PORTRÄT

Vom Fashion Victim zum Gewerkschafter

Rafael Mota Machado hat neun Jahre bei H&M gearbeitet, steht auf coole Mode, war Betriebsratsvorsitzender, Mitglied im Gesamtbetriebsrat und mehr. Jetzt will er noch mehr und studiert dafür an der Europäischen Akademie der Arbeit

foto: Bernd Hartung

von Petra Welzel

Auf die Stirnwand im Aufenthaltsraum der Europäischen Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main haben sie die "Heilige Familie" gemalt. Es ist eine besondere Heilige Familie. Sie besteht aus den Kommunisten und Sozialistinnen der ersten und zweiten Stunden: Rudi Dutschke, Ho Chi Minh, Mao Tse-Tung, Karl Liebknecht, Ernesto Che Guevara, Clara Zetkin, Bertolt Brecht, Rosa Luxemburg, Karl Marx, Friedrich Engels und Lenin. Sie kommen ziemlich cool daher, so ganz in schwarz-weißer Popart-Manier. Das müssen sie auch. Schließlich hocken unter ihnen auf großen Sofaecken abends oft 30 bis 40 junge Leute, die in einer ganz anderen Welt aufgewachsen sind, die das Smartphone und Photoshop genauso selbstverständlich nutzen wie sie das Kapital von Marx aufschlagen. Gerade hat der 79. Jahrgang sein elfmonatiges Studium des Arbeitsrechts und der Sozial- und Wirtschaftspolitik an der Akademie aufgenommen. Am frühen Morgen sitzt nur Rafael Mota Machado hier unten im Keller und sagt: "Ich war ein Snob."

Auf den allerersten Blick könnte man den 27-Jährigen für einen ehemaligen Punk halten, der die Kleidung gewechselt, aber die Piercings und Ohrstecker in Form von Lupen behalten hat. Allerdings nur auf den ersten Blick. Alles an Rafael passt, hat Stil. Die graue Röhrenjeans, das grau-schwarz-rot karierte Flanellhemd, die bordeauxrote melierte Jacke mit hellbraunem Teddyfutter, die flachen hellbraunen Kunstlederstiefelletten, das volle, aber kurz gestutzte schwarze Haar und der genauso gestutzte Vollbart. "Ich war ein typisches Konsumkind, es ging immer nur darum, Geld und coole Klamotten zu haben", sagt er. Doch jetzt will er Gewerkschafter werden. Weil er vor allem eines in den vergangenen zehn Jahren nach und nach gelernt hat: Dass die unten die Arbeit machen, aber am wenigsten von den Gewinnen ihrer Bosse profitieren. Vom Fashion Victim zum Sozialisten. Vom dicken BMW zurück auf die Bahn. Von der eigenen Wohnung in ein strandtuchgroßes Zimmer hier in der Akademie. Manche würden wohl fragen: Was ist denn mit dem los?

Unter Druckern

Rafael, von allen nur Rafa genannt, hat seine Berufung gefunden, könnte man sagen. Die letzten neun Jahre hat er bei H&M gearbeitet, erst in einer Filiale in Sindelfingen, dann in Stuttgart, wo er geboren und aufgewachsen ist. Als Schüler hat er angefangen und auch sein Fachhochschulstudium in Druck- und Medientechnologie nebenbei mit dem Job finanziert. Während eines Praxissemesters bei Maurer Druck in Geislingen hat er sich dann gefragt: "Will ich eigentlich wirklich Druckingenieur werden oder will ich mich für die unten einsetzen." Drei Monate lang wurde er durch alle Abteilungen des Unternehmens gereicht, von den Schlipsträgern und Führungskräften mit den guten Einkommen bis runter zu den weniger gut verdienenden Druckern. "Bei denen habe ich mich am wohlsten gefühlt", sagt Rafa. Dort kam er in Kontakt mit den Betriebsräten, dort wurden die wirklichen Probleme verhandelt. Er war seinerzeit selbst schon Betriebsrat bei H&M.

Im Aufenthaltsraum in der Akademie der Arbeit, kurz AdA, fragt ihn der Fotograf, wer von den Ikonen an der Wand sein Vorbild sei? "Karl Marx." - " Oh nee, da hätte ich jetzt aber mehr erwartet." Rafa fügt noch Rosa Luxemburg hinzu. "Und was ist mit Ho Chi Minh?" "Mit dem habe ich mich noch nicht so beschäftigt." Er müsse halt noch viel lernen, darum sei er ja jetzt hier. Oben in seinem Zimmer im zweiten Stock, das super aufgeräumt ist und in dem ein Duschgel seinen Duft ausbreitet, zeigt er auf den ersten Band der dtv-Weltgeschichte im Bücherregal überm Bett. Das wolle er als erstes lesen.

Die beste Schule

Im Arbeitsrecht sei er "am sichersten", sagt er auch. Das verdanke er H&M. "Da H&M betriebsratsfeindlich und auch nicht sozial ist, war das die beste Schule." Ohne die ständigen Auseinandersetzungen, die oft auch vorm Arbeitsgericht geführt werden müssen, wäre er heute nicht so weit. "Aber irgendwie ist das auch traurig", sagt Rafa. Es wäre ihm lieber, die Zusammenarbeit zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber würde reibungsloser verlaufen.

 

"Wer kann, der darf, ist das
Motto von H&M. Aber
eigentlich muss es heißen:
Wer schleimt, der darf"

Zuletzt ging es um ihn selbst. Bis zum 6. Oktober dieses Jahres war er Betriebsratsvorsitzender in seiner Filiale und kurz zuvor in den Gesamtbetriebsrat von H&M und in den Wirtschaftsausschuss gewählt worden. Für sein 11-monatiges Studium an der AdA hatte er eine Freistellung beantragt und zunächst auch von seiner Filialleiterin und dem Gebietsleiter zugesagt bekommen. Doch am Ende mussten sie einen Rückzieher machen. Die Rechtsabteilung der Zentrale untersagte die Freistellung, und auch vor dem Arbeitsgericht konnte Rafa sie nicht durchboxen. Jetzt hat er gekündigt - aber alle seine Ämter bei H&M ist er dadurch nun auch los. Das hätte er gern vermieden.

"Man braucht ungefähr zwei Jahre bei H&M, bis der Vorhang fällt", sagt Rafa. Er war gerade eineinhalb Jahre bei H&M, als er eines Morgens zur Arbeit kam und vor seinem Laden ver.dianer standen und verkündeten, heute werde gestreikt. "Streikst du mit?", wurde er gefragt. "Das war für mich überhaupt keine Frage, ich war gleich dabei", sagt er heute noch so, als ginge es gleich wieder raus zum Streik. Das war 2007. Damals ist er auch in die Gewerkschaft eingetreten.

2008 sollte Rafa sich dann gleich zur Betriebsratswahl aufstellen lassen, wurde gewählt "und ins kalte Wasser geschmissen", wie er sagt. Es folgte eine Schulung nach der anderen bei ver.di, und es gab weitere Streiks. Vor allem der lange Streik im vergangenen Jahr, als es um den Manteltarifvertrag im Einzelhandel ging, hat ihm den letzten Ruck gegeben. Ganz ruhig und sachlich sagt er: "Ich will kämpfen, will mich einsetzen für die Vielen gegen die Großen."

Vielleicht liegt das "Kämpfen wollen" in der Geschichte seiner Familie. Seine Eltern sind Kinder der ersten Generation portugiesischer Gastarbeiter in Deutschland und wissen, dass es Zeit braucht, sich höher zu arbeiten. Die Großmutter väterlicherseits war noch ohne Ausbildung und Reinigungskraft, die Mutter hat nach einer Friseurinnenlehre noch einmal nachgelegt und schließlich im Regierungspräsidium in Stuttgart bei der Ausländerbehörde eine bessere Stelle gefunden. Der Vater hat wie der Großvater bei der Deutschen Post angefangen und ist inzwischen bei der Postbank aufgestiegen.

"Talk to Rafa"

Aber eigentlich passt das Wort kämpfen gar nicht zu Rafa, jedenfalls nicht in einem aufbrausenden Sinne. Er hört aufmerksam zu, wirkt eher zurückhaltend. Auch mit seinem Coming Out hat er sich viele Jahre Zeit gelassen. Im Gegenteil taucht er im wahrsten Sinne des Wortes gern ab, in die Unterwasserwelten, schwimmt mit Delfinen und teilt das auf seiner Facebookseite. Als Gewerkschafter und Linker, als der er sich versteht, nutzt er die ihm offenstehenden Möglichkeiten, um Zeichen zu setzen. Sei es wie am vergangenen Wochenende in der Stuttgarter Innenstadt gegen das Freihandelsabkommen TTIP, sei es in dem hauseigenen H&M-Blog auf Facebook "Talk to Geli", benannt nach der H&M-Personalchefin Angela Gallenz. Dort führte er die Rubrik "Wusstest du schon?" ein. "Ich war einer der ersten, der die Seite für unsere Betriebsratsarbeit genutzt hat." Heute hat die Seite 5 000 Fans und viele nennen sie schon "Talk to Rafa". Aber er kann da jetzt nicht mehr mitreden. Bereits zwei Tage nach seiner Kündigung wurde er von H&M ausgeschlossen. "Wer kann, der darf", sei das Motto von H&M, sagt Rafa. Aber eigentlich müsse es heißen: "Wer schleimt, der darf."

Damiano Quinto, der selbst seit ein paar Jahren als Betriebsratsvorsitzender in einer H&M-Filiale in Trier um seine Stelle streitet, hat auf Rafas persönlicher Facebookseite diese Worte gefunden, als sich H&M Anfang Oktober vorm Arbeitsgericht durchsetzte: "Ich bin in Gedanken bei dir, mein liebenswerter und teurer Freund [...] Du hast durch Deine Unbeugsamkeit allen gezeigt, was Charakterstärke ist! Du hast gewonnen."

Inzwischen ist es Mittag, und Rafa geht mit den anderen Studierenden in die AdA-Kantine. Danach geht's rüber in den Uni-Hörsaal. Das Thema heute: Konjunktur. Was Rafa betrifft: Er befindet sich gerade im Aufschwung.

In Kürze

Rafael Mota Machado wurde vor 27 Jahren in Stuttgart geboren, ist dort zur Schule gegangen, hat dort die Fachhochschulreife gemacht und an der Hochschule der Medien ein Studium in Druck- und Medientechnologie absolviert. Neun Jahre hat er teils Teilzeit, teils Vollzeit bei H&M gearbeitet, war zuletzt auch Betriebsratsvorsitzender.

Im Oktober 2014 hat er ein Vollzeitstudium an der Europäischen Akademie der Arbeit in Frankfurt aufgenommen. Manche nennen sie auch die Kaderschmiede der Gewerkschaften. Rafael erhält für sein Studium ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung, Büchergeld und mehr. Das Studium richtet sich an Berufstätige mit Berufsausbildung bzw. -erfahrung und Gewerkschaftzugehörigkeit.

Stuttgart nennt Rafael seine Heimat, aber auch Portugal, woher seine Eltern stammen. Er hat eine ältere Schwester und einen jüngeren Freund.

www.akademie-der-arbeit.de