Kino

You‘ll Never Walk Alone

Sie singen vom Sturm, durch den sie gehen müssen, vom goldenen Himmel, der sie erwartet, und dem Gesang der Lerche, dem sie lauschen werden. Sie singen laut und begeistert und zusammen mit ein paar Zehntausend anderen im Fußballstadion, und die meisten, davon darf man ausgehen, wissen nicht, was sie da eigentlich singen. You‘ll Never Walk Alone wird vor, während und nach Spielen von Fußballfans auf der ganzen Welt gesungen, das Lied ist die mit Abstand wichtigste Stadionhymne. Doch wie kam es dazu? Filmemacher André Schäfer schickt seinen Protagonisten Joachim Król, Schauspieler und Anhänger von Borussia Dortmund, auf die Suche nach den Ursprüngen des Liedes - und damit auch nach den Ursprüngen des Fußballs selbst und seiner Fankultur. Dabei landet Król in Budapest und Wien, New York und Hollywood. Er besichtigt den Dortmunder Borsigplatz, an dem einst seine geliebte Borussia gegründet wurde, und geht mit Tote-Hosen-Sänger Campino zum Fußball in Liverpool, wo das aus einem amerikanischen Musical stammende You‘ll Never Walk Alone zuerst zu einem Nummer-Eins-Hit für Gerry and The Pacemakers wurde und dann im Stadion des FC Liverpool zur Hymne. Es ist eine verschlungene Geschichte, aber sie wird nicht nur spannungsreich und mit Witz erzählt, sondern auch mit Blick auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge. So entsteht ein Glücksfall: Eine Fußball-Dokumentation nicht nur für Fußballfans. Thomas Winkler

D 2017, R: ANDRE SCHÄFER, D: JOACHIM KRÓL, CAMPINO, JÜRGEN KLOPP U.A., 100 MIN., START: 18. MAI


Ein deutsches Leben

Ihre Haut ist so zerfurcht wie ein lange ausgetrockneter Lehmboden. Aber ihrer belasteten Vergangenheit als persönliche Sekretärin des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels stellt sich Brunhilde Pomsel erstmals im hohen Alter von 105 Jahren mit wachem Verstand. Selbst nach Goebbels Suizid und bis in den Untergang hatte sie in ihrem Bunkerbüro stenographiert und Schriftsätze getippt. Nichts an diesem Dokumentarfilm lenkt von der kürzlich Verstorbenen ab, keine Musik, kein Kommentar. Ihre Schilderungen sind von einer entwaffnenden Ehrlichkeit geprägt. Feige sei sie gewesen, aber keineswegs schuldiger als alle Deutschen, die den Nationalsozialisten an die Macht verhalfen. Dass sie von den Ermordungen in den Konzentrationslagern damals nichts gewusst haben will, irritiert den Zuschauer. Und doch glaubt man dieser Frau, die ihr Leben reflektiert und sich selbst in jungen Jahren als einfältig beschreibt, jedes Wort. Ihr Job, der Wohlstand und ihr Pflichtgefühl hatten bei ihr oberste Priorität. Das Grauen schleicht sich mit neu entdeckten Archivbildern aus US-Aufklärungs- und Propagandafilmen zwischen die Monologe dieses nachdenklichen, großartigen zeitgeschichtlichen Dokuments, das mehr als mancher fiktive Holocaustfilm aufrüttelt und anregt nachzudenken, über Mitläufertum und Diktatur, und die Frage nach der Verantwortung jedes einzelnen. Kirsten Liese

AT/D 2016. REGIE: CHRISTIAN KRÖNES, OLAF S. MÜLLER, ROLAND SCHROTTHOFER, FLORIAN WEIGENSAMER. MIT BRUNHILDE POMSEL. START: 6. APRIL