Interview

"Weil wir dringend mehr Personal brauchen"

Fachkrankenpfleger Ralf Reichenbach ist Vertrauensmann im Psychiatrischen Zentrum Wiesloch in Baden-Württemberg und seit Oktober auch freigestellter Personalrat

Ralf Reichenbach

Foto: privat

Mehr als 70 psychiatrische Einrichtungen haben sich bundesweit am ver.di-Aktionstag vor der ersten Lesung des Psychiatrie-Finanzierungsgesetzes beteiligt, das Anfang 2017 in Kraft treten soll. Das Motto hieß "PsychVVG - das muss noch besser werden!" ver.di und die Beschäftigten setzen sich vor allem für mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen ein.

An den Aktionen für eine Nachbesserung des Gesetzentwurfs beteiligten sich auch 200 Mitarbeiter/innen des Psychiatrischen Zentrums Wiesloch in Baden-Württemberg.

ver.di publik - Wie lief der Aktionstag in Wiesloch?

Ralf Reichenbach - Bei unserer Aktion in der Mittagspause haben wir ver.di-Mitglieder unsere Kolleginnen und Kollegen vor dem Personalcasino über das neue Gesetz informiert - und vor allem auch darüber, was wir gemeinsam mit ver.di für veränderungsbedürftig halten. Denn es muss wirklich nachgebessert werden. Da wir dringend mehr Personal brauchen, war ein Vertrauensmann auf die glorreiche Idee für das Motto unserer Kundgebung gekommen: "Wir basteln uns unser Personal selbst!" Wer wollte, konnte dann an unserem Infostand selbst "Personal" bauen: Kastanienmännchen. Das kam sehr gut an! Wir konnten auch insgesamt 435 Unterschriften sammeln, die wir der Bundestagsabgeordneten Hilde Mattheis geschickt haben.

ver.di publik - Was fordern die Beschäftigten gemeinsam mit ver.di?

Reichenbach - Mehr Kolleginnen und Kollegen - verbindlich, bedarfsgerecht und mit einer gesicherten Finanzierung. Das steht für alle an erster Stelle. Der Überstundenberg und die zahlreichen Überlastungsanzeigen belegen auch bei uns, dass die aktuelle Situation in der Psychiatrie verändert werden muss. Es kommt auf unseren Stationen immer wieder zu Übergriffen auf das Personal, verbal, aber auch tätlich. Wenn nur zwei junge Krankenschwestern mit noch wenig Berufserfahrung im Nachtdienst auf der Akutaufnahmestation mit 25 bis 30 Betten Dienst haben, reicht das einfach nicht. Sie haben nicht genug Zeit für die Kranken; sie können die Arbeit nicht schaffen. So kann die Situation gefährlich werden, für alle: Pflegekräfte und Patienten. Hinzu kommt, dass rund ein Drittel der Arbeitszeit für Dokumentationen draufgeht. Der Personalmangel darf nicht durch das neue Gesetz festgeschrieben werden.

ver.di publik - Und hat der Aktionstag Wirkung gezeigt?

Reichenbach - Aber ja! Die Frage der Personalbemessung stand bei der Anhörung zum Gesetzentwurf im Bundestag im Mittelpunkt, das ist ein guter Schritt. Auch der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung hat sich dafür ausgesprochen. Bundesweit wurden tausende Unterschriften an Abgeordnete übergeben, das war wichtig.

ver.di publik - Geht es mit dem Thema Finanzierungsgesetz in Wiesloch weiter?

Reichenbach - Auf jeden Fall. Wir bleiben mit den Kollegen im Gespräch. Ich bin dabei, jede und jeden persönlich anzuschreiben, das Thema Personalbemessung betrifft schließlich alle. Da dürfen wir nicht lockerlassen. Im neuen Jahr kommen dann auch wieder Tarifverhandlungen auf uns zu, außerdem steht in Baden-Württemberg die Einrichtung einer Pflegekammer an, die wahrscheinlich Nachteile für die Beschäftigten bringen würde. Wir haben viel zu tun.

Interview: Claudia von Zglinicki

 

Das neue Psychiatrie-Finanzierungsgesetz

ver.di fordert:

  • bedarfsgerechte Personalbemessung und deren Finanzierung
  • sofortige Nachweispflicht, dass Personalgelder auch für Personal ausgegeben und nicht für andere Zwecke "umgewidmet" werden
  • die neue Personalbemessung soll von einer Expertenkommission entwickelt werden