Kliniken

Zur Nachahmung empfohlen

Beschäftigte des Krankenhauses Spremberg sind zugleich Miteigentümer. Ein bundesweit einmaliges Modell, das Mitarbeiter/innen und Kranken nutzt

Von Gudrun Giese

Schwester Carolin arbeitet in der intensivmedizinischen Abteilung

Fotos: Renate Kossmann

Schwester Carolin strahlt Ruhe und Besonnenheit bei ihrer Arbeit aus - nicht die schlechtesten Eigenschaften für eine Pflegefachkraft in der intensivmedizinischen Abteilung. Dass sie nur selten in den branchentypischen Stress verfällt, hängt mit den Besonderheiten ihres Arbeitsplatzes zusammen: Das Krankenhaus Spremberg in der brandenburgischen Lausitz setzt auf eine überdurchschnittliche Personalausstattung. "Die Besetzung mit Pflegekräften wie auch mit Ärzten und Ärztinnen ist bei uns sehr gut", sagt der Betriebsratsvorsitzende Matthias Warmo, der selbst mit 40 Prozent seiner Arbeitszeit als Pfleger auf der Intensivstation arbeitet. Zusätzlich entlaste ein flexibler Austausch beim Personal zwischen Intensivstation, Notaufnahme und Anästhesie, erklärt er. "Gibt es in einem Bereich mehr zu tun als sonst, dann springen die Kolleginnen und Kollegen der Abteilung ein, auf der es gerade ruhiger ist."

Einfluss auf alle wichtigen Belange

Das Krankenhaus mit der fast 150-jährigen Geschichte ist aber nicht nur besser mit Personal ausgestattet als viele andere Kliniken. Es hat vor allen Dingen eine bundesweit einzigartige Eigentümerstruktur: Die gemeinnützig-private Einrichtung gehört zu 49 Prozent der Stadt Spremberg und zu 51 Prozent dem Förderverein Krankenhaus Spremberg e.V.. Dessen rund 280 Mitglieder wiederum sind in der Mehrzahl Beschäftigte des Krankenhauses.

Diese Konstruktion sichert den Mitarbeiter/innen Einfluss auf alle wichtigen Belange ihres Betriebes und Einblick in wesentliche Fragen. Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite sind nicht starr getrennt, denn der Betriebsratsvorsitzende Matthias Warmo ist auch stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Fördervereins. Und Schwester Carolin und viele ihrer Kolleg/innen sind für eine einmalige Aufnahmegebühr von 255 Euro sowie den kleinen monatlichen Beitrag von 2,50 Euro Vereinsmitglieder, die an allen wichtigen Entscheidungen mitwirken.

In der Stadt beliebt: die Klinik

Die Beschäftigten hatten das beste Konzept parat

Die besondere Gesellschafterstruktur dieses Krankenhauses gründet schon in der Nachwendezeit: 1992 ging die Spremberger Krankenhausgesellschaft als gemeinnützig-privater Träger an den Start - mit Privatinvestoren als Mehrheitsgesellschaftern. "Bereits damals handelte der Betriebsrat einen Haustarifvertrag und diverse Vereinbarungen - etwa zur Altersvorsorge - aus, die als wegweisend angesehen wurden", sagt Kathrin Möbius, die heute Geschäftsführerin ist und in den neunziger Jahren zu den Gründungsmitgliedern des Fördervereins zählte.

Nachdem die Privatinvestoren wegen Überschuldung 1996 ihre Anteile an Stadt und Kreis, die damaligen Minderheitsgesellschafter, zurückgeben mussten, war die Stunde für einen Neuanfang gekommen. Kathrin Möbius erzählt: "Der Kreis veräußerte seine Anteile an die Stadt, die wiederum nach einem neuen Mehrheitsgesellschafter suchte."

Der Förderverein wurde Mitte September 1997 gegründet und bewarb sich kurz darauf um die frei gewordenen Anteile an der Spremberger Krankenhausgesellschaft. "Es gab einige Mitbewerber. Doch letztlich hatten wir das beste Konzept", sagt die Geschäftsführerin. Kein Wunder, schließlich bestand der Verein von Anfang an vorwiegend aus Krankenhausbeschäftigten mit den allerbesten Insiderkenntnissen. Der Betriebsrat und die zuständige Gewerkschaft, damals noch die ÖTV, standen hinter dem Konzept und unterstützten die Übernahme der Anteilsmehrheit durch den Förderverein. "Schließlich war nur durch diese Konstruktion gewährleistet, dass das Krankenhaus weiter in gemeinnützig-privater Trägerschaft bleiben konnte und so auch der bestehende Tarifvertrag und Betriebsvereinbarungen fortgelten würden", erklärt Kathrin Möbius.

Kathrin Möbius, die Geschäftsführerin

ver.di setzt sich für höhere Bezahlung ein

Der Haustarifvertrag und die Regelung zur Altersvorsorge haben bis heute Bestand, nebst weiteren Vereinbarungen zu einem zusätzlichen Arbeitszeitverkürzungstag oder Rufdiensten. Im Großen und Ganzen ist ver.di mit der Situation im Spremberger Krankenhaus einverstanden, nur: Das Entgeltniveau liegt unter dem des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst (TVöD) sowie anderer Haustarifverträge an Brandenburger Krankenhäusern. "Unser Ziel bleibt es deshalb, für die Kolleg/innen in Spremberg das Niveau des TVöD oder mindestens des Cottbusser Krankenhauses zu erzielen", sagt Ralf Franke, der zuständige ver.di-Sekretär im Bezirk Cottbus. Dabei bewertet er die Besonderheiten der Gesellschafterstruktur im Spremberger Krankenhaus durchaus positiv: "Der Förderverein mit den vielen Mitgliedern aus der Belegschaft gewährleistet hohe Transparenz bei allen Entscheidungen. Es gibt keine Gewinnausschüttungen an Dritte, da keine Privaten in der Gesellschaft sind, und die Politik hat keinen Einfluss auf das Tagesgeschäft."

Was die Tarifverhandlungen jedoch erschwere, sei der Umstand, dass die Krankenhausmitarbeiter/innen in Spremberg sehr viel mehr Verständnis für die wirtschaftliche Situation "ihres" Hauses mitbrächten als sonst üblich.Die Geschäftsführerin Kathrin Möbius bringt das kurz und knapp auf den Punkt: "Wenn wir in Entgeltverhandlungen einsteigen, weiß jeder am Tisch, wie viel Geld für Lohnerhöhungen vorhanden ist." Spielraum bleibe für die Details; ob etwa Festbeträge vereinbart werden oder eine prozentuale Entgeltanhebung.

Matthias Warmo, der Betriebsratsvorsitzende

Fest steht: Die Beschäftigten sind zufrieden, ihre Identifikation mit dem Arbeitsplatz ist hoch und die Fluktuation niedrig. Die Spremberger Bevölkerung steht zu ihrem 180-Betten-Haus, was sich vor allem dann zeigt, wenn die Landespolitik versucht, dem kleinen Krankenhaus in die Parade zu fahren. "Immer wieder einmal gibt es Vorstöße, bei uns Abteilungen zu schließen, etwa die für Hüft- und Kniegelenksprothetik, weil große Zentren bevorzugt werden", sagt Matthias Warmo. Kommt in einer solchen Situation ein Politiker ins Haus, so wie vor drei Jahren die damalige Gesundheitsministerin Anita Tack, dann "stehen sofort mehr als 2.000 Spremberger vor der Tür, die für den Erhalt der Abteilung demonstrieren".

Nicht zuletzt kommen auch die Besonderheiten gut an, die rund ums Spremberger Krankenhaus entstanden sind. So gibt es eine Tagesklinik mit 35 Plätzen und eine Poliklinik. Im Jahr 2007 wurde nach einer Beschäftigtenbefragung eine Kindertagesstätte gegründet. Deren 58 Plätze sind überwiegend mit dem Nachwuchs der Krankenhausbeschäftigten belegt. "Und die Nachfrage ist eigentlich noch höher", sagt der Betriebsratsvorsitzende, dessen Jüngste derzeit ebenfalls die Krankenhaus-Kita besucht.

Bleibt eigentlich nur die Frage, warum das Spremberger Krankenhaus-Modell bisher noch keine Nachahmer anderswo gefunden hat.


Das Krankenhaus Spremberg in Zahlen

1869 als städtisches Krankenhaus mit jährlich 65 Patient/innen gegründet, expandierte das Haus in den folgenden Jahrzehnten stetig. Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Krankenhaus Ende 1946 wieder in Betrieb genommen und hatte zeitweise mehr als 300 Betten.

1992 wurde die Spremberger Krankenhausgesellschaft als gemeinnützig-privater Träger für das Krankenhaus Spremberg gegründet. Gesellschafter waren zu 20 Prozent die Stadt Spremberg, zu 20 Prozent der Landkreis und zu 60 Prozent Privatinvestoren (die 1 D-Mark für ihre Anteile zahlten). Da die Privateigentümer 1996/97 überschuldet waren, fielen ihre Anteile satzungsgemäß an die übrigen Gesellschafter. Der Landkreis verkaufte seine Anteile zu dieser Zeit an die Stadt Spremberg, die einen weiteren Gesellschafter benötigte, um den gemeinnützig-privaten Status zu erhalten.

In dieser Situation gründete sich am 19. September 1997 auf Initiative des Betriebsrats der Förderverein Krankenhaus Spremberg e.V.. Gut einen Monat später bewarb er sich um die vakanten Anteile an der Spremberger Krankenhausgesellschaft. Am 15. Mai 1998 wurde der Kaufvertrag zwischen der Stadt Spremberg und dem Förderverein förmlich abgeschlossen. Der Verein erwarb 51 Prozent der Anteile; jedes Mitglied brachte dafür 500 D-Mark ein. 49 Prozent der Anteile am Krankenhaus blieben bei der Stadt.