Leserbriefe

Thema Flüchtlinge, "Ein brauchbares Ablenkungsmittel", ver.di publik 6_2016

Dass die "Flüchtlingskrise" nicht die eigentliche Ursache der Wahlerfolge der AfD sind, sondern dass es eher um das langfristige Abgehängtsein immer größerer Bevölkerungskreise geht, sehe ich auch so. Aber ich möchte Ihren Text um eine Perspektive ergänzen: Wer ist eigentlich "wir"? Spätestens seit der Agenda 2010 wächst die Anzahl der Menschen, die von den Tafeln versorgt werden müssen - ehrenamtlich und auf Spendenbasis. Immer mehr arme Kinder können nur noch zu Mini-Tarifen in die Sportvereine aufgenommen werden, wo das Training auch immer mehr in Richtung Sozialarbeit geht - ehrenamtlich und auf Spendenbasis. Immer öfter renovieren Eltern in Eigenleistung verfallende Schulen - ehrenamtlich und auf Spendenbasis. Eine Million Flüchtlinge innerhalb kürzester Zeit muss untergebracht, verpflegt und integriert werden - ehrenamtlich und auf Spendenbasis. Immer mehr prekär Beschäftigte können ihre Krankenversicherung nicht mehr bezahlen und werden von Ärzten, Zahnärzten und Physiotherapeuten außer der Reihe behandelt - ehrenamtlich und auf Spendenbasis. Damit die rumänischen Werkvertragsarbeiter nicht mehr gar so oft betrogen werden, müssen sie beraten und unterstützt werden - ehrenamtlich und auf Spendenbasis. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Die Zahl der Hilfebedürftigen nimmt zu. Auf der anderen Seite arbeiten immer mehr Menschen am Wochenende, abends, nachts, im Schichtdienst, weit entfernt vom Wohnort, weit entfernt von pflegebedürftigen Angehörigen, in unsicheren Arbeitsverhältnissen, in Billiglöhnereien oder gleich in mehreren Jobs. Diese Menschen haben entweder kein Geld oder keine Zeit für ein Ehrenamt!

Wie schon ihr Vorgänger Schröder betreibt Frau Merkel eine Politik, die immer mehr Menschen hilfebedürftig macht und zusätzlich dafür sorgt, dass immer weniger Menschen sich ein Ehrenamt leisten können. Die Ehrenamtlichen werden knapp, sollen aber immer mehr Arbeit bewältigen. Daher meine Frage: Wenn Frau Merkel sagt "Wir schaffen das" - wen genau meint sie mit "wir"? Sind die paar verbleibenden Ehrenamtlichen in ihren Augen der Reparaturbetrieb für Alles und Jedes?

Per E-Mail, Name ist der Redaktion bekannt


Thema Freihandelsabkommen, "In den Müll damit", ver.di publik 6_2016

Wenn unser Hund eine Tablette nicht schlucken will, mischt man sie ihm unter das Futter. Ähnlich ist es mit den sogenannten Freihandelsabkommen, die auch den Investitionsschutz enthalten. Fans des Freihandels sagen, dass damit Normen vereinheitlicht und der Export erleichtert werde.

Der große Pferdefuß aber ist der Investitionsschutz, mit dem die Demokratie ausgehebelt wird. Es können dann keine Gesetze zum Schutz der Arbeitnehmer, der Verbraucher und der Umwelt mehr gemacht werden, die die Rendite des großen Geldes schmälern. Ermöglicht man dem heute schon gewaltigen Kapital eine unbegrenzte Vermehrung, unterschreibt man das Todesurteil für die Erde und ihre Bewohner.

Hans Oette, Neuenstadt


Thema Rente, "Das muss sich auszahlen", ver.di publik 06_2016

Euer Leitartikel hat mir gut gefallen. Einer von vielen Artikel, die "den Finger in die Wunde legen" und den Kern des Problems offenlegen. Dass gerne von den Gegnern der gesetzlichen Rente ins Feld geführt wird, die Rentner lebten auf Kosten der Jungen, die könnten das nicht bezahlen, wird indirekt widerlegt. Denn die vollen Kürzungen treffen nicht die aktiven Rentner, sondern die nächsten Generationen - und das mit steigender Härte.

Diese Rentenpolitik richtet sich gegen die Jungen, die erst in Jahrzehnten in Rente gehen.

Jürgen Poweleit, per Mail


Thema Kinderarmut, "Arm bleibt arm", ver.di publik 6_2016

Als direkt Betroffener von Kinderarmut möchte ich hiermit zur Diskussion beitragen und die langfristigen Folgen davon aufzeigen. 1963 unehelich geboren, war die Ausgrenzung schon allein deshalb nahezu vorprogrammiert. Dazu kamen eben noch die materiellen Folgen. Die waren Anfang der 60er nicht geringer als heute. Ich wuchs ländlich in zwei Dörfern auf. Besonders schlimm waren Ausgrenzung, Mobbing und tätliche Angriffe im zweiten Dorf, wo ich leider den Großteil von Kindheit und Jugend verbringen musste. Dazu gehören dann auch Begleitumstände wie das Schlafen auf durchgelegenen Matratzen. Für bessere war eben kein Geld da. Die Schulleistungen waren mäßig, steigerten sich schließlich aber doch immerhin so weit, dass ein Realschulbesuch möglich war. Der Absturz erfolgte dann in der achten Klasse - ich ertrug die ständige Ausgrenzung psychisch nicht mehr und wollte nur noch weg. Also Schulabbruch. Das war dann aber erstaunlicherweise nicht mal das Ende der schulischen Ausbildung, sondern nur ein Einbruch. Auf der Handelsschule ging es dann weiter, und dort hatte ich sogar ausgesprochen gute Leistungen. Also alles in Ordnung? Mitnichten! 

Erste Berufsausbildung: Abschluss mit "sehr gut" und dann die deprimierende Erfahrung, im Berufsalltag nicht klarzukommen. Und es ist wohl kaum möglich, einem Außenstehenden zu erklären, warum das so war. Ich war eben nie irgendwo und irgendwann integriert. Gehörte nie dazu. Das gab es nicht. Und nun im Berufsleben sollte das tadellos funktionieren. Ich sollte ein Teil der Abteilung XY sein, sollte mit Kollegen harmonieren und mich in ein Team einbringen können, Dinge also, die noch nie funktioniert hatten und die ich schlichtweg nicht erlernt hatte. Also konnte ich das nun auch nicht. Und eckte folglich ständig irgendwo und irgendwie an, was Spannungen mit den Kollegen zur Folge hatte. Und dann letztlich die Erkenntnis: Hier bin ich falsch.

Zweite Ausbildung in einem völlig anderen Bereich, aber dieselbe Erfahrung, irgendwie gehöre ich nicht wirklich dazu, fühle mich immer abgelehnt. Dieser Beruf war auch körperlich viel anstrengender, nun machte sich der von schlechten Matratzen kaputte Rücken bemerkbar. Also Aufgabe des zweiten Berufes und hinein in den dritten - und in die nächste frustrierende Erfahrung aus den gleichen Gründen. Ich war nun erst Mitte 30 und am Ende meines Berufslebens angelangt. Seitdem hat es keine weitere reguläre Beschäftigung mehr gegeben. Wenn ein potenzieller Arbeitgeber einen derartigen Lebenslauf liest, ist er natürlich abgeschreckt, und das in meinem Fall nicht einmal grundlos. Es wird auch weiterhin nicht funktionieren.

Die Folgen von Kinderarmut können also durchaus lebenslang sein und sie sind nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes ein teurer "Spaß". Drei Ausbildungen für die Katz, minimale Lohnsteuereinnahmen, die von Unterstützungsleistungen längst aufgefressen worden sind, und dazu die Aussicht auf Altersarmut und folglich lebenslange Unterstützung, das ist am Ende die Bilanz oder wäre es, wenn ich nicht verheiratet wäre. Nur durch diesen Umstand wird die Katastrophe ein wenig abgemildert. Vorausgesetzt, die Ehe hält ein Leben lang.

Udo Anspreiksch, per Mail


Zum Leserbrief von Robert Wiedemuth zum Thema Schriftgröße, ver.di publik 6_2016

Ich las den Leserbrief des Herrn Robert Wiedemuth in Ihrer letzten Ausgabe. Er hat Recht, die Buchstaben sind für uns Oldies zu klein, Sie müssen doch auch mit den Älteren rechnen. Ich bin seit Beginn meiner Arbeit in der Bank vor 40 Jahren in der Gewerkschaft HBV Mitglied und möchte mich noch einmal bedanken. Als ich 60 wurde, wollte man mich dort entlassen, es stand schon eine Jüngere bereit. Meine Tochter, damals Geschäftsführerin in der Gewerkschaft in München, fand heraus, dass mein Alter und die mehr als 25 Jahre lange Arbeit in der Bank das nicht zuließen. Also musste man mich weiterbeschäftigen. Ohne Ihre Hilfe hätte ich das nicht erreicht, also noch einmal herzlichen Dank.

Ich bin bis heute, 81, Mitglied bei Ihnen, weil ich weiß, wie wichtig Ihre Arbeit ist.

Herta Heße, Ganderkesee

 

Leider konnte ich in der letzten Ausgabe der ver.di-Zeitung nur die fett gedruckten Überschriften lesen, den schwach gedruckten Text nicht, auch mit Lesebrille nicht. Ist das eine Sparmaßnahme oder nur eine neue Mode? Der Druck wird immer kleiner, und das in mehreren Farben, warum? Neues trifft immer die "Alten"! Ich werde mir eine "schärfere" Lesebrille verschreiben lassen! Da ich die Zeitung interessant finde, tut mir diese Entwicklung leid.

Eva Schneider, München

 


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