Mein Arbeitsplatz

Tatsächlich helfen

Friederike Jung, Berufsbetreuerin in Hamburg

Foto: Mauricio Bustamante

Einen "typischen" Arbeitstag gibt es für mich nicht. Ich bin selbstständig und arbeite als gesetzliche Betreuerin in Hamburg. Wenn das zuständige Betreuungsamt festgestellt hat, dass ein erwachsener Mensch krankheitsbedingt nicht mehr in der Lage ist, wesentliche Pflichten des Alltags allein zu bewältigen, und keine Angehörigen die notwendigen Aufgaben übernehmen, bestellt das Betreuungsgericht eine Berufsbetreuerin wie mich. Es weist mir damit verschiedene Aufgaben zu, die für die Interessenwahrnehmung zu Gunsten der jeweiligen Person nötig sind. Dazu zählen die Vermögenssorge ebenso wie die Gesundheitssorge, die Vertretung gegenüber Behörden oder bei Wohnungsangelegenheiten. Zurzeit bin ich für 34 zu betreuende Personen zuständig.

Ich versuche zunächst, mir durch Akteneinsicht und bei einem Besuch im Wohnumfeld der zu betreuenden Person einen ersten Eindruck zu verschaffen. Außerdem muss ich herausfinden, ob es Angehörige, Nachbarn oder andere Vertrauenspersonen gibt, die mich als Betreuerin unterstützen könnten. Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht immer das Wohl der betreuten Person. Deswegen nehme ich mir besonders für das erste Gespräch viel Zeit. Viele Menschen können gar nicht richtig einschätzen, was mit "Betreuung" gemeint ist, sie denken dabei an "Entmündigung" und stellen dann im Gespräch fest, dass ihnen eine Person gegenübersitzt, die ihnen tatsächlich helfen kann.

Ordnen, was über den Kopf gewachsen ist

Ich möchte die Eigenständigkeit der zu Betreuenden erhalten, viele kennen ihre Rechte und Ansprüche nicht. Ich organisiere die notwendige Unterstützung für die Betroffenen. Manchmal geht es auch darum, das Leben von Menschen, denen durch Arbeitslosigkeit alles über den Kopf gewachsen ist, wieder zu ordnen und ihnen zu helfen, einen Job zu finden. Das Gericht überprüft regelmäßig meine Betreuungs­berichte und die Vermögensverwaltung.

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Für diese Arbeit brauche ich vielfältiges Fachwissen, Lebens- und Berufserfahrung. Ich bin Sozialarbeiterin, Konfliktberaterin und Mediatorin. Die Vergütung dafür ist eindeutig zu niedrig: Ich bekomme 44 Euro brutto pro Stunde, davon muss ich Fahrtkosten, Versicherungen, Steuern und meinen Lebensunterhalt bezahlen. Dabei kann ich aber nicht meinen tatsächlichen Aufwand in Stunden angeben. Wer kein abgeschlossenes Studium und "nur" Vorkenntnisse aus einschlägiger Berufstätigkeit hat, bekommt 33,50 Euro pro Stunde, wer keine Vorkenntnisse hat, hingegen nur 27 Euro. Seit 2005 sind die Sätze nicht mehr erhöht worden. Für die Erhöhung der Vergütung wollen wir uns mit ver.di ebenso stark machen wie für mehr gesellschaftliche Anerkennung in diesem Beruf. Wir möchten erreichen, dass "Berufsbetreuer/in" ein Ausbildungsberuf wird, denn die Aufgaben sind sehr komplex und anspruchsvoll.

Im ver.di-Landesbezirk Hamburg haben freiberufliche Berufsbetreuer/innen den bundesweit ersten Arbeitskreis gegründet. Nächstes Treffen interessierter Berufsbetreuer/innen aus Hamburg und Umgebung: 17. Januar 2017, 18 Uhr 30, DGB-Haus, 9. OG, Raum „St. Georg“. Anmeldung und Infos unter mail@jung-und-kill.de

Protokoll: Heike Langenberg