Sexismus

foto: DPA Bildfunk

Seit über einem Jahr kämpfen Stevie Schmiedel und ihre Initiative Pinkstinks für ein anderes Frauenbild im öffentlichen Raum und legen sich mit der Werbewirtschaft an. Reklame soll auch die Sicht von Kindern berücksichtigen. Eine große Demo gegen Sexismus in der Werbung in Berlin soll den wachsenden Zorn der Frauen unterstreichen

von Jenny Mansch

Es ist ein langer Weg ins Bewusstsein der Leute. Das erste Mal machte Pink­stinks mit einem Protest gegen das rosa Überraschungsei für Mädchen von sich reden. Stevie Schmiedel beschwerte sich bei Ferrero und machte auf das beschränkte Rollenbild des beliebten Ei's aufmerksam. Während vorher Jungs wie Mädchen mit dem Inhalt der Unisex-Eier kleine Spielzeuge zusammenbauen konnten, finden die Mädchen im Ü-Ei nur noch Schönheitsaccessoires in Pink.

Mit ihrem Protest gegen das geschlechtergetrennte Kult-Ei schafften es Pink-stinks auf Anhieb in die Medien. Begleitet von Spott gingen Schmiedel und ihre Mitstreiterinnen nun dem Werberat auf die Nerven. Die Deutsche Bahn änderte auf ihr Drängen ein Werbeplakat, auf dem es hieß "Papa ist der Beste, Mama ist die Schönste". Nun steht dort "Papa ist der Beste, Mama ist die Beste". So einfach kann das Leben sein. Ebenso hängte die Nordsee-Kette ihre "Fisch macht sexy"-Werbung in Hamburg wieder ab, C&A ließ nach einem Artikel Schmiedels in der Morgenpost gigantische Bikini-Plakate verschwinden und zogen den Frauen etwas an, bevor sie sie, vorzugsweise an Bushaltestellen, wieder aufhingen.

Posen, die sich kein Mann zumutet

Dr. Stevie Schmiedel ist Mutter zweier Kinder und Lehrbeauftrage für Genderforschung mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung, Populärkultur und Essstörungen. Irgendwann hat es sie genervt, ihre Mädchen auf dem Schulweg an Werbebildern vorbeizumanövrieren, auf denen nackte, dürre Models in sexuell anbiedernder Haltung nicht zu übersehen sind. Sie gründete den deutschen Ableger von Pinkstinks England. Pink stinks - Rosa stinkt. "Der Name ist eine Provokation", sagt sie. Die richte sich gegen eine neoliberale Marktideologie, die Mädchen schon früh auf die Rolle der sexuell verfügbaren Ware reduziere, während sie in der Bildung längst an den Jungs vorbeizögen.

Mehr Mädchen als Jungen machen mittlerweile das Abitur und arbeiten zielstrebig auf ein eigenständiges Berufsleben hin. Das aber lässt sich gemeinhin nur mit einem gesunden Essverhalten, einem starken Selbstbewusstsein und mit Klamotten am Leib erreichen. Wann zuvor hatten es die Mädchen und auch immer mehr Jungen so schwer, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln? "Kinder verstehen Ironie frühestens ab einem Alter von sechs Jahren", sagt Schmiedel, "bis dahin nehmen sie eins zu eins, was sie sehen." Was sie im öffentlichen Raum auf Werbetafeln sehen, ist die Ware Frau - stets sexy, in oft lächerlichen Posen, die sich kein Mann zumuten würde, und extrem dürr.

Dieses eng gezurrte Korsett beschränkter Rollenzuschreibung schnürt den Mädchen spätestens in der Pubertät die Luft ab. Die Zahlen sind erschreckend: Laut einer aktuellen Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fühlten sich im Jahr 2006 noch 70 Prozent der Mädchen wohl in ihrer Haut und attraktiv, so wie sie sind. Heute sind es nur noch 47 Prozent. Das Selbstbewusstsein von Mädchen ist in der gleichen Zeit um die Hälfte gesunken, jedes zweite 15-jährige Mädchen findet sich zu dick. "Welche Gewalt wirkt da täglich auf unsere Mädchen ein, dass sie sich plötzlich nicht mehr schön finden? Was ist da passiert?", fragt Schmiedel. Passiert ist vor sechs Jahren Germany‘s next Topmodel. Etwa zur gleichen Zeit explodierte die Werbung auf den Straßen; seit Kommunen privaten Werbeunternehmen wie Wall AG oder Ströer Bushaltestellen und viele andere Flächen für ihre Werbeplakate zur Verfügung stellen, um ihre Kassen aufzubessern. Leider, so Schmiedel, haben sie damit auch die Verantwortung über die Inhalte abgegeben.

Essgestörte immer jünger

Seitdem nehmen Essstörungen bei Mädchen und auch Jungen nicht nur zu, die Betroffenen werden auch immer jünger. Schon Zehnjährige empfinden sich als zu dick und hören auf zu essen. Um einem unerreichbaren, mit Photoshop geformten Ideal von Magermodels zu genügen, deren Bildern man nirgendwo entkommt.

"Sehen Sie sich das Publikum bei Germany‘s next Topmodel an", sagt Stevie Schmiedel. "Da sitzen Zehnjährige und sehen mit an, wie klapperdürre Mädchen in der Öffentlichkeit gnadenlos abgewertet werden, weil sie angeblich noch zu fett seien oder mit 16 nicht lasziv genug aus der Wäsche gucken."

Tatsächlich wird beobachtet, dass die Selbstzweifel von Mädchen nach einer Folge Germany‘s next Topmodel am größten sind. Das sieht der Deutsche Werberat ganz anders. Sprecher Volker Nickel ärgert sich über die Initiative, hält sie fast für strafbar. Da würden einige mittels der Werbung die Gesellschaft nach ihrem Willen verändern wollen, "nur aufgrund eines subjektiven Gefühls des Unwohlseins".

Der Werberat, ein 17-köpfiges Gremium der Werbewirtschaft, den man um drei externe Frauen ergänzt hat, halte sich an seine Satzung, keine diskriminierende Werbung zuzulassen, so Nickel.

Pinkstinks möchte erreichen, dass der Werberat stärkere Regeln für geschlechtsdiskriminierende Werbung aufstellt und "sexuelle Verfügbarkeit" genauer definiert. "Ich bin nicht sicher, ob Frauen immer richtig urteilen", erklärt Nickel, "aber man kann nicht zu Ende definieren, was Sexismus ist und was Pornographie". Man lebe in einer liberalen Gesellschaft, wo man alle im Blick haben müsse. "Es gibt auch Frauen in schöner Unterwäsche", sagt er. Auf keinen Fall wolle man Fremdkontrolle. Einen Zusammenhang zwischen Werbung, Abwertungssendungen wie Germany‘s next Topmodel und sinkendem Selbstwertgefühl und Essstörungen kann er nicht erkennen. Schmiedel räumt ein: "Wir können den Zusammenhang noch nicht beweisen. Aber Frauennotrufe im ganzen Land unterstützen uns."

Auch Andreas Schnebel vom Bundesverband für Essstörungen sieht das Problem: "Schon in der Kita müsste diese Bewertungskultur thematisiert werden."

Petra Kantenwein kennt die Wirkung von Modezeitschriften, Fernsehsendungen und sexualisierter Werbung auf junge Mädchen. Sie leitet die betreute Wohngemeinschaft "Perspektive" für essgestörte Mädchen in Braunschweig und ist täglich mit den Folgen der seelischen Erkrankung konfrontiert: "Hier liegen keine Modezeitschriften rum und Germany‘s next Topmodel läuft hier auch nicht, weil wir sehen, was das mit den Mädchen macht."

Erste Demo gegen Sexismus

Stevie Schmiedel weiß schon jetzt, dass der Werberat der Petition, die ihm am 2. September in Berlin übergeben wird, eine Absage erteilt. "Die Petition ist für uns auch ein Mittel, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren", sagt sie. Mittlerweile ist Pinkstinks ihr ehrenamtlicher Vollzeitjob. Sie hält Vorträge zum Thema an Hochschulen, ab September will der Verein mit Workshops in die Schulen. Unterstützt werden sie von 25 Frauenorganisationen wie dem Deutschen Frauenrat, sie sind gut vernetzt mit Occupy Barbie Dreamhouse und AnyBody, einer Initiative der Therapeutin, die Lady Di wegen ihrer Essstörungen behandelt hat.

Immer mehr Unmut über die Vermarktung eines diskriminierenden Frauenbilds macht sich breit. Ein geplantes Frauennacktfußball-Turnier sorgt in Berlin jetzt schon für Ärger. Vielleicht kommt auch Laurie Penny zur Demo, Autorin des Buches Fleischmarkt. "Wenn morgen alle Frauen dieser Welt aufwachen würden und sich wohl in ihrer Haut fühlten und schön, würde die Weltwirtschaft zusammenbrechen", schreibt sie. Unrecht hat sie damit nicht. Rund 80 Prozent aller Produkte und Dienstleistungen in der westlichen Welt werden laut Bloomberg Business Week von Frauen konsumiert.


 

Stevie Schmiedel

Foto: Christian Jungeblodt