T-MOBILE

Zum Einzelgespräch in den Keller

Spezialisierte Manager reden Gewerkschaften schlecht und drohen Beschäftigten mit Lohnkürzungen. In Amerika haben sich die CWA und ver.di vereint - für bessere Arbeitsbedingungen bei der Handy-Sparte der Telekom

Oben links: Jose Ortiz vor dem MetroPCS-Geschäft, in dem er arbeitet
Unten links: Daniel Cardenas (li.) und Adrian Domingos im MetroPCS-Shop
rechts: "Wir sind alle Josh": ver.dianer/innen protestieren vor dem Telekom-Sitz in Berlin
gegen die Kündigung eines Kollegen in Amerika

Fotos: Stefan Falke (7), Murat Tueremis (2)

von Eva C. Schweitzer

"Natürlich wollen wir auch mehr Geld verdienen, vor allem aber wollen wir von T-Mobile nicht wie Kinder behandelt werden", sagt Adrian Domingos. "Wir sind erwachsen, wir haben selber Kinder. Wir wollen Respekt." Domingos arbeitet im Laden von MetroPCS in Spanish Harlem, New York City, bei dem Mobilfunkanbieter, der im Mai 2013 mit der Telekom-Tochter T-Mobile fusionierte. In Spanish Harlem, im Schatten der Bronx, reihen sich puertoricanische Bäckereien mit knallbunten Torten, Obststände mit Kaktusfrüchten und Feigen, chinesische Takeouts, Billig-T-Shirt-Läden und Fast-Food-Restaurants aneinander. Das große neue MetroPCS-Geschäft mit der lilafarbenen Fassade, voller funkelnder Smartphones, sticht heraus.

 "Eine Kollegin kam mit so viel Angst zur Arbeit, dass sie sich regelmäßig morgens übergeben musste."

Sylvia Wilson, T-Mobile-Beschäftigte

Domingos und seine Kollegen - neun sind sie insgesamt - wollen, dass der Laden ein "Gewerkschaftsbetrieb" wird, will heißen, dass die Gewerkschaft im Betrieb auftreten kann. Dazu müssen 50 Prozent der Belegschaft organisiert sein. Das wäre ein Durchbruch in New York, denn weder MetroPCS noch T-Mobile sind organisiert, anders als die Konkurrenz von AT&T oder Verizon. Domingos und seine Kollegen werden deshalb von ver.di in Deutschland unterstützt; ver.di hat die Kampagne "We Expect Better", "Wir erwarten mehr", ins Leben gerufen. "Aber T-Mobile macht Druck", sagt Domingos. "Jeden Tag bitten uns die Manager zu Einzelgesprächen in den Keller, dort reden die bis zu zwei Stunden auf uns ein. Die sagen dann, die Gewerkschaft wolle nur unser Geld, oder Gewerkschaftsführer seien korrupt, oder sie drohen, dass wir dann weniger verdienen würden." Sogar eine Managerin aus Connecticut wurde eingeflogen, die auf so etwas spezialisiert sei. Und auch sonst mache ihnen T-Mobile das Leben schwer. "Die geben uns unsere freien Tage nicht, wenn wir sie brauchen", sagt Domingos. "Das ist schwer für Familien mit Kindern."

Acht von Neun wollen in die Gewerkschaft

Am 25. September haben die neun Beschäftigten gewählt. Und es haben weit mehr als die Hälfte dafür gestimmt, der Gewerkschaft "Communication Workers of America", CWA, beizutreten. Nämlich sieben von neun Beschäftigten, bei einer ungültigen Stimme wegen Zuspätkommens, sagt José Ortiz. Die CWA vertritt in den USA mehr als 700.000 Angestellte in der Telekommunikationsbranche, vom Kabelfernsehen über Fluglinien bis zum Kundendienst.

MetroPCS-Beschäftigte Daniel Cardenas (li.) und Jose Ortiz bei der CWA

Ortiz arbeitet seit vier Jahren im PCS-Shop, er ist der Dienstälteste. Die Fluktuation in den Mobilfunk-Läden ist hoch, weil die Verkäufer/innen nur um die 34.000 Dollar im Jahr verdienen, brutto. Dazu kommt ein Bonus von bis zu zehn Prozent, wenn der Umsatz stimmt. MetroPCS zahlt den Bonus an die ganze Belegschaft aus, T-Mobile hingegen an den einzelnen Verkäufer, das schafft mehr interne Konkurrenz. Aber egal wie, damit in New York zu überleben, ist schwer. "Ich wohne in Brooklyn in einem Zimmer zur Untermiete", sagt Ortiz. "Früher, als ich noch in Florida lebte, hatte ich eine richtige Wohnung." Doch in New York gebe es mehr Jobs, außerdem habe er hier Familie. Und wohin gehen die Leute, die bei MetroPCS kündigen? "Viele gehen zu AT&T, da sind die Konditionen besser", sagt Ortiz.

Für die CWA ist T-Mobile wichtig. Der viertgrößte Mobilfunkanbieter der USA hat über 40 Millionen Kunden und mehr als 30.000 Angestellte, kein kleiner Fisch also. Und so ist CWA-Präsident Larry Cohen eigens aus Washington, DC, nach New York gekommen, um Domingos, Ortiz und den anderen den Rücken zu stärken. Kurz vor der Abstimmung trifft er sich mit ihnen im CWA-Büro an der Wall Street, auch lokale Gewerkschafter sind dabei. Cohen richtet Grüße von den "Brüdern und Schwestern" aus. "Mehr als 100.000 Kollegen in Deutschland, die bei der Telekom arbeiten, unterstützen euch", sagt er - und: "Die Gewerkschaften in Deutschland haben viel Macht." 

"Jeder ist Josh"

Cohen war im Herbst 2012 in Düsseldorf gewesen, um mit Lothar Schröder vom ver.di-Bundesvorstand, "meinem Bruder", die Kampagne "We Expect Better" loszutreten. Der Spiegel schrieb anschließend vom "brutalen Psychoterror", der bei T-Mobile USA herrsche. Auch eine gemeinsame Organisation von ver.di und CWA wurde gegründet, die TU, T-Mobile Workers United. Seither gibt es immer wieder Aktionen, Gespräche, Flugblätter, Aufrufe und Demonstrationen.

Treffen in der CWA-Zentrale vor der Abstimmung bei MetroPCS

Erst Anfang September protestierten Kol­le­g/innen in Berlin, wo die Telekom den "Tag der Startups" unterstützte, gekleidet in rote T-Shirts mit ver.di- und CWA-Logo. Sie projizierten Leuchtzeichen auf die Hauswand gegenüber der Telekomzentrale. Auf den roten T-Shirts war zu lesen "Ich bin Josh". Es geht um Josh Coleman aus Wichita, Kansas, der von T-Mobile entlassen wurde, als er sich in der TU engagierte, wenngleich der Konzern einen Zusammenhang abstreitet. Ado Wilhelm, federführend seitens ver.di bei der Kampagne, findet, dass nun die Geschäftsleitung gefragt ist. Der designierte Vorstandsvorsitzende der Telekom, Timotheus Höttges, solle sich endlich mit Cohen an einen Tisch setzen, sagt er. 

Auch zwei Kollegen vom Kabelanbieter Cablevision sind in das New Yorker CWA-Büro gekommen, um Domingos, Ortiz und den anderen zu helfen. Sie haben ein Video gedreht, das sie auf einem mitgebrachten Laptop zeigen; Gewerkschafter, die rappen, "Where The Papers At", "Wo sind die Verträge"? Sie berichten von einer Frau, die gekündigt wurde, weil sie einen Gerichtstermin wahrnehmen musste, wo sie gegen ihren schlagenden Ehemann aussagen sollte. "Das Management wendet immer die gleichen Taktiken an", sagt einer der beiden. "Uns hat Cabelvision gesagt, dass die Gewerkschaft uns hunderte von Dollar an Beiträgen abnehmen wird. Und auch, dass wir kein kostenloses Kabelfernsehen mehr bekommen." Jetzt grinst Ortiz. "Uns haben sie erzählt, wir kriegen keine Handys mehr umsonst", sagt er. Cohen nickt. "Die arbeiten nach einem Skript", sagt er. "Und wenn das alles nicht hilft, brechen sie auch schon mal in Tränen aus. Davon darf man sich nicht beeindrucken lassen." Daraufhin sagt der Kollege von Cablevision: "Wartet ab, 30 Stunden vor der Abstimmung lassen die noch eine Bombe platzen."

Von Eselskappen und Affenrucksäcken

Dann werden ein paar Geschenke von ver.di herumgereicht, Figürchen aus Plastik, die eine Eselskappe treten. T-Mobile hat Angestellte in Callcentern in Chattanooga, Tennessee, gezwungen, Eselskappen zu tragen, wenn sie ihre Vorgaben nicht erreichten. In Albuquerque wurden ihnen Rucksäcke in Form von Affen umgeschnallt.

Die Angestellten in den T-Mobile-Callcentern zu organisieren ist ebenfalls ein wichtiges Ziel der ver.di-Kampagne. Die meisten Callcenter sind im Süden der USA, wo die Gewerkschaften schwach sind und die Löhne niedrig. In Tennessee sind drei Unterstützer aus Düsseldorf angereist: Stephan Heggemann, sein Sohn Moritz, und Giovanni Suriano, der, wie Heggemann, Betriebsrat ist. Die Deutschen treffen sich mit T-Mobile-Angestellten, CWA-Organisern und Politikern in der Corinthian Baptist Church in Nashville, der Hauptstadt. Die Kirchen, vor allem die schwarzen Kirchen, springen oft dort in die Bresche, wo es die Gewerkschaften schwer haben. 

Blick aus der New Yorker Zentrale der Gewerkschaft CWA

Nashville ist die "Stadt der Musik" mit der Country Music Hall of Fame; Johnny Cash lebte hier. Der Broadway ist gesäumt von Musikkneipen, Country-Bühnen und Elvis-Statuetten. Es gibt solarbetriebene Leihfahrräder und kostenlose Stadtbusse. Nashville ist eine demokratische Insel in einem republikanischen Staat. Tennessee ist, wie viele Südstaaten, ein sogenannter "right to work"-State: Arbeitgeber können Nicht-Gewerkschaftsmitglieder engagieren und Gewerkschaften können ihre Mitglieder nicht verpflichten, Beiträge zu bezahlen. Das hat den Gewerkschaften im Süden, ohnehin nie besonders stark, noch einen Dämpfer aufgesetzt. Im privaten Sektor seien inzwischen nur noch sieben Prozent der Amerikaner organisiert, sagt Tony Daley, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der CWA aus Chicago, der die deutsche Delegation begleitet. Im Süden seien es maximal fünf Prozent. 

Für Südstaaten-Verhältnisse ist T-Mobile ein relativ guter Arbeitgeber, aber vieles von dem, was in den USA Usus ist, wäre in Deutschland undenkbar. "In manchen Callcentern lässt die Geschäftsleitung die Mitarbeiter Aufsätze schreiben, warum sie es verdienen, weiterhin bei T-Mobile beschäftigt zu sein", erzählt Daley. Die Narrenkappen gibt es zwar nicht mehr, dafür aber Parkplätze in der Nähe des Eingangs, die nur für die "Top Performer" reserviert sind. 

Nur 360 Sekunden für einen Anrufer

Sylvia Wilson arbeitet seit sechs Jahren bei T-Mobile, damit gehört sie bereits zum "älteren Eisen". Eigentlich mag sie den Job, und die Firma. "Wir haben eine gute betriebliche Krankenversorgung, auch für den Zahnarzt und den Augenarzt", sagt sie. Das ist wichtig in Amerika. Auch die Altersversorgung sei passabel. T-Mobile-Mitarbeiter bekommen Aktien; allerdings nur, wer länger als zwei Jahre bleibt. Und das schaffen nicht viele, denn der Stress ist massiv. "Wir dürfen im Schnitt nur 360 Sekunden für einen Anruf benötigen", sagt Sylvia. "Und wir werden danach beurteilt, ob der Kunde zufrieden war; der wird befragt. Nun sind aber viele schon sauer, wenn sie zu uns durchgestellt werden, weil sie vorher mit einem Callcenter im Ausland geredet haben, und sie lassen ihre Verärgerung dann an uns aus." T-Mobile errechnet eine Punktebewertung, die Metrics, und nur wer oben ist, bekommt einen Bonus. Punkteabzug gibt es beispielsweise, wenn ein Kunde nach einem Gespräch nochmal anruft. Richtig transparent ist das System nicht, letztlich erfahren die Mitarbeiter/innen erst am Ende des Monats, ob sie den Bonus bekommen. Und den brauchen sie, denn das Grundgehalt liegt bei ihnen bei nur 22.000 bis 24.000 Dollar.

Larry Cohan, der Vorsitzende der Gewerkschaft CWA

Roland Ellis, der ebenfalls in Nashville arbeitet, geht es vor allem auch um Respekt. "Die Firma sollte uns mit dem gleichen Respekt behandeln wie ihre Kunden", sagt er. Was ihn am meisten beunruhigt, ist das Outsourcen, das Verlagern von Callcentern in das englischsprachige Ausland. "MetroPCS hat Callcenter auf den Philippinen, auch wenn sie es abstreiten", sagt Sylvia Wilson. Und Daley weiß von einem Callcenter in Honduras, das mit Honduranern besetzt ist, die als illegale Immigranten aus den USA abgeschoben wurden. "Die Gewerkschaft sollte sich gegen so etwas aussprechen, das ist keine Diskriminierung, sondern das bewahrt vor Lohndrückerei", sagt Roland.

Im Süden zu organisieren ist allerdings noch schwieriger als in New York. "Wir dürfen niemanden von der Gewerkschaft hereinlassen, wir dürfen nicht gesehen werden, wenn wir mit der CWA reden, und wir dürfen auch nicht mit Kollegen im Büro über die Gewerkschaft sprechen", sagt Ellis. "Sonst bekommen wir Ärger." T-Mobile mobbe zudem dienstältere Kolleg/innen weg, damit sich gar nicht erst Gewerkschaftszellen bildeten. "Eine Kollegin kam mit so viel Angst zur Arbeit, dass sie sich regelmäßig morgens übergeben musste", erinnert sich Wilson. Bei AT&T hingegen, die organisiert seien, herrsche ein ganz anderes Klima, ein viel freieres. 

Ellis findet es bemerkenswert, dass die Deutschen 4300 Meilen weit gereist sind, um ihre Solidarität zu versichern. Tony Daley hingegen verstört es, wie Amerika hinter Deutschland zurückfällt. "Lothar Schröder hat mir erzählt, dass er vor 20 Jahren junge Leute aus Deutschland nach Nicaragua geschickt hat, damit sie sehen, was Ausbeutung und Armut ist", sagt Daley. "Heute schickt er sie nach Amerika." Das findet auch Jason Powell unglaublich, ein Demokrat aus Tennessee, der ebenfalls bei dem Treffen ist. "Ich habe neulich mit einem Kollegen bei T-Mobile gesprochen, dessen Vorfahren aus Deutschland emigriert sind, weil sie ein besseres Leben in Amerika wollten. Aber heute würde es ihm finanziell besser gehen, wenn er einen Job in Deutschland hätte."

Als arbeite man im Untergrund

Die Deutschen haben durchaus auch eigene Interessen, die Amerikaner zu unterstützen, weiß Daley. Wenn T-Mobile es durchsetzen könnte, die amerikanischen Beschäftigten schlecht zu behandeln, seien als nächstes die Deutschen dran. Also hängen im CWA-Büro von Nashville Solidaritätsplakate von ver.di, und es gibt Partnerschaften zwischen deutschen und amerikanischen Städten, in denen T-Mobile sitzt. Düsseldorf und Nashville sind Partner, Dortmund und Wichita, Berlin und Charleston.

Bürgermeisterkandidat Bill de Blasio mit Gewerkschaftern in Manhattan

Stephan Heggemann stimmt ihm zu. "Wir wollen das Niveau halten, das wir erkämpft haben", sagt er. "Wenn wir diese Ungerechtigkeiten bei T-Mobile zulassen, geht es uns früher oder später genauso. Es ist unglaublich, dass die Amerikaner Weltpolizei spielen, aber ihre eigenen Arbeiter derart behandeln." Dann fügt er vorsichtig hinzu: "Ich will jetzt nicht sagen, dass wir hier wie Missionare sind, aber man kommt sich schon manchmal vor, als arbeite man im Untergrund."

In New York, immerhin, haben die Gewerkschaften nun einen Hoffnungsträger, den demokratischen Bürgermeisterkandidaten Bill de Blasio. De Blasio hat nicht nur eine Solidaritätsadresse an die CWA geschickt, er hat auch zu der ersten Kundgebung nach den gewonnenen Vorwahlen die Gewerkschaften eingeladen. Nun steht er vor dem Rathaus, hinter ihm aufgereiht Kollegen vom Dachverband AFL-CIO, der Autogewerkschaft UAW und der Dienstleistungsgewerkschaft SEIU, mit Plakaten und T-Shirts, die Solidarität bekunden. Beifall flammt auf, als SEIU-Präsident Hector Figueroa de Blasio ankündigt: "Das ist unser nächster Bürgermeister." Das glaubt auch José Ortiz von MetroPCS. "Dann wird alles besser werden", sagt er. Hoffentlich.