Buch

Der Alte Mann und das Lügen

Chris Kraus: Das kalte Blut

1974. Ein alter Mann liegt mit einer Kugel im Kopf im Krankenhaus. Er teilt sich das Zimmer mit einem Hippie und erzählt ihm seine Geschichte. Sie handelt von einer deutschbaltischen Kindheit in Lettland, der Nazijugend, seinen Gräueltaten als SS-Offizier und schließlich den Verstrickungen als Mehrfachagent für verschiedene Geheimdienste der Nachkriegszeit. Er erzählt aber auch von Liebe, Verrat und Lebenslügen.

Wie schon in seinem Film Die Blumen von gestern, der gerade achtmal für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde, setzt sich Kraus in seinem epischen Roman mit der Geschichte seines Großvaters auseinander, der als Deutschbalte in Riga geboren und im NS-Regime zum Kriegsverbrecher wurde. Doch während es im Film um die Enkel geht, erzählt der Roman die Geschichte aus der Perspektive des Großvaters, der auf sein Leben zurückblickt, das in Riga mit einem Künstlervater und einer aristokratischen Mutter beginnt. Koja liebt und bewundert seinen älteren Bruder Hub und teilt mit ihm die Liebe zu dem Mädchen Ev, das in die Familie kommt, weil seine jüdischen Eltern ermordet wurden - eine sehr verhängnisvolle Liebe, die das Leben der Brüder ebenso prägen wird wie die Entscheidung, sich in Riga der deutschvölkischen Bewegung anzuschließen, deren Führer sie "in das nationalsozialistische Paradies" hineinhypnotisieren wird. Koja und sein Bruder werden Nazis und wenig später als SS-Offiziere und Agenten des nationalsozialistischen Sicherheitsdienstes zu Tätern.

Davon erzählt der alte Mann im Krankenhaus dem Hippie, der ihm mehr und mehr als Projektionsfläche dient. Nicht nur, um sich zu erinnern, sondern auch, um seine eigene Geschichte zu rechtfertigen. Anfangs findet der andere seinen Bettnachbarn noch interessant, liebenswert und witzig, doch im Laufe der Erzählung wird er immer mehr erschüttert und desillusioniert von dessen Geschichte.

So grausam banal diese Erkenntnis auch sein mag, warum aus "normalen" Menschen Kriegsverbrecher werden, so differenziert und raffiniert erzählt Chris Kraus davon. Doch es ist nicht nur das Psychogramm eines Mannes, der im Dienst von Ideologien zum Mörder wird - der Roman erzählt auch ein mehr als fragwürdiges Kapitel der Bundesrepublik, das davon handelt, wie der Bundesnachrichtendienst BND zu einem Großteil von Nazis gegründet und geführt wurde. Mit diesem Roman beweist Chris Kraus, dass er nicht nur ein begabter Filmemacher, sondern auch ein brillianter Erzähler ist. Marion Brasch

DIOGENES VERLAG, 1188 SEITEN, 32 €


Jens Eisel: Bevor es hell wird

Alex lernt früh, was es bedeutet, verlassen zu werden. Sein Vater haut ab, als er vier Jahre alt ist, seine Mutter stirbt später an Krebs. Sein geliebter Bruder Dennis, ein Soldat, wird durch ein Kriegstrauma aus dem Leben gerissen. Verlust, Armut und Trauer bestimmen Alex´ Leben. Schließlich verzweifelt der junge Mann, rastet aus, wird verhaftet, landet im Gefängnis. Jens Eisel gibt Alex eine ruhige, klare Stimme. Sein melancholischer Roman ähnelt einer Sozialstudie über Menschen aus der Arbeiterklasse. Eisel gibt Einblick in den Alltag von Supermarktkassiererinnen, Automechanikern, Frührentnern, Alleinerziehenden und Arbeitslosen. Wie bewältigen Außenseiter und Gestrandete ihr mühevolles Leben, und woraus schöpfen sie Hoffnung? Das sind die Fragen, die der Hamburger Autor mit seiner authentischen Geschichte beantwortet. Als Alex nach seiner Haftstrafe endlich aus dem Knast kommt, besucht er die Orte seiner mühevollen Kindheit an der Elbe und ordnet seine Gedanken neu. Jens Eisel macht daraus kein abgedroschenes Happy End; sein Roman ist zwar von Verständnis geprägt, zum Glück jedoch nicht von Verklärung. Günter Keil

PIPER VERLAG, 208 S., 18 €


Ulla Gessner: Die Jahrhundertfrau

Die seit fünfzehn Jahren in Israel lebende gebürtige Mark Brandenburgerin Ulla Gessner, Jahrgang 1944, hat sich mit ihrem autobiografisch gefärbten Text aus ihren zwei Lebenswelten heraus der Biografie ihrer Mutter, der "Jahrhundertfrau", genähert: Aus ihrer Tel Aviver Gegenwart an der Seite des als jüdisches Kind aus Würzburg vertriebenen Lebensgefährten und aus Köln, wo sie die sterbende Mutter besucht und selber aufgewachsen ist. Das Leben von Mutter Hedwig steht in vielem exemplarisch für diese Frauengeneration: Ehefrau eines später als Kriegsverbrecher entlarvten, lieblosen Mannes, der ihr in den Nachkriegswirren die drei Söhne entzieht, sie muss die Tochter bei der Großmutter im Osten Deutschlands lassen, baut sich tapfer eine Existenz als Hausverwalterin in Köln auf, holt die fremdelnde Tochter zu sich, die die Distanz lebenslang schmerzt und sie am Ende doch überwinden kann. Ulla Gessner erzählt schnörkellos und authentisch, wenn sie das Leben der Mutter schildert, und sie wertet nicht. Poetischer wird ihre Sprache in jenen Passagen, in denen sie als Ich-Erzählerin ihr eigenes Leben in Tel Aviv beschreibt. Die Liebe, die Mutter Hedwig nicht erfuhr, lebt die Frau aus Deutschland neben dem aus Deutschland verjagten Juden Shimon. Ulla Lessmann

PROJEKTE VERLAG HAHN, 225 S., 17,50 €


Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Alles fängt ganz harmlos an. Vier beste Freunde in New York, seit Collegezeiten einander eng verbunden, zwei von ihnen werden später - nach Jahrzehnten - ein Paar. Der Roman begleitet sie fast lebenslang. Jeder geht erfolgreich seinen Weg. Willem als Schauspieler, Jude als Anwalt, JB als Maler, Malcolm als Architekt. Klingt ein bisschen nach "Sex and the City" - nur andersherum. Diese Geschichte ist jedoch viel tiefgründiger, tragischer, oft die Grenzen des menschlichen Daseins auslotend. Die Autorin mutet ihren Figuren viel zu - und dem Leser auch. Mehr und mehr rückt Jude in den Mittelpunkt, der seine traumatische Kindheit und Jugend, die ihn körperlich und seelisch schwer verwundet hat, immer zu verbergen sucht. Ein Geheimnisvoller, den alle besonders schätzen, achten, lieben - und manchmal auch fürchten. Und der fast jeden Tag aufs Neue um sein "wenig Leben" kämpfen muss. Bis ihn die Katastrophe endgültig aus der Bahn wirft. Dies ist ein ganz, ganz großer Roman, über die Kraft von Freundschaft und Liebe und die unbändige Macht des Schicksals. Selten so etwas Eindringliches, Eindrucksvolles und Berührendes gelesen. Tina Spessert

HANSER VERLAG, Ü: V. STEPHAN KLEINER, 958 S., 28 €