Diskussion

Wir wollen voneinander lernen

Die vielfältigen Erfahrungen aus Arbeitskämpfen für neue Strategien nutzen

Immer gut: Phantasie im Arbeitskampf

Foto: DPA Bildfunk

"Das heiße Eisen: Streik" lautete das Thema der Podiumsdiskussion am 6. Oktober im Gewerkschaftshaus. Zu Gast im Podium auch Heiner Dribbusch vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, der für flexible Strategien im Arbeitskampf plädierte.

2015 war ein besonderes Jahr. So viele wegen Streiks ausgefallene Arbeitstage gab es schon seit 23 Jahren nicht mehr. Und wieder war es der Dienstleistungsbereich, in dem die meisten Arbeitskämpfe stattfanden. Nicht etwa die Metall- und Elektroindustrie. Doch die Hälfte dieser Streiktage entfiel allein auf die Deutsche Post AG/DHL.

Ein Dienstleistungsbetrieb ist eben kein Automobilwerk - und Dienstleistung ist nicht gleich Dienstleistung. Der einzige gemeinsame Nenner dieser Arbeitskämpfe liegt darin, dass weite Teile der Bevölkerung davon berührt werden können - leider oft nur unzureichend die Arbeitgeber. Denn diese haben seit der ver.di-Gründung erheblich dazugelernt. Haben oft Parallelstrukturen aufgebaut, um die Stilllegung "neuralgischer" Betriebsteile umgehen zu können. Oder sie müssen damit leben, dass etwa auf Einzelhandelsflächen von Kunden kaum noch Personal zu finden ist. Ausgliederungen, Leiharbeit und Werkverträge zerstören zusätzlich ehemals einheitliche Entlohnungs- und Arbeitsbedingungen.

Fallstricke und Chuzpe

Davon konnte auch Lars-Uwe Rieck, Landesfachbereichsleiter Postdienste, Speditionen und Logistik, berichten. Energisch beschrieb er die Abläufe des "Poststreiks" bei der DHL, die Fallstricke des Streikrechts und die Chuzpe, mit der der Postvorstand überquellende Paketlager einfach hinnahm. Er machte aber auch deutlich, dass ver.di für die DHL-Beschäftigten ein lohnendes Tarifergebnis herausholen konnte. Nur das von vielen Seiten kolportierte angebliche Streikziel, das Zurückholen der neuen Tochterfirma "Delivery" unter den DHL-Tarif, konnte nicht erreicht werden. Von der Ignoranz der Presse gegenüber den Beschäftigten bei DHL ganz zu schweigen. Aber auch ver.di habe Fehler gemacht, sagte Rieck, die aber mittlerweile genauestens analysiert worden seien.

Die genaue Analyse der Möglichkeiten im Arbeitskampf ist auch das - im wahrsten Sinne des Wortes - tägliche Brot von Hilke Stein, Leiterin des großen ver.di-Bereiches Gesundheit, soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen. Der Streik bei den Sozial- und Erziehungsdiensten, gelegentlich auch fälschlicherweise "Kita-Streik" genannt, sei ein wichtiger Schritt zur Aufwertung von "Frauenarbeit" gewesen. Das zeige sich auch an der nachhaltig positiven Mitgliederentwicklung ihres Bereiches. Trotzdem bleibe es unverzichtbar, so Hilke Stein, sich stets die jeweiligen, sehr speziellen Arbeitsbedingungen in ihrem Bereich ganz genau anzusehen und äußerst passgenau zu agieren, um etwas für die Beschäftigten bewirken zu können. Das erfordere ein ungewöhnlich hohes Engagement der dortigen Mitglieder und auch der Gewerkschaftssekretärinnen und -sekretäre.

Hinzu komme, sagt Hilke Stein, dass besonders in ihrem Bereich, etwa dem Sozial- und Erziehungsdienst, sowohl für die Bevölkerung als auch für die Mitglieder Streiks immer eine Situation darstellen, die ein hohes Maß an Verantwortung erfordert.

Die Beiträge der Zuhörer/innen machten das Dilemma, in dem ver.di sich zwangsläufig heute befindet, zusätzlich deutlich: Die Einbeziehung und Aktivierung von Mitgliedern im Arbeitskampf und der damit verbundene höhere Kommunikationsaufwand bieten für Gewerkschaften die Chance einer effektiveren Arbeitskampfführung. Sie bedeuten aber auch eine innerorganisatorische Herausforderung, da die Entscheidungsfindung komplexer wird, die Spielräume der zentralen Verhandlungsgremien tendenziell eingeengt und Verhandlungsergebnisse von im Streik direkt engagierten Mitgliedern in der Regel besonders sorgfältig und kritisch geprüft werden müssten.

Ein bunter Strauß an Erfahrungen

In einigen ver.di-Fachbereichen deutet zudem vieles darauf hin, dass die Nachhaltigkeit streikbedingter Eintritte nur dort gegeben ist, wo die neu gewonnenen Mitglieder in existierende betriebliche Strukturen integriert werden konnten. Konfliktorientierung müsse also mit nachhaltigem Engagement im Betrieb verbunden werden, lautete ein Beitrag. Heiner Dribbusch verwies darauf, dass in ver.di selbst ein gehöriges Potential läge. Die Vielfalt der Fachbereiche bedeute auch, einen bunten Strauß an Erfahrungen zu haben. Es könne eben auch viel schon vor der Ultima Ratio "Streik" erreicht werden, etwa durch Aktionsformen ohne Arbeitsniederlegung. Er habe allerdings manchmal den Eindruck, dass diese Kenntnisse und Fähigkeiten die Bereichsgrenzen nicht überschreiten würden. Eine Teilnehmerin bestätigte das ganz vehement: "Wir müssen mit den anderen Fachbereichen bei ver.di Kontakt aufnehmen und überlegen, wie wir uns gegenseitig unterstützen können." Sie bekam dafür viel Beifall.

Freilich dürfe man nicht aus dem Blick verlieren, dass kenntnisreich entschieden werden muss, welches Mittel zu welcher Zeit an welchem Ort zur Konfliktbewältigung passt. Dribbusch: "Die eine richtige Strategie, die überall passt, gibt es nicht. Jeder Arbeitskampf verläuft anders und entsprechend flexibel und variantenreich sollten die Strategien sein." Und Hilke Stein ergänzte: "Wir brauchen keine neuen Strategien, wir haben viele gute und entwickeln sie ständig weiter. Was wir brauchen, sind Räume zum Erfahrungsaustausch, um voneinander zu lernen. Und wir brauchen gemeinsame Überlegungen von Haupt- und Ehrenamtlichen in Verbindung mit einer guten Analyse der betrieblichen Situation, um mit der richtigen Strategie im Arbeitskampf erfolgreich zu sein."

Das Fazit des Abends zog die stellvertretende Landesbezirksleiterin Sandra Goldschmidt: "Ich glaube, es ist an der Zeit, über alternative Arbeitskampfformen nachzudenken. Nach wie vor gilt aber: Je mehr wir sind und je mehr wir voneinander lernen, desto erfolgreicher sind wir. Und dazu müssen wir untereinander und mit vielen, vielen Kolleginnen und Kollegen mehr ins Gespräch kommen."

Wir müssen also einander besser zuhören, vor allem auch über die Fachbereichsgrenzen hinweg. Dieser Abend war eine solche Gelegenheit - und das sollte erst der Anfang gewesen sein.