Buch

Grau ist das neue Blond

Bruce Springsteen: Born to Run

Der Mann hat im September seinen 67. Geburtstag gefeiert. In einem solchen Alter darf man schon mal zurückschauen, Bilanz ziehen, sein Leben Revue passieren lassen, ja sogar ein wenig sentimental werden. Und das hat Bruce Springsteen auch getan, und zwar gleich in doppelter Ausführung: Mit Born To Run ist nun die Autobiografie des Rockstars erschienen und zeitgleich dazu die Song-Sammlung Chapter and Verse.

Buch und Album fügen sich im Zusammenspiel zu einer chronologischen Reise durch die Karriere des 1949 in Long Branch, New Jersey, geborenen Musikers, den seine Fans nur "The Boss" nennen. Die Autobiografie beginnt in seiner Kindheit in einer irisch-italienischen Arbeiterfamilie, selten wehmütig, stattdessen erzählt er ungeschminkt und mit viel Humor von Armut, von der Trunksucht des gewalttätigen Vaters, von seiner Löwenmutter, von ersten, eher noch ungelenken musikalischen Gehversuchen. Die Sammlung seiner Songs setzt ein im Jahr 1966 mit Baby I, der frühesten überlieferten Aufnahme von Springsteens erster Band The Castiles, einem Dokument ungezügelter Verehrung für die damals alles beherrschenden Beatles.

Von da aus kann man die Entwicklung von einem Nachwuchsmusiker, der noch seinen Weg sucht, zu einem der größten Rockstars aller Zeiten nachvollziehen. Ein Aufstieg, der nicht ohne Irrungen und Wirrungen, Nackenschläge und Nieder- lagen vonstatten ging. Wie Springsteen sich zuerst an Zeitgenossen wie Bob Dylan orientiert und dann langsam seine eigene Stimme findet, das kann man noch einmal hören, aber nun auch lesen, unter welchen Selbstzweifeln sich solch ein Selbstfindungsprozess abspielt.

Selbstzweifel, die schließlich zu einer bipolaren Störung führten, gegen die Springsteen seit Jahrzehnten mit Antidepressiva behandelt wird. Es ist die einzige sensationelle Enthüllung des Buches, sorgt aber dafür, dass die Rockstarerzählung entgegen allen Klischees vor allem eine Geschichte vom Überleben und ein Lob auf die Familie wird. Also keine wirklich glamouröse Geschichte, wie Spring-steen selbst gerne einräumt: "Aber auch wenn eine gewisse Faszination darin liegt, wie eine Supernova aufzuflammen, die Plattenverkäufe durch die Decke zu treiben, schnell zu leben, jung zu sterben und dabei eine bildhübsche Leiche zu hinterlassen, will ich hier doch mal ein gutes Wort für das Leben einlegen. Ich persönlich mag meine Götter alt, grau und lebendig." Warum auch nicht, wenn die ergrauten Rockstars immer noch in der Lage sind, grandiose, drei Stunden währende Konzerte zu geben - so wie Bruce Springsteen. Thomas Winkler

Übersetzung: Teja Schwaner, Alexander Wagner, Urban Hofstetter, Heyne Verlag, 672 S., 27,99 €. Chapter and Verse, CD, Columbia/Sony


Lauren Groff: Licht und Zorn

Dieser Roman soll zu Obamas Lieblingsbüchern des vergangenen Jahres gehören. Der Mann versteht wohl auch etwas von Literatur. Es ist eine beeindruckende Erzählung voller Überraschungen. Die Geschichte von Lotto und Mathilde, die einer großen Liebe, ein Künstlerroman zudem. Und die Bestä-tigung, dass hinter einem erfolgreichen Mann oft eine starke Frau steht. Jung lernen sie sich kennen, heiraten schnell. Groff beschreibt eine zumeist erfüllende Ehe aus beiden Perspektiven, zuerst seiner, dann ihrer. Heraus kommen zwei Erlebniswelten, die sich teils decken, aber in wesentlichen Aspekten völlig unterschiedlich sind. Wie kann man sich so inniglich nahe sein und gleichzeitig so viel voreinander verbergen? Was bedeutet das gefühlte und erlebte Glück angesichts von Geheimnissen und Verstellung? Es geht um Verletzung, Vernachlässigung und den Versuch, alles zu verdrängen, es besser zu machen. Aber auch um Vergeltung und Vergebung. Und um eine Heldin, die das Böse überwindet und über sich hinauswächst. Ein starkes Buch! Tina Spessert

Übersetzung: Stefanie Jacobs, Hanser Berlin, 432 S., 24 €


Astrid Sozio: Das einzige Paradies

Irgendwo im Ruhrgebiet lebt eine alte Frau in einem heruntergekommenen Hotel. Sie macht die Zimmer sauber und beäugt misstrauisch die Bewohner des benachbarten Flüchtlingsheims. Für sie sind das "Zigeuner", "Neger" und "anderes Kroppzeug". Eines Tages platzt eine junge Frau aus Afrika ins Hotel. Sie fühlt sich im Heim nicht sicher, ist schwanger, braucht dringend etwas zu essen und ärztliche Hilfe. In ihrem Debütroman lässt Astrid Sozio zwei Welten aufeinanderprallen: die der kauzigen Einsiedlerin Frieda Troost und die der Ghana-erin Nasifa, die sich nicht so leicht einschüchtern lässt. Die beiden Sturköpfe können sich zunächst nicht ausstehen und versuchen, sich aus dem Weg zu gehen. Doch sie sind aufeinander angewiesen - Frieda braucht Nasifa, um einen Weg aus ihrer Einsamkeit und Routine zu finden, und Nasifa braucht Frieda, um die sichere Geburt ihres Kindes möglich zu machen. Also nähern sie sich in gebrochenem Deutsch-Englisch langsam an. Astrid Sozio erzählt diese hinreißende Geschichte aus Frieda Troosts Perspektive: schnörkellos, klar, in ungekünsteltem Ton. Eindringlich, aber nie aufdringlich. Günter Keil

Piper Verlag, 336 S., 16,99 €


Volker Hauptvogel: Fleischers Blues

Herr Lehmann ist tot - es lebe Fleischer! Ende der Siebziger Jahre kommt Fleischer, das autobiografische Alter-Ego des Autoren Volker Hauptvogel, von Bremerhaven nach Westberlin, wird Teil der Kreuzberger Subkultur und gründet schließlich die legendäre Punkband MDK (Mekanik Destrüktiw Komandöh). Nach dem Motto "Im Moment kann alles passieren" wird es in Fleischers Leben nie langweilig. Das Intro des Hörbuchs sowie die Kapitelüberschriften spricht Stephan Remmler, aber als Erzähler führt uns Guntbert Warns hervorragend gesprochen durch die nie langweilig werdende Geschichte von skurrilen Politaktionen, Drogenexzessen und dem Alltagsleben im Westberlin der späten 70er Jahre. Von Ratten-Jenny im SO36 bis zu der Räumung eines besetzen Hauses in Schöneberg, mit dem damaligen Innensenator Heinrich Lummer als selbstverliebtem Feldherren der Bürgerlichkeit: Fleischer ist mittendrin und beschreibt klug und ironisch das Lebensgefühl jener Zeit zwischen Klassenkampf und Kreuzberger Nächten. Die vier CDs enden mit dem aufrüttelnden MDK-Song Blitze über Kreuzberg: "Im Kampf um Zukunft und Verständnis, im Kampf um Liebe und um Licht, erschufen wir uns die Freiheit, die tötet uns doch nicht." Christian Jungeblodt

Deutsche Grammophon, 322 Min., 16,99 €