Gute Arbeit

Schutz vor Arbeitshetze gesucht

ver.di setzt sich seit vielen Jahren für gute Arbeit ein. Im Januar fand eine Fachkonferenz statt, um Impulse aus der Tarifpolitik aufzunehmen

Anke Thorein aus dem Bereich Innovation und Gute Arbeit der ver.di-Bundesverwaltung

Fotos: Antje Pahl; Christine Fiedler

ver.di publik - Gute Arbeit bleibt weiterhin ein Thema. Wie kann man da branchenübergreifend vorgehen?

Anke Thorein - Die verschiedenen Tarifverträge liefern viele Anregungen für andere Branchen und Unternehmen. Einzelne Regelungen haken in verschiedene Handlungsfelder ein, sei es im betrieblichen Gesundheitsmanagement, bei der belastungsreduzierenden Arbeitsgestaltung, den Leistungsbedingungen oder der Qualifizierung.

ver.di publik - Was sind derzeit die größten Probleme für die Beschäftigten?

Thorein - Das ist in den einzelnen Branchen unterschiedlich, augenfällig ist aber, dass die Arbeitsintensität und die Arbeitshetze sehr stark belasten. Die Hälfte der Beschäftigten fühlt sich sehr häufig oder oft bei der Arbeit gehetzt oder steht unter Zeitdruck. Einzelne Faktoren tragen erheblich zur Arbeitsintensität bei. So sagt jeder zweite, dass es sehr häufig oder oft zu Unterbrechungen der Arbeit kommt, was ebenfalls belastet. Jeder dritte stört sich daran, dass er keine ausreichenden Informationen erhält, die er benötigt, um seine Arbeit gut zu machen. Jeder fünfte muss Abstriche bei der Qualität der Arbeit hinnehmen, um das Arbeitspensum zu schaffen.

ver.di publik - Inwiefern ist Tarifpolitik geeignet, hier zu helfen?

Thorein - Tarifpolitik kann das Gesundheitsmanagement und damit den klassischen Arbeits- und Gesundheitsschutz verbessern. Beim Prozess der Gefährdungsbeurteilung zum Beispiel sollten zwar wirkungsvolle Maßnahmen für eine menschengerechte Arbeitsgestaltung entwickelt und umgesetzt werden, aber genau da geraten die betrieblichen Prozesse häufig ins Stocken. Hier bedarf es oft mehr Energie - die durch Tarifvereinbarungen möglich ist. Hinzu kommt, dass Tarifarbeit eine systematische Beteiligung der Beschäftigten bedeuten kann und sollte. Tatsächlich ist eine hohe Beteiligung der Beschäftigten für die Entwicklung belastungsreduzierender und gesundheitsförderlicher Tarifforderungen, aber vor allem auch für die Umsetzung von passgenauen Maßnahmen der Erfolgsfaktor schlechthin.

Sylvia Skrabs aus der Tarifpolitischen Grundsatzabteilung der ver.di-Bundesverwaltung

ver.di publik - Um welche tarifpolitischen Lösungen geht es konkret?

Sylvia Skrabs - Auf unserer Konferenz im Januar wurden tarifliche Regelungen zum Gesundheitsschutz quer durch die Branchen vorgestellt, beispielsweise in Kliniken, die über Pflegenotstand und zu wenig Personal klagen. Das treibt die Arbeitsbelastung hoch und gefährdet die Gesundheit. Auch in den Sozial- und Erziehungsdiensten gibt es eine hohe Arbeitsbelastung und immer älter werdende Belegschaften. Der Bereich gehörte deshalb zu den ersten, die den Gesundheitsschutz als tarifpolitisches Thema in die Öffentlichkeit getragen haben. Der erste Schritt war manchmal eine Kampagne, um den Stein ins Rollen zu bringen, so bei einem großen Klinikum und bei der Telekom. Um das Thema ins Bewusstsein zu rücken, wurden zunächst viele Aktivitäten mit den Beschäftigten und den Betriebsräten entwickelt. Dadurch trafen dann die Tarifverhandlungen auf größeres Verständnis und höhere Einsatzbereitschaft. Wichtig ist, dass ein Tarifvertrag dauerhaft für gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen sorgt und die Beteiligung der Beschäftigten bei der Gestaltung ihrer Arbeitsbedingungen sichert.

Thorein - Im Prinzip geht es um sämtliche Aspekte der Arbeitsgestaltung und des Gesundheitsschutzes. Trotzdem kann auch das Einkommen ein Thema sein, wenn zum Beispiel leistungsbezogene Lohnbestandteile als Druck empfunden werden.

Skrabs - Entgelterhöhungen werden auf jeden Fall weiterhin eine Rolle spielen, um den Lebensstandard und existenzsichernde Einkommen zu garantieren. Aber das allein wird nicht ausreichen - angesichts zunehmender Arbeitsverdichtung und immer älter werdender Belegschaften. Gesundheit und weitere arbeitsgestaltende Faktoren werden ein Thema bleiben, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten.

ver.di publik - Lässt sich ein Fazit daraus ziehen?

Skrabs - Ohne starkes Engagement der ver.di-Mitglieder geht es nicht. Forderungen sollen nicht für die Beschäftigten, sondern gemeinsam mit ihnen entwickelt werden. Sie kennen ihre Arbeitssituation am besten. ver.di entscheidet nicht für sie, sondern mit ihnen, und dazu brauchen wir viele, die mitmachen.

Thorein - ver.di hat bereits viele Impulse für die Gestaltung guter Arbeit geben können, das zeigen die vielfältigen Praxisbeispiele. Das macht auch deutlich: Tarifpolitik ist eine wunderbare Möglichkeit und Plattform, um gemeinsam gute Arbeit zu gestalten. Diese Möglichkeit sollte sich kein Beschäftigter entgehen lassen.

Interview: Marion Lühring