Friseurhandwerk

Ein Mix aus 5.000 Chemikalien

Seit vier Jahren liegt bei der EU-Kommission eine Richtlinie zur Gesundheit und Sicherheit für Friseurinnen und Friseure auf Eis. Mit immensen Folgen

Fotos: Muhs/Caro/Ullstein Bild

In die Medien haben es nur die "Stöckelschuhe" geschafft. Als das deutsche Friseurhandwerk vor vier Jahren die EU-Kommission unter anderem drängte, die Lautstärke von Föns und die Art des Bodenbelags in Salons vorzuschreiben und auch Stöckelschuhe für Friseurinnen zu verbieten, war das ein Pfund, mit dem sich anschaulich beweisen ließ, in der EU herrsche zu viel Bürokratie. Schließlich könne nicht alles reguliert werden, das Schuhwerk schon mal gar nicht. Und schließlich sei ein Friseursalon keine Baustelle, auf der einem schon mal ein T-Träger auf den Fuß fallen kann, und deshalb Arbeitsschuhe mit Stahlkappen verpflichtend sind. Dass die Schuhe lediglich ein winziger Teilaspekt der Forderungen waren, drang nie durch. Tatsächlich geht es den Friseur/innen seit vier Jahren um eine generelle Richtlinie zu ihrer Gesundheit und Sicherheit, wobei der Schwerpunkt vor allem auf der Gesundheit liegt.

Regina Richter, die selbst ein Berufsleben lang mit Kamm, Bürste, Schere, Fön und mehr in Deutschlands einst größtem Friseursalon gearbeitet hat, ärgert das noch heute. "Ausgerechnet die Stöckelschuhe haben die sich rausgepickt, als wenn es um die ginge", sagte sie auf dem ver.di-Bundeskongress, als sich die Medien auch über eine EU-Richtlinie zum richtigen Aufstellen einer Leiter amüsierten. Als Regina Richter das Friseurhandwerk erlernte, hatte der Astoria-Salon in Leipzig noch eine Fläche von 1.000 Quadratmetern mit nahezu 100 Schnittplätzen. Färben, aber vor allem Dauerwellen waren noch angesagt. Ständig kamen die Hände mit Präparaten in Berührung, die Haut und Rachen gleichermaßen reizten. Regina Richter hat sich nach der Wende 1989 im Betriebsrat dann auch nicht nur für eine auskömmliche Bezahlung eingesetzt, sondern immer auch für gesunde Arbeitsbedingungen.

Über eine Million Beschäftigte arbeiten in Europa in einem von rund 400.000 Salons. Allein in Deutschland gibt es mehr als 200.000 Friseurinnen und Friseure. Und diese haben immer noch - trotz Schutzmaßnahmen wie Handschuhen beim Färben - ein zehnmal höheres Risiko, ein Hautleiden zu entwickeln, sie erkranken fünfmal häufiger an Gelenkerkrankungen, Arthritis und Sehnenscheidenentzündungen und 20 Prozent leiden an berufsbedingtem Asthma. Jüngste Untersuchungen legen zudem den Schluss nahe, dass Friseurinnen ein erhöhtes Risiko tragen, an Eierstockkrebs zu erkranken. Allein die Tatsache, dass im Friseurhandwerk auch heute noch mehr als 5.000 chemische Stoffe vorkommen, lassen das erhöhte Gesundheitsrisiko mehr als plausibel erscheinen.

Gesundheit ist keine Kleinigkeit

Nur: Die EU-Kommission interessiert das nicht. Mit ihrer Initiative "Better Regulation", zu deutsch: Bessere Rechtsetzung und gestartet im Mai 2015, will sie allein Bürokratie abbauen. Dringend notwendige Richtlinien wie die für die Friseur/innen werden deshalb nun schon seit Jahren liegengelassen. Mit einer Anfang März 2016 gestarteten Kampagne hat UNI Europa, der Dachverband der europäischen Dienstleistungs-Gewerkschaften, zu denen auch ver.di zählt, einen neuen Anlauf genommen, um vor allem die Richtlinie für die Friseurinnen und Friseure durchzusetzen. Mit Plakaten an Halte­stellen des öffentlichen Nahverkehrs in ganz Brüssel, insbesondere rund um die Zentrale der EU-Kommission, wirbt UNI Europa für die Website www.notbetter.eu. Dort sammelt sie Unterschriften für eine Petition, die die EU-Kommission auffordert, die Richtlinie in Kraft zu setzen.

"UNI Europa und ihre Verbündeten werden nicht weiter tatenlos zusehen, wenn die Gesundheit und Sicherheit von tausenden, meist junger und weiblicher Arbeitnehmer, als Geisel genommen werden. Die Gesundheit und Sicherheit von Friseurinnen sind keine Kleinigkeiten", sagte Oliver Roethig, Regionalsekretär von UNI Europa, zum offiziellen Start der Kampagne. Die EU täte aber auch aus ganz anderen Gründen gut daran, die Gesundheitsrichtlinie nicht weiter zu blockieren: Die berufsbedingten Risiken von Fri­seur/innen haben enorme Fehlzeiten, hohe Gesundheitsleistungen, einen verfrühten Ausstieg aus dem Beruf und somit zahlreiche Umschulungen zur Folge. Am Ende kostet das Europa, vor allem seine Bürger/innen, Millionen von Euro. Die EU-Kommission kostet es hingegen zunächst einmal nichts, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz zur Regel zu machen.

So lange das nicht geschehen ist, wird auch Regina Richter keine Ruhe geben. Den Mindestlohn für Friseurinnen hat sie mit ver.di schon durchgeboxt, als ehrenamtliche EU-Gesandte, will sie jetzt auch noch die Gesundheits-Richtlinie in Kraft sehen.

Petra Welzel

Zur Petition: www.notbetter.eu


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