Arm und Reich

Reiche mehr beteiligen

Reiche sollen größeren Beitrag zur Finanzierung des Gemeinwesens leisten

von Heike Langenberg

Hohes Armutsrisiko bei Kindern

foto: mauritius images GmbH

Wie reich sind die Reichen? Da bleiben oft nur Konjunktive und Vermutungen. Ein wichtiger Teil des Vermögens bleibe "schlicht im Dunkeln", ist das Fazit von Christian Westermeier und Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Mit Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) haben sich die beiden Verteilungsforscher mit der Frage beschäftigt, wie man die Lücken in der Vermögensstatistik reduzieren kann.

Der wesentliche Grund für diese Lücken: Da es in Deutschland keine Vermögenssteuer mehr gibt, fehlen amtliche Daten. Bisherige Studien beruhen vor allem auf freiwilligen Angaben. Was für 99 Prozent der Bevölkerung repräsentativ ist, erfasst extremem Reichtum nicht wirklich. "Er konzentriert sich auf eine sehr kleine Personengruppe, die von Umfragen kaum erfasst wird", heißt es dazu in einer Pressemitteilung der HBS. Mit Hilfe von neuen statistischen Mustern nähern sich Westermeier und Grabka neuen Ober- und Untergrenzen für Vermögen von Superreichen an.

Bezieht man ihre Daten in die Erfassung des Gesamtvermögens in Deutschland ein, steigt es, bezogen auf das Jahr 2012, von 6,3 Billionen Euro auf bis zu 9,3 Billionen Euro an. Für die Verteilungsforscher belegt das die hohe Bedeutung hoher Einkommen in der Vermögensverteilung. Sie schätzen, dass dem reichsten Hundertstel der Deutschen bis zu einem Drittel aller Vermögen gehören dürfte. Bislang war die Forschung von einem Fünftel ausgegangen.

12,5 Millionen sind arm

Recht gut erforscht ist in Deutschland hingegen die Lage der Ärmsten. Jüngst hat der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen Armutsbericht für 2013 vorgelegt. "Noch nie war die regionale Zerrissenheit so tief wie heute", sagt Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider. Lag der Abstand zwischen der am stärksten und der am wenigsten von Armut betroffenen Region 2006 noch bei 17,8 Prozentpunkten, so ist er 2013 auf 24,8 Prozentpunkte gestiegen. Insgesamt beziffert Schneider die Zahl von Armut betroffenen Menschen auf 12,5 Millionen.

Am stärksten gebeutelt seien die Stadtstaaten Bremen und Berlin sowie das Land Mecklenburg-Vorpommern. Als Region komme das Ruhrgebiet hinzu. In 13 von 16 Bundesländern habe die Armut im Untersuchungszeitraum zugenommen. Als Schwelle für die Armutsgefährdung gilt für Singles ein Nettoeinkommen von 892 Euro, bei einer Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 sind es 1873 Euro. Das höchste Armutsrisiko hätten die Haushalte von Alleinerziehenden und von Erwerbslosen, heißt es in dem Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Auch bleibe die Kinderarmut in Deutschland weiterhin auf einem sehr hohen Niveau.

Schneider mahnt jedoch, für die Zukunft die Haushalte von Rentner/innen stärker ins Blickfeld zu nehmen. "Es gibt keine andere Gruppe in Deutschland, die in den letzten Jahren auch nur annähernd vergleichbar hohe Armutszuwächse hatte", so Schneider. Sein Verband fordert eine deutliche Erhöhung der Regelsätze bei Hartz IV sowie Reformen des Familienlastenausgleichs und der Altersgrundsicherung. Voraussetzung dazu sei ein rigoroser steuerpolitischer Kurswechsel, der große Vermögen und Einkommen stärker zur Finanzierung des Sozialstaats heranzieht.

Auch für ver.di führt an einer stärkeren Beteiligung der Reichen an der Finanzierung des Gemeinwesens kein Weg vorbei. In der Ausgabe 04_2015 des ver.di-Infodienstes wipo aktuell heißt es zudem: "Zu den dringendsten Maßnahmen zählen eine schnelle Erhöhung des endlich eingeführten Mindestlohns, höhere Hartz-IV-Sätze, eine Rücknahme von Absenkungen bei der Rente und eine gerechte Steuerpolitik."

www.der-paritaetische.de/armutsbericht