USA

In den Morgenstunden warten Patientinnen und Patienten auch im Regen darauf, dass um sechs Uhr die Türen zur Schule und Behandlung geöffnet werden (ganz links)
Während der Klinik-Einsätze der Organisation Remote Area Medical (RAM) wird an bis zu 100 Behandlungsstühlen zeitgleich gearbeitet; Zähne gefüllt, gezogen und gereinigt (mitte)
Robert Brown (rechts) verlor bei einem Arbeitsunfall ein Augenlicht. Seinen Beruf kann er deshalb nicht mehr ausüben. Der Schaden an seinem Auge ist operabel, doch die Behandlung kann er nicht finanzieren

Fotos: Jelca Kollatsch

 

Wer in Amerika nicht genug Geld hat, kann sich meistens keine ärztliche Behandlung leisten. Die Organisation RAM bietet armen Menschen kostenlose Behandlungen an, aber der Weg zu den mobilen Einrichtungen ist oft weit, die Wartezeiten sind lang. Eine Fotoreportage aus einem Land, in dem Armut krank macht

Von Jelca Kollatsch

Bei Temperaturen um die Null Grad steht Robert Brown in Henderson/Tennessee in einer langen Schlange Wartender. Am Vormittag des Vortages ist er angekommen und damit die Nummer 12 in der Reihe von etwa 500 Menschen. Eingemummt in wärmende Decken trotzt er gemeinsam mit den anderen der Kälte. Sie verbringen das lange Warten über Nacht in ihren Autos, diejenigen, die kein Auto haben, in Zelten. Sie lesen, essen, schlafen oder erzählen sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten.

Sie alle warten auf medizinische Hilfe. Robert Brown hat Zahnschmerzen, und er braucht eine neue Brille. Mit ihm stehen auch Tim Cope und seine Verlobte Samantha an. Sie konnten erst am Abend nach der Arbeit aus dem 450 Kilometer entfernten Jamestown in Ost-Tennessee losfahren, ihre vier Kinder haben sie bei Verwandten abgegeben. Sie sind erst in der Nacht angekommen und hoffen, noch an die Reihe zu kommen. Tim hat sich kürzlich einen kaputten Zahn mit Sekundenkleber gefüllt und einen anderen selbst gezogen. Der Schmerz war einfach nicht mehr auszuhalten. Auf dem Parkplatz der Chester County Junior High School in Henderson, im Westen Tennessees, hofft er jetzt auf eine richtige Zahnbehandlung.

Manche kennen den Ablauf, sie kommen nicht zum ersten Mal. Pünktlich um sechs öffnet sich die Tür zur 786. mobilen kostenfreien Klinik in den USA von "Remote Area Medical", RAM. Aus dem Eingang tritt Stan Brock, der Leiter der Non-profit-Organisation, die die Klinik betreibt. Er begrüßt die Wartenden und ruft sie der Reihe nach auf.

26 Tage Fußmarsch

Mitte der 1980er Jahre gründete der Brite Brock die Organisation RAM, um medizinische Versorgung in entlegene Regionen der Welt zu bringen. Auslöser war ein schwerer Arbeitsunfall, den er als junger Cowboy in British Guinea überlebte. Der nächste Arzt war damals 26 Tage Fußmarsch entfernt.

Als Reaktion auf die sichtbare Not versorgten Ehrenamtliche der Nichtregierungsorganisation Anfang der neunziger Jahre erstmals Menschen auch in den USA. Heute finden fast 70 Prozent der Einsätze in den USA statt.

Für dieses Wochenende hat Brock die Junior High School mit seinem Team in eine provisorische Klinik verwandelt. 272 Ehrenamtliche bieten all jenen medizinische Behandlungen an, die sich einen Arztbesuch in den USA nicht leisten können. Drei Wochen zuvor waren sie in Grundy, Virginia, mitten in Appalachia. In der 530.000 Quadratkilometer großen Region im Osten der USA ist die Not mit am größten. Geschätzte 180.000 Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen sind dort noch immer von regulärer Gesundheitsversorgung ausgeschlossen, deshalb hat RAM ein Hilfsprogramm speziell für diese Region gegründet.

 

Amanda Amezcua (oben links) leidet mit ihrem Mann, der vier Zähne gezogen und weitere gefüllt bekommt. 20.000 Dollar sollten die Zahnbehandlungen beim regulären Zahnarzt kosten
Stella Garland (oben rechts) ist das erste Mal bei RAM und bekommt ihre erste Brille verschrieben. Sie ist zwar krankenversichert, jedoch nicht für Zahn- und Augenbehandlungen
"Mein Job als Mutter ist, dafür zu sorgen, dass mein Sohn ein Dach über dem Kopf hat. Mein Lohn ist, dass ich umsonst mit darunter leben kann, mehr als seine Rente haben wir nicht." Debbie Brown kann nicht arbeiten gehen, da sie keine Betreuung für ihren geistig behinderten Sohn Casey hat (oben)

 

Die sechsköpfige Familie Love aus dem nahegelegenen Cedar Bluff stand in Grundy bei Regen und Wind mit 650 Wartenden für Augen- und Zahnbehandlungen an. Sie planen die jährlich stattfindende Klinik jedes Jahr fest ein. Sechs Mal waren sie schon da. Einmal haben sie ausgesetzt. "Wir wollen nicht gierig sein und andere brauchen die Behandlung auch", erklärt James Love. Er hat einen Teilzeitjob für zehn US-Dollar die Stunde. Michelle, seine Frau, hat zwei Jobs zum Mindestlohn. Die erwachsenen Kinder arbeiten ebenfalls auf Teilzeitstellen. Das Familieneinkommen reicht nicht für den Monat, deshalb stocken sie mit Lebensmittelspenden von der Kirche auf, züchten Geflügel und haben zwei Schweine im Garten, um über die Runden zu kommen.

2013 führte US-Präsident Barack Obama die von den Republikanern vehement abgelehnte Krankenversicherungspflicht und Mindeststandards für Krankenversicherungen ein. 15 Millionen Menschen haben seither Zugang zu einer Krankenversicherung erhalten. Doch trotz der sogenannten ObamaCare hat noch immer jeder zehnte US-Amerikaner keine Krankenversicherung. Menschen wie Robert Brown und die Familie Love können sie nicht bezahlen. Sie stecken im Teufelskreis von Armut, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Teilzeitarbeit fest. Hinzu kommt, dass nur zehn Prozent aller Ärztinnen und Ärzte in den ländlichen Regionen arbeiten, wo fast ein Fünftel der US-amerikanischen Bevölkerung lebt.

Für die sechsköpfige Familie Love (links) ist die jährlich stattfindende mobile Klinik in dem nahegelegenen Ort Grundy, Virginia, ein fester Termin im Jahr

Das Gesundheitssystem wird wieder eines der wahlkampfbestimmenden Themen bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen sein. Die republikanische Partei möchte den vor gerade einmal drei Jahren eingeführten Affordable Care Act, so heißt ObamaCare offiziell, am liebsten gleich wieder abschaffen. Eine Gesundheitsversorgung für alle, wie die Demokraten es wollen, bezeichnen sie als Sozialismus.

Zum Sehtest ins Klassenzimmer

In der gut geheizten Eingangshalle der Chester County Grundschule werden alle Patientinnen und Patienten erst einmal registriert, nach Vorerkrankungen und Medikamenten befragt und dann von Pflegekräften allgemeinmedizinisch untersucht. Hier fragt niemand nach einer Krankenversicherung oder dem Einkommen. Auf den Zuschauerplätzen in der Sporthalle warten sie im Anschluss auf ihre Zahnbehandlung. In den Fluren vor den Klassenzimmern auf einen Sehtest, gynäkologische Untersuchungen oder Diabetesberatung.

Robert Brown stellt sich nach seiner Zahnbehandlung wieder hinten an und kann sich noch für die Augenuntersuchung registrieren. Tim und Samantha warten bis in den Nachmittag. Den ganzen Tag schauen sie auf die 40 Behandlungsstühle mitten in der Turnhalle, an denen Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie Studierende der Zahnmedizin, betreut von ihren Professoren, Zähne ziehen, füllen und reinigen. Langwierige Maßnahmen zum Erhalt der Zähne gibt es hier nicht, da eine Folgebehandlung nicht möglich ist und ein gezogener Zahn normalerweise keine Probleme mehr bereiten kann. 523 Zähne werden an diesem Wochenende gezogen. 508 Menschen medizinisch behandelt, beraten, mit Zahnbürsten, Medikamenten und 456 Brillen versorgt.

120.530 Stunden unbezahlter Arbeit

29.000 Menschen hat RAM im letzten Jahr mit seinen Ehrenamtlichen in 120.530 Stunden unbezahlter Arbeit etwas Linderung verschaffen können. Doch Stan Brock weiß, dass die medizinische Hilfe von RAM nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Deshalb macht er sich stark für eine universelle Krankenversicherung, die in anderen Ländern der Welt deutlich besser funktioniere, als das amerikanische System. Er sagt, die unzureichende Gesundheitsversorgung sei für 33 Millionen US-Amerikaner/innen nach wie vor täglich aktuell.