Öffentlicher Dienst

Gefährdete Staatsdiener

Gewalt gegen Beschäftigte nimmt zu. In vielen Jobcentern muss regelmäßig die Polizei anrücken

Dass die Krankentrage im Jobcenter gebraucht wird, dazu sollte es nicht erst kommen

Foto: Henning Kaiser/dpa Bildfunk

Von Annette Jensen

Beleidigungen gehören für die Beschäftigten in Jobcentern zum Alltag. In Köln muss durchschnittlich einmal pro Woche die Polizei vorbeikommen. Sogar mit Morddrohungen sahen sich Sachbearbeiter/innen - zum Beispiel in Recklinghausen oder Herten - schon konfrontiert. Und ihre Angst ist berechtigt. 2012 wurde eine Kollegin in Neuss erstochen, Ende 2014 brachte ein Mann einen Gutachter im Jobcenter von Rothenburg ob der Tauber um, drei Monate später wollte ein 27-Jähriger auf seine Sachbearbeiterin in Erding losgehen. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Die Spaltung der Gesellschaft wird immer tiefer, der Aggressionspegel steigt, die Hemmschwellen sinken. Durch eine erste Befragung, die die Gesetzlichen Unfallversicherungen vor ein paar Jahren vorgenommen haben, kam heraus: Ein Viertel der Beschäftigten in den Arbeitsagenturen ist schon einmal Opfer eines Übergriffs geworden. "Die Situation ist angespannt, wenn Menschen aufgrund der Rechtslage Leistungen verweigert werden müssen und gleichzeitig der dringende Bedarf da ist", sagt Uwe Lehmensiek, Vorsitzender der Personalräte aus den 303 Jobcentern. Er sieht durchaus die Not vieler Menschen, die sich mit Hartz IV herumschlagen müssen. Zugleich stellt er aber auch klar: "Wenn Menschen uns beleidigen oder bedrohen, müssen ihnen Grenzen aufgezeigt werden."

Das Aachener Modell für mehr Sicherheit

Nach einer dramatischen Geiselnahme wurde vor ein paar Jahren das Aachener Modell zur Reduzierung von Übergriffen an Arbeitsplätzen mit Publikumsverkehr entwickelt. Nun patrouillieren in vielen Jobcentern Security-Leute, Alarmsysteme sind installiert und Fluchtmöglichkeiten für die Beschäftigten geschaffen. Die meisten Agenturen haben Grundsatzerklärungen gegen Gewalt erarbeitet und ausgehängt: Jede/r soll wissen, wann die Grenze überschritten ist.

Belegbare Zahlen über verbale und tätliche Attacken gibt es allerdings nicht. Viele Vorgesetzte wiegeln ab, wenn ihnen jemand aus der Abteilung einen Vorfall schildern will. "Stell dich nicht so an", bekommen sie dann häufig zu hören, berichtet Gerd Zimmer, Personalratsvorsitzender der Jobcenter in Köln. Die Personalräte der Jobcenter drängen darauf, dass nicht nur physische Angriffe, sondern auch Brüllattacken aktenkundig werden; beides sind schließlich Straftatbestände. "Wir brauchen auf jeden Fall eine Unfallanzeige. Psychische Belastungen wirken sich manchmal erst viel später aus. Deswegen muss so etwas auf jeden Fall dokumentiert werden", sagt Uwe Lehmensiek. Die Fluktuation in einigen Jobcentern sei hoch. "Viele sagen sich: Ich muss das nicht haben, ich arbeite in der Verwaltung und nicht bei der Polizei oder Feuerwehr." Manche Kollegen hätten sich aber auch selbst schon an ein ziemlich rabiates Verhalten gewöhnt.

Gefährdete Busfahrer und Polizisten

Die durch wütende Bürger mit Abstand am stärksten gefährdete Gruppe im öffentlichen Dienst sind Streifenpolizisten. Aber auch Menschen, die im Straßendienst arbeiten, mussten schon erleben, dass genervte Autofahrer Flaschen in ihre Richtung schleuderten. Berliner Busfahrer wurden nach einer Fahrpreiserhöhung bespuckt und geschlagen. Auf Facebook kursierten anschließend Videos unter dem Motto: "Ich geh den Busfahrer klatschen, um meinen Frust abzulassen." Auf einigen Linien in Hamburg sitzen inzwischen nachts keine Frauen mehr hinter dem Steuer, weil sie sich wiederholt massive sexualisierte Beleidigungen hatten anhören müssen. "Selbst Feuerwehr und Rettungskräfte werden vor allem von Alkoholisierten angegriffen - ihre Uniformen gelten als provokative Symbole ", sagt ver.di-Bundesvorstandsmitglied Wolfgang Pieper.

"Was tun?" fragten sich die Teilnehmer/innen auf einem Gewerkschaftskongress zum Thema in Berlin. Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende, verlangte eine systematische Erforschung des Themas. Wo nachweislich Gefahren drohen, seien präventive Maßnahmen unabdingbar. Darüber hinaus forderte sie einen Rechtsanspruch auf Nachsorge für die betroffenen Beschäftigten. Zugleich waren sich die Teilnehmer/innen aber auch einig, dass die Ursachen für die wachsende Aggression in den Blick genommen werden müssen: Wo Ungerechtigkeit und Unsicherheit zunehmen, steigt der Frust - und entlädt sich häufig an den staatlichen Vertretern, die gerade präsent sind.

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