Kommentar

Totgesagte leben länger

Warum Kaiser's nicht Schlecker ist

Es wäre einer weiteren Bankrotterklärung im Handel gleichgekommen, hätte Karl-Erivan Haub, der Chef der Supermarktkette Kaiser's Tengelmann - wie immer wieder angekündigt - sein Unternehmen einfach zerschlagen. Erneut wären 15.000 Arbeitsplätze, vor allem Frauenarbeitsplätze mit einem Hieb vernichtet worden. So wie vor wenigen Jahren beim Drogerie-Discounter Schlecker. Auch zwei Jahre nach einer der größten Unternehmens-Pleiten der Bundesrepublik hatte von den rund 25.000 Ex-Schlecker-Beschäftigten nur etwa ein Drittel wieder einen Arbeitsplatz gefunden. Und fast ausschließlich nur Teilzeitjobs, befristete Stellen, tariflich nicht abgesichert. Dieses Schicksal bleibt den ebenso überwiegend weiblichen Kaiser's Tengelmann-Beschäftigten aller Voraussicht nach erspart. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe war der Verkauf der Läden mit Übernahme der Beschäftigten an die Konkurrenz Edeka und Rewe noch nicht vollzogen, es stand ihm aber auch nichts mehr im Wege.

Dass die beteiligten Konzernschefs gerade noch rechtzeitg die Kurve gekriegt haben, ist nicht zuletzt auf den hartnäckigen Einsatz ver.dis für die Beschäftigten und den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zurückzuführen. Aber das war auch bei Schlecker nicht anders. Mehr als zehn Jahre vor der Pleite hatten die Schlecker-Frauen mit gewerkschaftlicher Unterstützung Anton Schlecker in die Knie und zu einem Tarifvertrag gezwungen. Filiale für Filiale hatten sie organisiert, Betriebsräte gegründet und noch vor der Insolvenz die hauseigene Leiharbeitsfirma ausgehebelt. Gerettet hat es ihre Jobs nicht. Denn das Schlecker-Geschäftsmodell stand und steht exemplarisch für die anhaltende Spaltung am Arbeitsmarkt, die Prekarisierung von Millionen Menschen. Damals wollte die Konkurrenz die Läden und Beschäftigten nur zum untersten Schnäppchenpreis.

Im Fall Kaiser's Tengelmann dagegen hat entscheidend auch die Politik Anteil an der Rettung tarifgebundener und sicherer Arbeitsplätze. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, SPD, hat sich mit seiner Ministererlaubnis gegen die Entscheidung des Bundeskartellamts und dem Festhalten an ihr für gute Arbeit eingesetzt. Mitbestimmung und Tarifbindung werden gern totgeschrieben, aber sie leben. Es geht eben doch. Petra Welzel

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