Bolivien

Schritte zum sozialen Wandel

Schulgeld, Rente, Wohnungsbauprogramme. Boliviens Regierung investiert, um die Situation im Land allmählich zu verbessern. Bis 2025 soll auch das letzte Dorf mit Strom versorgt sein

Eine kleine Revolution: Endlich Licht in Laphia. Benjamin Vargas aus dem bolivianischen Dorf

foto: Knut Henkel

von Knut Henkel

Benjamin Vargas legt die Kelle beiseite und zieht den grünen Plastikbeutel aus der Tasche. Das ist für seine vier Kollegen das Zeichen, Pause zu machen und ebenfalls einige Kokablätter zur Stärkung zu sich zu nehmen. Auf der Hochebene oberhalb der Stadt Cochabamba mauern die fünf am Rohbau eines Einfamilienhauses. "Insgesamt haben wir Baumaterial für ein halbes Dutzend Häuser aus dem Regierungsfonds erhalten", sagt Vargas. Der 30-jährige Kleinbauer ist der Sprecher des kleinen Dorfes Laphia, das zwar nur dreißig Minuten Fahrtzeit von Cochabamba entfernt liegt, aber doch wie am Ende der Welt. Laphia ist das letzte Dorf der Hochebene ohne Stromanschluss.

"Nachts konnten wir das Lichtermeer von Cochabamba von hier oben sehen, saßen aber selbst die längste Zeit im Dunkeln", sagt Vargas. Doch seit fast einem Jahr ist das für rund die Hälfte der Familien von Laphia Vergangenheit. Sie haben in kleine Solarpanels und LED-Lampen investiert, damit ihre Kinder die Hausaufgaben abends nicht mehr im Schein von Kerzen oder Öllampen machen müssen. Vargas, der seine Lampe und die dazugehörige Lithiumbatterie genau wie seine Nachbarin Cresencia Roche Montesinos stolz vorzeigt, ist zufrieden. Und er freut sich, in ein paar Monaten aus der Lehmhütte in einen der gemauerten Neubauten umziehen zu können. "So langsam kommt der soziale Fortschritt auch bei uns in Laphia an", sagt er lächelnd.

Regierung des sozialen Wandels

Dafür steht die Regierung von Evo Morales, die am 12. Oktober von den Wählern im Amt bestätigt wurde. Bis 2025 will sie dafür sorgen, dass auch das letzte Dorf in Bolivien mit Strom versorgt wird. Auch in den Straßenbau hat sie in den letzten Jahren kräftig investiert.

Das wurde von den Wählern genauso honoriert wie die flächendeckende Renta Dignidad, so Bruno Rojas, Soziologe und Rentenexperte des Instituts für die Arbeits- und Agrarentwicklung (Cedla) in La Paz. "Die Rente wurde von der Regierung Morales im Dezember 2007 eingeführt und heute beträgt der monatliche Satz 250 Bolivianos", umgerechnet knapp 30 Euro. Nicht genug, um davon leben zu können, aber vor allem für die alten Leute auf dem Land sei diese Finanzspritze ein Segen, so Rojas. Durch diese Rente werden die Großeltern, die oft den Enkeln auf dem Feld beibringen, wie gesät und geerntet wird, in der Familie aufgewertet. Das ist eine wichtige Folge der Renta Dignidad, was so viel wie "Rente der Würde" heißt. "In den Städten ist die Finanzspritze aus dem Staatssäckel hingegen nicht so wichtig. Da ist sie eher ein gern gesehenes Zubrot", sagt Rojas. Er attestiert der Regierung, in den sozialen Wandel im Lande zu investieren, ist aber nicht rundum zufrieden mit dem Weg. "Ich halte wenig von dem Gießkannenprinzip, auf das die Regierung bei der Rente setzt, aber auch beim Förderprogramm für Schüler, dem Bono Juancito Pinto."

Für effektivere Förderung

Der Grund für seine Kritik liegt auf der Hand, denn längst nicht alle Rentner in Bolivien sind auf das Geld vom Staat angewiesen. Gleiches gilt für das einmal im Jahr ausgeschüttete Schulgeld in Höhe von rund 22 Euro, den Bono Juancito Pinto. Und auch der Haushaltszuschuss für die Schwangeren, der Bono Juana Azurduy, wird an alle Bolivianerinnen ausgeschüttet, ob sie ihn brauchen oder nicht. "Es wäre besser, denen stärker unter die Arme zu greifen, die wirklich bedürftig sind", sagt Rojas. Er plädiert für effektivere Fördermodelle für die nächste Legislaturperiode. Damit steht er nicht allein da. Auch Roberto Laserna vom Wirtschaftsforschungsinstitut CERES in Cochabamba lobt die Erfolge bei der Armutsbekämpfung, fordert aber deutlich mehr Anstrengungen, die kleinbäuerliche Landwirtschaft produktiver zu machen.

Damit hat auch Benjamin Vargas in dem kleinen Dorf Laphia zu kämpfen. Dort leben alle Familien vom Anbau von Kartoffeln, Bohnen, Okraschoten und von der Viehzucht. "Obwohl wir ökologisch anbauen, reicht das bisschen nicht aus, was ich auf dem Markt für unsere Produkte erhalte", sagt Vargas. Deshalb muss er immer wieder in Cochabamba nach Arbeit auf dem Bau suchen, um etwas dazuzuverdienen. Und das funktioniert auch meist, denn nicht nur in Cochabamba wird kräftig in die Verschönerung von Plätzen und öffentlichen Gebäuden investiert. Das, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Laserna, sei allerdings weniger nachhaltig.