Tourismus

Leere Versprechungen

Die Welttourismusorganisation will den Tourismus fairer machen, für die Beschäftigten, die Touristen und die Natur. Tourismusexperten sehen, dass eher das Gegenteil passiert. Der internationale Tourismus vergrößert die Ungleichheit und verursacht so soziale Spannungen

von Edith Kresta

Die Tourismusindustrie wächst weltweit - und verursacht soziale Spannungen

Foto: shutterstock; Bulls

Tourismus als Entwicklungshelfer, so jedenfalls betrachtet die Welttourismusorganisation (UNWTO) gern die weltweite Wachstumsindustrie rund um den Urlaub. Die Zahl der Urlaubsreisen nimmt stetig zu. Laut ihrer Satzung wirbt die UNWTO weltweit für eine Entwicklung des Tourismus nach nachhaltigen Kriterien. Als Unterorganisation der Organisation der Vereinten Nationen (UNO) ist sie zudem den Zielen des UNO-Berichts über die menschliche Entwicklung 2015, vor allem den 17 Nachhaltigkeitszielen (SDGs) verpflichtet: "Die UNWTO setzt ihre Bemühungen in die Umsetzung dieser globalen Ziele. Die UNWTO arbeitet mit den Regierungen, den privaten und öffentlichen Partnern, Entwicklungsbanken, internationalen und nationalen Finanzinstituten, den UN-Agenturen und internationalen Organisationen daran die SDGS zu erreichen. Sie setzt besonders auf die Ziele 8, 12 und 14, die den Tourismus betreffen", heißt es rein formal bei der Welttourismusorganisation.

Doch was genau steckt hinter diesen Zielen? Ziel 8 etwa betrifft menschenwürdige Arbeit und wirtschaftliches Wachstum, Ziel 12 nachhaltige Produktionsbedingungen und nachhaltiges Konsum- verhalten. Ziel 14 zielt auf den Erhalt der natürlichen Ressourcen unter Wasser und damit auch der Strände. Doch um menschenwürdige Arbeit und den Erhalt natürlicher Ressourcen geht es im Tourismus nicht erst seit 2015, als die Vereinten Nationen die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verabschiedeten. Vor allem deshalb betrachten Tourismusexperten das tatsächliche Engagement der UNWTO zur Umsetzung dieser Ziele kritisch.

"Die UNWTO nimmt die Agenda 2030 und das für nächstes Jahr geplante Internationale Jahr für nachhaltigen Tourismus vor allem zum Anlass, die entwicklungsfördernde Wirkung des Tourismus herauszustreichen und Tourismus als Zweig für massive Förderung zu empfehlen. Tourismus muss gemäß UNWTO einfach noch besser gemanagt werden", sagt Christine Plüss vom Schweizer Arbeitskreis für Tourismus und Entwicklung.

Nicht Mehr vom Selben

Antje Monshausen, zuständig für Tourismus bei Brot für die Welt, bestätigt diesen Eindruck: "Die Stellen, an denen der Tourismus in der Agenda 2030 explizit genannt wird, suggerieren, dass Mehr vom Selben, allein schon genügen würde, um einen richtigen Weg einzuschlagen."

Seitenwechsel - wenn das Fotoobjekt die Kamera übernimmt

Foto: Massimo Rumi / Barcroft / Media

Interessant seien deshalb die Punkte, an denen der Tourismus nicht genannt wird: "Beispielsweise beim Ziel 13 zum Klimawandel: Der Tourismus ist nach konservativen Schätzungen für fünf Prozent des menschengemachten Klimawandels verantwortlich." Auch was Ziel 10, den Abbau von Ungleichheit betreffe, schweige die Agenda 2030 und die Welttourismusorganisation zu den Zusammenhängen von Tourismus und Ungleichheit. Die UNWTO lasse den Eindruck entstehen, dass mit ein bisschen "community-based Tourism", also mit Tourismus in kleineren Gemeinden fernab vom Massentourismus, die Ungleichheiten der Welt angegangen werden könnten.

Die Wirklichkeit ist eine andere

Laut einer statistischen Analyse des Bundesverbands der deutschen Tourismuswirtschaft (BMT) vergrößert der internationale Tourismus mittelfristig die Ein- kommensungleichheit. Das verursacht soziale Spannungen. Neue touristische Investitionen besonders in aufstrebenden Ökonomien und neu entstehenden Tourismuszielen, geschehen häufig in Sonderwirtschaftszonen, mit Steuererleichterungen für die Investoren. Eine Verteilung der wirtschaftlichen Impulse in breitere Bevölkerungsteile ist durch fehlende Steuereinnahmen nicht möglich. "Deswegen sind auch die Annahmen, dass mehr wirtschaftliches Wachstum auch mehr würdige Arbeitsverhältnisse schafft, überzogen", sagt Monshausen.

Arbeitsverhältnisse nach wie vor prekär

Der Tourismus sei so stark gewachsen in den letzten Jahrzehnten, dass es schon längst die positiven Entwicklungen geben müsste, die er immer wieder vorgibt, erreichen zu können. "Real aber sind die Arbeitsverhältnisse im Tourismus nach wie vor gerade in der Breite prekär, und es wächst sogar der Anteil der ausgelagerten Arbeitsplätze im Tourismus - mit den entsprechenden Nebenwirkungen wie geringerer sozialer Sicherheit, geringer Gewerkschaftsorganisation etcetera", so Monshausen. Die globale Suche nach den günstigsten Arbeitskräften führe zu ausbeuterischen Personalbeschaffungs-Praktiken in der Hotellerie weltweit sowie den vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereichen. Zu all dem schweige die Welttourismusorganisation.

Das sagt auch Massimo Frattini von der Internationalen Landwirtschafts-, Hotel- , Restaurant-, Café- und Genussmittelarbeiter-Gewerkschaften (IUL) in Genf: "Wir arbeiten nicht mit der UNWTO zusammen, weil unsere Erfahrung ist, dass sie die Anliegen der Arbeiter nicht pushen. Zumindest nicht in den Unternehmen. Wir verhandeln deshalb direkt mit den Unternehmen." In vielen Ländern würden nicht einmal die IUL-Standards eingehalten. Um im Tourismus tatsächlich menschenwürdige Arbeitsverhältnisse und den Abbau von Ungleichheit zu verwirklichen, müssten die Unternehmen bei den Arbeitsbedingungen der Menschen vor Ort ansetzen. "Aber in der Regel geht es bei der Nachhaltigkeit der Unternehmen immer um Umwelt, vielleicht auch um den Schutz der Tiere, aber nicht um die Interessen, der dort arbeitenden Menschen", sagt Frattini.

Für Antje Monshausen von Brot für die Welt steht deshalb fest: "So, wie der Tourismus heute gestaltet ist, verhindert er die Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung eher, als dass er ihre Erreichung ermöglicht. Eine Wende im Tourismus ist nötig." Die Bedeutung des Tourismus sei global so enorm, dass die "Transformation unserer Welt" - so der Titel der Agenda 2030 - ohne die Transformation des Tourismus einfach nicht gelingen könne.