Mein Arbeitsplatz

Auf den Kanälen Venedigs

Paolo Agostino dalla Pietà, 48, Gondoliere

Mein Vater bezeichnete den Beruf des Gondoliere als zutiefst venezianisch, der Schönheit und der Freiheit verbunden. In Venedig gibt es etwa 450 Gondolieri, die ihre Zulassung von der Stadtverwaltung bekommen und die Lizenzen zum Teil über Generationen weitervererben. So ist es auch in meiner Familie, seit vier Generationen arbeiten wir auf den Kanälen Venedigs.

Ich selbst bin seit 22 Jahren Gondoliere, ebenso meine zwei Brüder. Ich lebe mit meiner Frau und meinem siebenjährigen Adoptivsohn in Mestre, außerhalb der Lagune. Um halb sieben stehe ich auf und mache einen Espresso für meine Frau und mich, bevor ich meinen Sohn zum Schulbus begleite. Dann fahre ich mit dem Auto oder Motorroller zur Piazzale Roma. Von dort ist es ein schöner Spaziergang zu meinem Arbeitsplatz, der Anlegestelle Campo San Moisè hinter dem Markusplatz.

Ich spreche zuerst mit meinen Kollegen und dem Bancale, dem Verantwortlichen unserer Anlegestation. Der wird tageweise von den Gondolieri der Station gewählt. Er teilt die Fahrten ein, regelt die Reihenfolge der Fahrten und nimmt Bestellungen an.

Gefahren wird mit einem Ruder

Ich hole mein Boot, mache es sauber, lege die roten Sitzkissen aus, stecke meine Fahne ein und überprüfe mein Ruder. Dann warte ich auf meine erste Fahrt. Maximal sechs Personen darf ich befördern. Ich fahre mit meinen Fahr­gästen durch die kleinen Kanäle bis zum Canale Grande. Wir fahren immer links, wegen der vielen Motorboote und Vaporetti, den Wasserbussen, müssen wir sehr umsichtig handeln.

Mein Beruf ist körperlich anstrengend. La Voga ist eine alte Rudertechnik, bei der wird mit nur einem Ruder gefahren. Da die Belastung einseitig ist, mache ich zwischen den Fahrten Körperübungen, auch nach der Arbeit halte ich mich durch Ausgleichssport fit.

In der Nebensaison arbeite ich bis 16 oder 17 Uhr, im Sommer oft bis 21 Uhr 30. Jeder Gondoliere ist Einzelunternehmer, muss sich um Kranken- und Rentenversicherung selbst kümmern. Auch um seine Steuer­erklärung, leider ist der Beruf durch Steuerhinterziehungen bei vielen Venezianern in Verruf geraten.

Die Arbeit mit den Menschen aus aller Welt macht mir Freude. Ich habe viele sehr gute Begegnungen mit Menschen, ich spreche Englisch, Spanisch und ein wenig Französisch. Natürlich ist es nicht immer einfach mit den Touristen, zum Beispiel wenn sie sich im Boot zu sehr bewegen, an Bord rauchen oder trinken, was nicht erlaubt ist.

Einmal kam es zwischen Eltern und ihrer pubertierenden Tochter nach Fahrtbeginn zu einem lauten Streit, die Tochter sprang wütend über Bord und schwamm zum Ufer. Wir setzten unsere Fahrt trotzdem fort. Ich hoffe, dass sich die Gemüter beim Wiedersehen im Hotel beruhigt haben.

Ich möchte bis zu meinem 65. Lebensjahr arbeiten und meine Lizenz dann an meinen Adoptivsohn Riccardo Trung übergeben, wenn er das will. Er ist Vietnamese. Mein Traum ist, dass er der erste mandeläugige Gondoliere Venedigs sein wird.

Protokoll und Foto: Christian Jungebodt

 

 

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