hat mit einer ganz kleinen Rente keine Arbeit mehr finden können und machte oft seinem Herzen durch Schimpfkanonaden Luft, ganz gleich wo er sich befand, das trug ihm immer wieder neue Verhöre von der Gestapo ein. Ebenso tat er Äußerungen bei einem Aufenthalt im Steglitzer Krankenhaus, wohin er 1943 wegen einer Lungenentzündung gebracht werden musste, so dass die Ärztin ihn für nicht zurechnungsfähig erklärte. Er wurde, ohne uns vorher zu verständigen, nach Wuhlgarten gebracht, wo er nach 5 Tagen, wahrscheinlich durch eine Injektion ins Jenseits befördert worden ist. Auch darüber bekamen wir keinen Bescheid. Wir erfuhren von seinem Tod erst bei unserem Besuch und konnten ihn auch nicht mehr sehen. Es ist schade, dass unser Vater den Zusammenbruch der Nazigesellschaft nicht erleben durfte.

Der Zweck meines Schreibens ist folgende Bitte, meiner Mutter, die durch diese ganzen 12 Jahre langen Aufregungen und Ängste die Nerven verloren hat, eine leise Anerkennung in irgendeiner Form zu gewähren und wenn es ein Aufenthalt in einem schöne Heim für den Rest ihrer Jahre sein könnte; denn sie ist einzig und allein ein Opfer des Faschismus geworden. Sie ist am 15.1.1873 in Tiefurt geboren.

Ich bitte um wohlwollende Berücksichtigung meiner Zeilen und zu Auskünften jederzeit gern bereit zeichne ich mit

Frieda Kretzschmar, geborene Helmholz, Berlin-Tempelhof, Friedrich-Wilhelm-Str. 6 III

 

Am 7. Juni verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig im Bürgersteig vor der Dudenstraße 10 in Berlin-Kreuzberg einen "Stolperstein" für Karl Helmholz, Opfer der Nazis.

Informationen: karl-richter-verein@email.de, Fax 03212/2787448