MITTELMEER

Außer Kontrolle

Seeleute auf Handelsschiffen müssen immer öfter immer mehr Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten. Und setzen dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel. Jetzt appellieren sie an die Regierungschefs der EU, ihrer Verantwortung in der humanitären Krise gerecht zu werden

Ein völlig zerschredderter Flüchtlingskutter am Strand der italienischen Insel Lampedusa

foto: Christian Jungeblodt

von Petra Welzel

Alle Seeleute auf allen Meeren stehen in der Verantwortung, in Seenot geratenen Menschen zu helfen. Tun sie es nicht, drohen ihnen möglicherweise strafrechtliche Folgen. Im Normalfall ist es kein Problem für große Handelsschiffe, Schiffbrüchige aufzunehmen. Auch wenn die Crew eines solchen Schiffes oft aus nicht mehr als 10 bis 20 Männern besteht, so haben die Schiffe doch die Tragfähigkeit, im Notfall auch 500 Schiffbrüchige aufzunehmen. Was im Normalfall aber nur selten vorkommt. Allein auf dem Mittelmeer ist das anders. Dort herrscht seit Jahren der Ausnahmezustand: Nahezu täglich geraten überladene Fischkutter und Schlauchboote mit Flüchtlingen in Seenot. Tausende jährlich ertrinken. Das Mittelmeer - es ist ein Massengrab.

Spekulationen über Flüchtlingszahlen

Am 31. März 2015, noch bevor im Mittelmeer innerhalb einer Woche über 1 000 Flüchtlinge ertranken, haben die Europäische und die Internationale Transportarbeiterföderation (ETF und ITF) im Verbund mit der Vereinigung der Europäischen Reedereien (ECSA) und der Internationalen Schifffahrtsgesellschaft (ICS) einen Brief an die europäischen Regierungschefs geschrieben. Die Überschrift lautet: "Humanitäre Krise im Mittelmeer". In ihrem Schreiben appellieren die Unterzeichnenden, die 80 Prozent der Unternehmen in der globalen Schifffahrtsindustrie und die Mehrheit der Seeleute weltweit vertreten, an die Verantwortung der Europäischen Union hinsichtlich einer Flüchtlingskrise, die "außer Kontrolle gerät".

Allein im vergangenen Jahr retteten Handelsschiffe 40.000 Flüchtlingen das Leben. In diesem Jahr rechnen ETF und die anderen mit 100.000 Flüchtlingen, die von Handelsschiffen gerettet werden. Aber es könnten auch deutlich mehr werden. Nach Angaben der Europäischen Kommission warten 600 000 bis eine Million Flüchtlinge in Afrika auf ihre Überfahrt nach Europa. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hält diese Zahlen allerdings für reine Spekulationen. Sie schürten nichts als Ängste. Wenn sie selbst nach Zahlen gefragt werden, spricht die IOM von 300.000. Aber auch das sei nur eine Schätzung, sagt einer ihrer Sprecher. Klar sei in jedem Fall, "dass alle diese Menschen schutzbedürftig sind".

Für die Reedereien, aber auch für die Beschäftigten auf See ist das ein riesiges Problem, mit dem sie sich allein gelassen fühlen. Erstere fahren Verluste im sechsstelligen Bereich ein, weil ihre Schiffe wegen der aufgenommenen Flüchtlinge in Häfen festgehalten und die Ladungen nicht termingerecht gelöscht werden. Die Seeleute hingegen riskieren oft ihr eigenes Leben, um andere Leben zu retten. Doch dafür sind sie nicht wirklich ausgebildet. Viele sind traumatisiert, weil vor ihren Augen trotz Hilfe in letzter Sekunde Menschen ertrinken oder an Bord vor Erschöpfung sterben. Sie wollen nicht mehr auf dem Mittelmeer eingesetzt werden, manche quittieren ihren Dienst ganz.

Rettungsprogramme mit kosmetischer Wirkung

"Das alles wird bewusst verschwiegen von der Politik", sagt Klaus Schröter, in der ver.di-Bundesverwaltung zuständig für die Schifffahrt. "Man darf gar nicht darüber nachdenken, was wäre, wenn die Handelsschiffe das nicht mehr tun würden." Der Fall wird natürlich nicht eintreten. Es ist ja die Pflicht der Seeleute, zu helfen. Aber die Briefschreiber fordern deutlich mehr Einsatz seitens der EU-Staaten. Mehr Rettungsboote der Küstenwachen, die Flüchtlinge aufnehmen. Die EU könne ihre Aufgaben nicht einfach auf die Handelsschiffer abwälzen. "Es ist unakzeptabel, dass die internationale Gemeinschaft sich zunehmend auf Handelsschiffe und Seeleute verlässt, mehr und mehr große Rettungsaktionen zu unternehmen", heißt es in dem Brief.

Ein paar mehr Boote will die EU wohl einsetzen, aber eher Militärkreuzer, die möglichst verhindern sollen, das Flüchtlinge überhaupt in See stechen. Frontex, die europäische Agentur, die für die Sicherung der EU-Außengrenzen sorgt, wird diese noch dichter machen. Triton nennt sich das Rettungsprogramm der Frontex, das zwar aufgestockt wird, aber eher kosmetische Wirkung haben wird. Vor allem wird damit nichts dafür getan, die Situation in den Heimatländern der Flüchtlinge zu verbessern. Stattdessen werden die Grenzzäune noch höher gezogen, sodass die Schlepper ihre Preise hochtreiben können, weil die Flucht zu organisieren ja immer schwieriger wird. Und das lassen sie sich bezahlen.

Für die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer gibt es oft keine Rückkehrmöglichkeit in ihre Herkunftsländer. Entweder herrscht dort Krieg, oder sie zählen zur verfolgten Opposition oder sie müssten verhungern. Die Flucht ist ihr letzter, verzweifelter Versuch zu überleben. Haben sie es bis Libyen geschafft, von wo aus die meisten Flüchtlingsboote starten, leben sie dort oft viele Monate in der Gefahr, Opfer der Bürgerkriegsparteien zu werden. Am und auf dem Mittelmeer "geht es buchstäblich um Leben und Tod", heißt es zu Recht in dem Appell der Reeder und Seeleute.