Wirtschaft

Die Natur produziert keinen Müll

Ständiges Wirtschafts­wachstum und steter Konsum können weder für alle Menschen noch auf Dauer funktionieren: Beides ruiniert die Umwelt und basiert auf extremer Ausbeutung - von Natur und Arbeitskräften

Chip-Produktion in China: Stundenlanges Arbeiten im Takt in dunklen Hallen ohne Pausen - gesunde Arbeit sieht anders aus

Foto: Allen Birnbach/Masterfile

Von Annette Jensen

Als vor einem halben Jahrhundert die ersten Farbfernseher in deutschen Wohnzimmern eintrafen, war das in jedem Fall eine Sensation: Die meisten Familien hatten lange darauf gespart. Damals kostete ein Apparat 2.400 Mark, heute ist ein Gerät mit einem Vielfachen der Funktionen bereits für unter 100 Euro zu haben. Auch die Preise für Handys, Hosen oder Haushaltsgeräte sinken. Das liegt am Prinzip der kapitalistischen Wachstumswirtschaft: Kann eine Firma das gleiche Produkt billiger anbieten, macht sie das Rennen. Wie Karawanen zogen seit den 80er Jahren vor allem die Textil- und Elektronikindustrie immer weiter in Länder, in denen die Löhne und Umweltauflagen niedriger waren. Ein erheblicher Teil unserer Kleidung stammt inzwischen aus Bangladesch, wo die Näherinnen weniger als 50 Euro im Monat verdienen und nicht selten 14 Stunden am Tag in staubiger Luft an den Maschinen sitzen. Auch bei der taiwanesischen Firma Foxconn, die mittlerweile 40 Prozent der Smartphones, Laptops und PC-Gehäuse weltweit produziert, sind die Arbeitsbedingungen katastrophal; immer wieder stürzen sich verzweifelte Arbeiter in den Tod.

Ungeachtet dessen erwarten die Aktionäre, dass aus ihrem Geld mehr Geld wird. Das lässt sich bei fallenden Preisen nur erreichen, wenn die Firmen immer mehr und noch mehr verkaufen. Folglich konstruieren die Hersteller Mixer, Haartrockner und Drucker so, dass sie möglichst kurz nach der Garantiezeit kaputtgehen. Schrauben sind verklebt, Ersatzteile gibt es nicht: Niemand soll sie reparieren können. Darüber hinaus sorgen ständig neue Softwareprogramme dafür, dass ein zwei Jahre altes Notebook für viele Nutzer unattraktiv wird.

Fataler Wachstumswahnsinn

Die Folgen dieses Wachstumswahnsinns für die Umwelt sind fatal. Jährlich belastet der internationale Schiffsverkehr, der einen Großteil der Konsumgüter transportiert, das Klima mit einer Milliarde Tonnen CO2. Und die Kurve zeigt steil nach oben: Bis zum Jahr 2050 sollen sich die transportierten Mengen laut der "Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung" (OECD) noch einmal vervierfachen.

Zugleich werden immer mehr Rohstoffe ausgegraben, kurzfristig genutzt und dann als Müll "entsorgt". Um eine Tonne Kupfer zu gewinnen, müssen inzwischen etwa 290 Tonnen Gestein gesprengt, gemahlen und mit hochgiftigem Arsen ausgewaschen werden. Beim weltweit größten Kupferbergwerk in der Atacamawüste Chiles kommt das Wasser dafür aus den Anden - und wird anschließend stark verseucht in die Landschaft oder den Pazifik gepumpt. Viele Anwohner leiden an Staublunge, Asthma, Krebs; ein ganzer Ort musste bereits umgesiedelt werden. Zwar wird Kupfer in Deutschland zu einem Großteil recycelt. Doch weil der Gesamtbedarf ständig wächst, braucht die Industrie laufend auch frisches Metall. Seltene Erden, die für die Herstellung von Flachbildschirmen, LED-Lampen oder Elektromotoren unerlässlich sind, werden bisher so gut wie gar nicht zurückgewonnen und verschwinden unwiederbringlich.

Ertragreicher regional wirtschaften

Nicht nur in der Industrie, sondern auch in der Landwirtschaft findet ein extremer Konzentrationsprozess statt. Großunternehmen verleiben sich überall auf der Welt immer mehr Äcker ein, hochsubventionierte EU-Agrargüter überschwemmen die afrikanischen Märkte und entziehen den Kleinbauern die Lebensgrundlage. Dabei ist eine vielfältige, kleinteilige Landwirtschaft wesentlich produktiver als riesige Monokulturen, so das eindeutige Ergebnis des Weltagrarberichts, den 400 Wissenschaftler im Auftrag der Welternährungsorganisation erarbeitet haben. Wo Bauern die Chance haben, regional angepasst zu wirtschaften, erzielen sie deutlich höhere Erträge als hochindustrialisierte Betriebe auf einem vergleichbar großen Gelände.

Außerdem ist die von ihnen produzierte Nahrung vitaminreicher und vielfältiger. Dagegen laugen Monokulturen die Böden aus, haben einen hohen Pestizidbedarf und führen zum Aussterben vieler Kultur- und Wildarten. Darüber hinaus trägt die Intensivlandwirtschaft durch ihre Düngemethoden, den Umbruch von Grünland und die Massenviehhaltung in hohem Maß zum Klimawandel bei. Somit ist die internationale Agrarindustrie gleich in mehrfacher Hinsicht dafür verantwortlich, dass Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen.

Unser Wirtschaftssystem ist eine Einbahnstraße: ausgraben, nutzen, wegwerfen - und das in immer höherem Tempo. Das kann auf Dauer nicht funktionieren, ist extrem ungerecht und ökologisch nicht tragfähig. Dagegen produziert die Natur seit Milliarden Jahren aus demselben Material immer Vielfältigeres und Komplexeres; Müll gibt es nicht. Will die Menschheit auf Dauer überleben, müsste sie ihre Wirtschaftsweise ähnlich organisieren.

Wie könnte das aussehen? Statt billige Einheitsprodukte für die ganze Welt zu produzieren, müsste möglichst viel vor Ort hergestellt werden. Eine regional angepasste und vernetzte Wirtschaft schafft nicht nur mehr Arbeit, sondern ist auch mit weniger Transporten verbunden und kann sich außerdem stärker am jeweiligen Bedarf orientieren. Die Produkte sollten ungiftig, reparabel und leicht demontierbar sein. Am besten wären Rohstoffkreisläufe, bei der die Abfallstoffe eines Herstellungsprozesses Grundlage für andere nützliche Dinge sind. Beispiele für eine derartige Kaskadenwirtschaft gibt es bereits.

Immer mehr Leute wollen mitgestalten

Natürlich lässt sich die kapitalistische Wachstumswirtschaft nicht einfach ausbremsen und umdrehen. Auch ist längst nicht alles regional herstellbar. Aber vieles. Immer mehr Leute wollen wissen, woher Produkte kommen. Sie möchten nicht mehr auf Kosten anderer Menschen, künftiger Generationen und der Umwelt leben, sondern verantworten können, was sie tun und kaufen. Auch haben sie keine Lust darauf, sich dauernd mit neuen Han­dy­programmen beschäftigen zu müssen. Stattdessen wollen sie ihren Alltag und ihre Umwelt mitgestalten, mitbestimmen können und sinnerfüllt arbeiten.

Viele erste Schritte sind klein, unscheinbar, unbemerkt. Gemeinschaftswerkstätten und Reparaturcafés entstehen; Nachbarn nutzen Autos und Bohrmaschinen gemeinsam; die H&M-Betriebsräte solidarisieren sich mit den Arbeiterinnen in Bangladesch, und auch Verbraucher und Bauern kooperieren; Nerds schreiben rechnerplatzsparende Software; im Internet finden sich Baupläne für Lastenfahrräder und wassersparende Duschen, die jede/r auf der Welt einfach nutzen kann.

Das alles geht nicht auf Konfrontation zum Kapitalismus, sondern wuchert fröhlich und eigensinnig in ihn hinein: kleinteilig, vielfältig, kooperativ und häufig weltweit vernetzt. Einen Masterplan gibt es nicht. Jede/r kann irgendwo anfangen.