Geschichte

Und sie organisierten sich doch

Die Frauen im graphischen Gewerbe waren von Anfang an bei Streiks dabei und später auch in den Gewerkschaften aktiv

Von Gisela Losseff-Tillmanns

Die Heinze-Frauen gewinnen ihren Prozess. Das Bild entstand nach der Bekanntgabe des Urteils am 9. September 1981

Fotos: ver.di-Archiv

Historiker behaupten gern, wenn sie über die Anfänge gewerkschaftlicher Organisation im 19. Jahrhundert schreiben, dass die Arbeiterinnen sich nicht in den Kampf um gewerkschaftliche Solidarität eingebracht hätten. Doch das ist falsch. Arbeiterinnen waren von Anfang an überall dort aktiv, wo sie es konnten und durften: in Unterstützungskassen, in Bildungsvereinen, bei Streikaktionen - und später auch in den Gewerkschaften.

Die unerwünschte Konkurrenz

Nach dem Scheitern der bürgerlichen Revolution von 1848 und besonders in der Zeit des "Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie", das von 1878 bis 1890 galt, hatten engagierte Frauen nicht nur gegen politische Verfolgung anzukämpfen, sondern auch gegen die Ablehnung der Frauen­erwerbsarbeit durch ihre männlichen Kollegen, die darin eine unerwünschte Konkurrenz sahen. Gegen die Frauen- erwerbsarbeit sprach auch das vorherrschende, bürgerlich geprägte Frauen- und Familienbild.

Der erste Verein der Arbeiterinnen

Gerade im Buchdruckgewerbe zeigte sich diese Situation. In ihrem Buch Die Arbeiterinnen und ihre gewerkschaftliche Organisation im deutschen Buchdruckgewerbe von 1890 - 1914 schreibt Angela Gabel, hier hätten sich "zwei verschiedene Ebenen der Frauenarbeit herausgebildet: die qualifizierte (Setzerinnen), die in direkter Konkurrenz zu der Gehilfenschaft entstand, und die unqualifizierte (Hilfsarbeiterinnen), die ihre Entstehung der technischen Entwicklung verdankte". Diese Zweiteilung fand sich auch in der gewerkschaftlichen Organisation wieder. Die Setzerinnen, deren Beschäftigtenzahl gering war im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen, fanden in den Verbänden der Männer keine Aufnahme. Hingegen haben sich die Hilfsarbeiterinnen - sobald es gesetzlich möglich war - unabhängig von den Männern organisiert: Am 5. März 1890 gründeten sie in Berlin den ersten Lokalverband im deutschen Buchdruckgewerbe für Frauen, den "Verein der Arbeiterinnen an Buch- und Steindruck- Schnellpressen".

Mit ihren männlichen Kollegen, die einen eigenen Lokalverein der Hilfsarbeiter gegründet hatten, diskutierten sie viele Jahre intensiv über eine gemeinsame Organisation. Die männlichen Hilfsarbeiter zeigten sich in dieser Frage aufgeschlossen. Ebenso gehörten die Buchbinder nach 1890 zu den ersten Arbeitern, die mit gezielter Agitation bei Kolleginnen für eine Mitgliedschaft in ihrem Berufsverband warben. Dagegen hielt der Verband der Deutschen Buchdrucker bis 1918 an seinem Widerstand gegen eine weibliche Mitgliedschaft fest.

Kämpferische Frauen

1898 entschlossen sich die beiden Ber­liner Lokalvereine der Hilfsarbeiterinnen und Hilfsarbeiter im Buchdruckgewerbe schließlich, gemeinsam den "Verband der Buch- und Steindruckerei-Hilfsarbeiter und -Arbeiterinnen Deutschlands" ins Leben zu rufen. Paula Thiede wurde erste Vorsitzende (ver.di publik 7/2015). Mit einer kurzen Unterbrechung behielt sie dieses Amt bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1919. Paula Thiede legte in ihrem Verband großen Wert darauf, die weiblichen Mitglieder in die verantwortliche Organisationsarbeit einzubeziehen. Dafür kämpfte sie mit ihrer Freundin Emma Ihrer, die von 1890 bis 1892 die erste Frau in der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands war, und Ida Altmann, der Leiterin des Arbeiterinnensekretariats der Generalkommission von 1905 bis 1909. Doch ihr gemeinsamer Kampf um mehr Beteiligung von Frauen in Kommissionen, Ortsverwaltungen, Vorständen und bei der Entsendung zu Kongressen fiel nur in wenigen Berufsverbänden auf fruchtbaren Boden. Dennoch kommt Helga Zoller 1992 in ihrem Beitrag über die Geschichte des Verbandes der graphischen Hilfsarbeiter und -arbeiterinnen zu dem Ergebnis, dass "nicht zuletzt ihrem Wirken die Herausbildung einer spezifischen gewerkschaftlichen Frauenarbeit zu verdanken" sei.

Paula Thiede hatte sich mit ihrem Engagement bei der Mehrheit der Kollegen nicht beliebt gemacht, obwohl ihr die Entwicklung der Mitgliederzahlen ihres Verbands Recht gab: 1914 hatte er 15.759 Mitglieder, mehr als die Hälfte waren Frauen. Trotz dieses Erfolgs blieben die meisten Männer in der Gewerkschaft bei ihrer ablehnenden Haltung. Paula Thiede kandidierte viermal erfolglos für ein Mandat in der Generalkommission: 1902, 1905, 1908 und 1911. Damit war in der Generalkommission seit dem Ausscheiden von Wilhelmine Kähler 1899 keine Frau mehr vertreten.

Gertrud Hanna

Gertrud Hanna war es, die Paula Thiede im Verband zur Seite stand. Sie hatte zuvor selbst als Hilfsarbeiterin im Buchdruckgewerbe gearbeitet. Sie wurde 1907 Mitarbeiterin im Arbeiterinnensekretariat der Generalkommission und nach dem Weggang von Ida Altmann im März 1909 deren Nachfolgerin. Ab Januar 1916 war Gertrud Hanna auch verantwortliche Redakteurin der Gewerkschaftlichen Frauenzeitung. Zudem war sie Mitglied im Hauptvorstand des Hausangestelltenverbands und von 1919 bis 1933 auch Abgeordnete der SPD im preußischen Landtag. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verlor sie alle Ämter. Sie wurde immer wieder von der Polizei verhört und stand unter ständiger Bewachung durch die Gestapo. Gertrud Hanna lebte mit ihrer Schwester zusammen. 1944 beging sie mit ihr zusammen Selbstmord, zermürbt von der politischen Verfolgung durch die Nazis.

Gewerkschafterinnen nach dem Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als es darum ging, anzupacken und aufzubauen, waren die Frauen zunächst gefragt, auch in der Gewerkschaftsbewegung. Das änderte sich in der Bundesrepublik mit ihrem konservativen Familienbild in den 1950er Jahren. Erst die Frauenbewegung der 70er Jahre brachte ein neues Selbstbewusstsein hervor, das auch die Kolleginnen erreichte. Die IG Druck und Papier begriff dies als Chance und bezog die Frauen stärker in die gewerkschaftliche Arbeit ein. In ihrer Satzung wurde die Bildung von Ausschüssen für gewerkschaftliche Frauenarbeit erst auf örtlicher Ebene, dann auf der Ebene der Landesbezirke und des Vorstands festgeschrieben. Bei der Wahl von Frauenvertreterinnen auf allen Ebenen und der hauptamtlichen Frauensekretärin beim Hauptvorstand hatten die weiblichen Gewerkschaftsmitglieder das vorrangige Vorschlagsrecht. Diese organisatorische Stärkung der gewerkschaftlichen Frauenarbeit, die auch eine Verbesserung der Frauenquote in den gewerkschaftlichen Gremien bewirken sollte, erinnert an das erfolgreiche Organisationsprinzip der Paula Thiede.

Der Sieg der Heinze-Frauen

Außerdem versuchte die IG Druck und Papier ab 1974 verstärkt, die Probleme berufstätiger Frauen aufzugreifen, etwa das Thema Lohngleichheit. Mit der "Aktion gerechte Eingruppierung" gelang es, mit einem Tarifvertrag die zwingend vorgeschriebene Eingruppierung von Frauen in die untersten Lohngruppen zu durchbrechen - ein Erfolg im Kampf gegen die Frauenlohndiskriminierung. Doch diesen Erfolg unterliefen die Unternehmen durch übertarifliche Zulagen für Männer. Ende 1978 entschieden sich deshalb 29 Frauen der Firma Foto-Gruppe Heinze, allen voran die Betriebsrätin Grete Prill, gemeinsam gegen ihren Arbeitgeber zu klagen. Ihre Klage wurde vom Betriebsrat und der Gewerkschaft Druck und Papier unterstützt.

Das Gerichtsverfahren stieß auf großes Interesse bei Rundfunk und Presse. Die Frauen klagten sich durch alle Instanzen. Drei Tage vor dem Termin beim Bundesarbeitsgericht in Kassel kamen dort 7.000 Teilnehmer/innen zusammen, um ihre Solidarität mit den Frauen auszudrücken. Am 9. September 1981 bekamen die Heinze-Frauen vor Gericht das Recht auf die von ihnen geforderte Bezahlung zugesprochen.

Die nächste Gruppenklage gegen Lohndiskriminierung reichten 52 Frauen der Firma Schickedanz aus Neuss ein - ebenfalls mit der Unterstützung von Betriebsrat und IG Druck und Papier. Auch ihnen ging es um übertarifliche Zulagen. Das Urteil des Bundesarbeitsgerichts brachte in diesem Fall am 12. Mai 1982 aber nur einen Teilerfolg. Dennoch gelang es der IG Druck und Papier in ihrer weiteren Tarifarbeit, die Entlohnung der unteren Einkommensgruppen, in denen die Frauen überwiegend eingestuft waren, erheblich zu verbessern. Endlich erfüllte sich mit dieser Arbeit auch die Forderung von Paula Thiede, die verlangt hatte, die Gewerkschaft müsse auf den verschiedenen Organisations­ebenen mehr Frauen einsetzen. Denn: "Dann wird sich das Vertrauen festigen, wenn die Arbeiterinnen sehen, dass es eine Stelle gibt, bei der sonst bestehende Ungleichheiten ausgeglichen und beseitigt werden sollen, dann erst werden aus den jetzt zaghaften, misstrauischen Kolleginnen und Mitarbeiterinnen Förderinnen der Organisationen werden, und die gesamte Arbeiterbewegung wird davon profitieren."

 

ver.di feiert ein doppeltes Jubiläum

2016 jährt sich die Gründung der ältesten Vorgängergewerkschaft, der Buchdruckergewerkschaft, zum 150. Mal, ver.di wird im Juni 15 Jahre alt.

Am 20. Mai 1866 wurde der Verband der Deutschen Buchdrucker in Leipzig gegründet.

Zum Jubiläum am 20. Mai wird 2016 in der ver.di-Bundesverwaltung in Berlin eine Ausstellung über den gewerkschaftlichen Kampf für Demokratie und Menschen­rechte eröffnet. Mit einer Jubiläumsveranstaltung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt in Berlin feiert der ver.di-Gewerkschaftsrat am 28. Juni 2016 mit zahlreichen Gästen eine trotz vieler Hürden und Rückschläge erfolgreiche Geschichte.