Alleinerziehend

Mama im Spagat

Längst nicht allen Ein-Eltern-Familien gelingt der Spagat zwischen Beruf, Kindererziehung und Haushalt. Vor allem bei den rechtlichen Rahmenbedingungen besteht in der Bundesrepublik großer Verbesserungsbedarf. Der Verband alleinerziehen­der Mütter und Väter kritisiert die Benach­teiligung von Ein-Eltern-Familien schon lange. Mit einer Unterschriftensammlung fordert der Verband, endlich umzusteuern

foto: Rickard Kilstroem/Kontinent/laif

von Karin Nungesser

Als der Verband alleinerziehender Mütter und Väter, VAMV, am 8. Juli 1967 im schwäbischen Herrenberg von Luise Schöffel als "Verband lediger Mütter" gegründet wurde, gab es in der Bundesrepublik noch keine Alleinerziehenden. Zumindest nicht dem Begriff nach. Stattdessen verzeichnete die Statistik 564.000 "Halbfamilien" mit Kindern unter 18 Jahren. Ein unsäglicher Begriff, wie Miriam Hoheisel, Bundesgeschäftsführerin des VAMV, findet: "Das würde heute niemand mehr sagen. Daran zeigt sich schon, dass sich am gesellschaftlichen Wert von Ein-Eltern-Familien einiges verändert hat." Auch deren Zahl hat sich in den letzten viereinhalb Jahrzehnten kräftig erhöht. Jedes sechste Kind lebt heute in einer Familie mit nur einem Elternteil, Mitte der Neunzigerjahre war es nur jedes neunte.

Vom Armutsrisiko zu mehr Gerechtigkeit

Nicht verbessert hat sich dagegen die strukturelle Benachteiligung von Ein- Eltern-Familien, wie eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung belegt. "Dabei ist es überfällig, dass Alleinerziehende endlich auch steuerlich als gleichberechtigte Familien anerkannt werden", sagt Hoheisel. Deshalb hat der Verband vor einiger Zeit die Kampagne "Umsteuern" ins Leben gerufen. Noch bis Ende 2014 werden auf der Internetseite www.vamv.de Unterschriften gesammelt, die dann an die politisch Zuständigen übergeben werden. Im Kern geht es dabei um mehr Steuergerechtigkeit. Denn während der Staat Ehepaaren - unabhängig davon, ob sie Kinder versorgen oder nicht - bei der Steuer einen Splittingvorteil gewährt, der bis zu 15.000 Euro jährlich betragen kann, fällt das Gegenstück für Alleinerziehende, der sogenannte Entlastungsbeitrag, deutlich niedriger aus. "Am Ende des Jahres kommen da maximal 564 Euro raus", kritisiert Hoheisel. Ihr Verband fordert deshalb, den Entlastungsbeitrag auf die Höhe des steuerlichen Grundfreibetrags von Erwachsenen zu erhöhen - so wären künftig jährlich 8 354 Euro steuerlich absetzbar statt derzeit 1308 Euro. Mittelfristig tritt der Verband für die Einführung einer Individualbesteuerung ein und dafür, Kindern eine monatliche Grundsicherung von mindestens 500 Euro auszuzahlen. "Von einer solchen direkten Förderung würden alle Kinder profitieren - unabhängig von der Familienform und dem Einkommen ihrer Eltern", sagt Miriam Hoheisel.

Das wäre ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit - und zu mehr sozialer Sicherheit. Denn das Armutsrisiko von Alleinerziehenden und ihren Kindern ist hoch. Fünfmal häufiger als andere Familien müssen sie von Hartz IV leben, stellt die Bertelsmann-Studie fest. Von den 1,9 Millionen Kindern unter 18 Jahren, deren Eltern Hartz IV bekommen, wächst über die Hälfte in Ein-Eltern-Familien auf. Mehr Geld für ihre Familien würde diesen Kindern und Jugendlichen bessere Chancen eröffnen: bei Bildung und Freizeitgestaltung, beim Wohnen, bei Kleidung und Ernährung.

Anlaufstelle VAMV

Wie schwer es ist, mit drei Kindern allein klarzukommen, weiß auch Janette Zulovic. Die Brandenburgerin stand vor fünf Jahren "von hier auf gleich" plötzlich allein da. Zwei, vier und zwölf Jahre alt waren ihre Kinder damals. Wie kriegt man Arbeit und Familie unter einen Hut? Wo gibt es Unterstützung bei der Kinderbetreuung? Welche staatlichen Leistungen für Alleinerziehende gibt es? Wie sieht es mit Unterhalt und Umgangsrecht aus? Sie wandte sich an die Brandenburger Landesgeschäftsstelle des VAMV und war froh, hier Beratung und Kontakt zu anderen Betroffenen zu finden. "Es sagt einem ja sonst keiner was", hat die 35-Jährige festgestellt. Bis heute ist die Geschäftsstelle in Brandenburg an der Havel für sie eine wichtige Anlaufstelle.

Vätertreff und Samstagsbrunch

Wie hoch der Bedarf an Beratung und praktischer Unterstützung ist, weiß auch Petra Beck, Landesgeschäftsführerin des Verbandes in Gera. "Derzeit wichtigstes Problem vieler Alleinerziehender in Thüringen ist die sogenannte Randzeitenbetreuung. Viele, die aus dem Hartz-IV-Bezug rauswollen, könnten im Einzelhandel, in der Altenpflege oder im Callcenter arbeiten", sagt sie, "doch die Arbeitszeiten dort entsprechen nicht den Kita-Öffnungszeiten." Für diese Frauen organisiert Petra Beck in einer Arbeitsgruppe des lokalen Bündnisses für Familien nun einen Pool qualifizierter Tagesmütter, die bereit sind, Kinder abends und am Wochenende zu betreuen. Neben telefonischer Beratung in rechtlichen und praktischen Fragen gibt es beim Thüringer Landesverband Veranstaltungen wie den Samstagsbrunch und seit kurzem den monatlichen Vätertreff, den Michael Härig leitet, Erziehungswissenschaftler und selbst lange alleinerziehender Vater.

Häufiges Thema dort sei das Umgangsrecht, insbesondere wenn nicht beide Eltern am selben Ort wohnen, berichtet er. Härig plädiert für eine Versachlichung der Debatte und rät den Vätern, öfter mal die Perspektive ihrer Kinder einzunehmen: "Manchmal muss man loslassen, um zu bekommen." Zum Beispiel, wenn der 14-jährige Sohn just an seinem Vater-Wochenende lieber mit Freunden ins Konzert möchte. "Wenn man dann sagt, ich hab aber jetzt meinen Umgangstag - was soll denn dabei rauskommen?"

Dazu sei es wichtig, sagt der 58-Jäh­rige, dass auch der sorgeberechtigte Elternteil verhandlungsbereit sei. "Manche Gerichtsentscheidung überlebt sich einfach mit der Zeit. Das Vernünftigste ist, miteinander ins Gespräch zu kommen."

Wie schwierig das sein kann, weiß Uschi Rosenthal (Name von der Redaktion geändert). Kurz nachdem im Mai das Sorgerecht für nicht verheiratete Väter geändert worden war, erhielt sie Post vom Jugendamt. Wenig später fand sie sich vor Gericht wieder: Der Vater ihrer Tochter, der sich seit Jahren nur sporadisch gemeldet hatte, beantragte plötzlich das gemeinsame Sorgerecht. Die 45-Jährige ist froh über die Unterstützung, die sie damals vom baden-württembergischen VAMV-Landesverband bekommen hat: "Dass einem jemand zuhört, dass man ernstgenommen wird, das war schon viel wert. Außerdem gab es dort eine bezahlbare rechtliche Kurzberatung." Rosenthal konnte das alleinige Sorgerecht behalten und ist nun Mitglied beim VAMV, auch um anderen Müttern zu helfen, die ähnliche Konflikte bewältigen müssen.

Der Streit ums Geld

Ein anderer häufiger Streitpunkt, bei dem der Verband Alleinerziehenden zur Seite steht, ist der Kindesunterhalt. Nur die Hälfte aller Kinder bekommt ihn regelmäßig und in voller Höhe ausgezahlt. "Dabei steht den Kindern dieses Geld zu, die Nichtzahlung ist ein Straftatbestand", stellt Runa Rosenstiel klar. Die Kielerin ist stellvertretende Vorsitzende beim Landesverband Schleswig-Holstein und bekommt pro Woche fünf bis sechs Anfragen zum Thema. "Die Zahlungsmoral ist schlechter geworden", da ist sie sicher. "Aber viele Frauen, die mit Job und Kinderbetreuung zurechtkommen müssen, haben einfach nicht die Kraft, gerichtlich dagegen vorzugehen."

500.000 Kinder erhalten derzeit den sogenannten Unterhaltsvorschuss, eine Ersatzleistung, mit der der Staat einspringt, wenn der unterhaltspflichtige Elternteil nicht zahlen kann oder will. Allerdings gibt es den Unterhaltsvorschuss maximal für 72 Monate und nur bis zum zwölften Lebensjahr des Kindes. Ein Skandal, findet Runa Rosenstiel. Auch die Bertelsmann-Studie sieht hier dringenden Reformbedarf.

Für den VAMV bleibt also noch einiges zu tun. Dabei nutzt vieles, wofür der Verband eintritt, nicht nur Alleinerziehenden. Ein gerechtes Steuersystem, eine Grundsicherung für alle Kinder, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch gute, flächendeckend ausgebaute und kostenfreie Betreuungseinrichtungen, wie der VAMV sie fordert, würden jedem Kind die Chance auf einen guten Start ins Leben eröffnen. Und das käme uns allen zugute.

 

Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter

Zahlen, Fakten und Ziele

1,6 Millionen Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jahren gibt es in Deutschland, 90 Prozent von ihnen sind Frauen. Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) vertritt ihre Interessen deutschlandweit in 14 Landesverbänden.

Politisch macht er sich dafür stark, dass Ein-Eltern-Familien ihre Existenz aus eigener Erwerbstätigkeit sichern können. Heute sind 70 Prozent der Alleinerziehenden berufstätig, darunter 45 Prozent in Vollzeit. 40 Prozent sind ganz oder teilweise auf staatliche Grundsicherungsleistungen angewiesen.

Weitere politische Forderungen betreffen die Themen Steuergerechtigkeit und Kinderbetreuung. Dazu bietet der VAMV in 200 Ortsverbänden und regionalen Kontaktstellen alleinerziehenden Müttern und Vätern professionelle Beratung, Erfahrungsaustausch und gegenseitige Unterstützung.

Die Unterschriftensammlung für die VAMV-Kampagne "Umsteuern" läuft bis Ende 2014 auf www.vamv.de

Die Bertelsmann-Studie Alleinerziehende unter Druck. Rechtliche Rahmenbedingungen, finanzielle Lage und Reformbedarf gibt es auf www.bertelsmann-stiftung.de