Aktionskonferenz

Der Mensch im Mittelpunkt

Hoher moralischer Druck in der Pflege

von Jana Seppelt

Es ist schon absurd: Unsere Grundbedürfnisse, die allen am wichtigsten sein sollten, stehen nicht im Fokus unseres Wirtschaftens. Dabei sollte die Wirtschaft im Dienste der Menschen stehen. Doch häufig ist es umgekehrt: Die Arbeitskraft der Menschen wird daran gemessen, was sie kostet und was sie zum Profit einiger weniger beiträgt. Unsere Bedürfnisse nach fachlich kompetenter Sorge bei Krankheit, nach Unterstützung bei Bildung und Kinderbetreuung, nach einem wohligen Zuhause und nach Zeit mit den Lieben und unseren Freundinnen und Freunden werden trotz des Reichtums in unserer Gesellschaft nicht ausreichend erfüllt.

Viele haben sich in den vergangenen Jahren für Veränderungen in Gesundheit und Bildung, Kinderbetreuung und Pflege eingesetzt. Sie kämpfen um bezahlbaren Wohnraum, gegen Armut, für Zeitsouveränität und Freiräume. Um diese vielfältigen Auseinandersetzungen um die bezahlte und unbezahlte Sorgearbeit zusammenzubringen, fand Mitte März In Berlin die Aktionskonferenz "Care Revolution" statt. Etwa 500 Aktive aus Gesundheit, Pflege, Assistenz, Erziehung, Bildung, Wohnen, Haushalts- und Sexarbeit trafen sich dort. Zentrales Anliegen war die Frage, wie grundlegende Veränderungen hin zu einer bedürfnisorientierten Pflegewirtschaft, der sogenannten Care-Ökonomie, angestoßen werden können.

Mit dabei ist Lina aus dem ver.di-Arbeitskreis Bildung und Erziehung in Tamm bei Stuttgart. Dort wollen die pädagogischen Fachkräfte für die gemeindeeigenen Kitas fünf Stellen mehr im Personalhaushalt, um das Bildungskonzept "Infans" umsetzen und der dauernden Personalknappheit begegnen zu können. Seit über einem Jahr diskutieren sie mit Gemeinde und Eltern.

In Berlin will sich Lina vor allem zu den Schwierigkeiten austauschen: Wie können wir Eltern und Gemeinde vermitteln, dass wir die Kinder und ihr Lernen im Blick haben? Sie hofft auf neue Impulse und Ideen. Im Workshop "Leben und Arbeiten mit Kindern" geht es vor allem darum, wie kollektive Ansätze entwickelt werden können, damit Erzieherinnen und Eltern zusammen für bessere Bedingungen kämpfen, anstatt sich gegenseitig Versäumnisse vorzuhalten. Ganz oben auf der Liste stehen Zeit und Räume: Zeit der Eltern für die Kinder; Zeit für freies Spiel der Kinder; lokale Räume für den Austausch zwischen Eltern und Personal; Räume für Elternmitarbeit und die Festlegung gemeinsamer Ziele; Zeit für emanzipatorische Bildung und soziale Momente. Überrascht ist Lina darüber, wie engagiert die Eltern bei der Tagung diese Räume zum Austausch eingefordert haben. Das deckt sich nicht mit ihren Erfahrungen vor Ort.

Bei der Diskussion der gemeinsamen Perspektiven standen im Bereich der unbezahlten Sorgearbeit Erfahrungen mit Mehrgenerationenhäusern oder geteilter Kinderbetreuung im Mittelpunkt. Im Bereich der bezahlten Sorgearbeit diskutierten die Beteiligten über Bündnisse zwischen Elterninitiativen und dem Fachpersonal für mehr Qualität und Personal.

Das Gefühl, Patient/innen im Stich zu lassen

In einem weiteren Workshop ging es um die Frage, wie der Arbeitskampf so organisiert werden kann, dass er Assistenznehmer/innen, Patient/innen oder Eltern und ihre Kinder nicht zu stark belastet. Ein Beschäftigter der Charité Berlin erzählt, wie hoch der moralische Druck auf die Pfleger/innen im Krankenhaus ist. Daher sei es schwierig, in diesen Bereichen zu streiken.

Nach seiner Erfahrung spielt die Kommunikation im Vorfeld eines Streiks eine große Rolle. Notdienstvereinbarungen zwischen ver.di und den Arbeitgebern lindern bei den Streikenden das Gefühl, ihre Patient/innen im Stich zu lassen.

Eine Assistenzgeberin berichtete, dass sie im Rahmen einer bundesweiten Tarifauseinandersetzung untereinander ausgemacht hätten, wer streikt und mit zur Demo geht. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Die Budgets für diesen Bereich der Assistenz wurden über ein Fünftel erhöht.

Zum Schluss der Veranstaltung haben die Beteiligten eine Resolution verabschiedet, auf deren Grundlage das Bündnis weiter arbeiten will.

Resolution:

http://care-revolution.site36.net

Bündnisorganisationen:

http://care-revolution.site36.net/netzwerk

ver.di Stuttgart Gemeinden:

http://stuttgart.verdi.de/sos-kita


Gutes Geld für gute Arbeit

Aktiv in der Tarifrunde

foto: ver.di Stuttgart

Warnstreiks - In der Tarifauseinandersetzung im öffentlichen Dienst hat sich auch die ver.di-Betriebsgruppe der Agentur für Arbeit Stuttgart am 19. März an den Warnstreiks beteiligt. Damit haben ihre Mitglieder klargemacht, dass ihre Forderung nach mehr Lohn nicht nur berechtigt, sondern unverzichtbar ist. Sie zeigten dabei, dass alle Beschäftigten der Agentur gute Arbeit leisten und täglich dazu beitragen, dass Menschen in Arbeit kommen, und dass mit Geldleistungen der soziale Frieden gewahrt wird. Sie beraten in schwierigen Lebenssituationen und sind ganz unmittelbar an den Bürgerinnen und Bürgern dran.

Silke Schock, Jens Spielvogel

Zum Ergebnis der Tarifrunde Öffentlicher Dienst Bericht Seite 5


Größter Abstand bundesweit

Smartmob in Stuttgart

foto: Thomas Bernhardt

Equal Pay Day - Rund 100 Frauen trafen sich zum Equal Pay Day am 21. März zum Smartmob auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Sie demonstrierten damit für gleichen Lohn bei gleichwertiger Arbeit. Wie die Hans-Böckler-Stiftung über das Internetportal www.lohnspiegel.de herausfand, haben Frauen im Durchschnitt der Jahre 2009 bis 2013 ein Fünftel weniger verdient als Männer. Mit einem 28-prozentigen sogenannten Gender Gap ist der Lohnabstand zwischen Frauen und Männern in Baden-Württemberg im bundesweiten Vergleich am größten.