Interview

Mehr als lebensverlängernde Maßnahmen

Gülsüm Palaz, seit vier Jahren die Vorsitzende der Gesamt-Jugend- und Auszubildendenvertretung von real,-, über Personalmangel, Tarifflucht und Auswege im Handel

Linda Wölfel

Gülsüm Palaz ist 25 Jahre alt und arbeitet seit neun Jahren beim Einzelhandelsriesen real,-. Nach ihrer Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel in Tönisvorst bei Krefeld wurde Gülsüm in ihrer Ausbildungsfiliale übernommen. Schon bei einer der ersten Azubi-Sitzungen hat sie die Jugend- und Auszubildendenvertretung kennengelernt und war begeistert. Inzwischen ist Gülsüm für ihre Aufgabe als Vorsitzende der Gesamt-Jugend- und Auszubildendenvertretung zu 60 Prozent freigestellt. Die restliche Zeit arbeitet sie in der Drogerieabteilung ihrer Filiale.

ver.di publik: Gülsüm, wieso bist du Kauffrau im Einzelhandel geworden? War das dein Traumjob?

Gülsüm Palaz: Eigentlich war es mein Traum, zu studieren und Rechtsanwältin zu werden, aber ich habe mich, ehrlich gesagt, nicht genug um das Abitur bemüht. Nach der 10. Klasse wollte ich lieber eine Ausbildung machen. Zu der Zeit hatten meine Eltern ein kleines Lebensmittelgeschäft, in dem ich oft ausgeholfen habe. Das hat mir immer Spaß gemacht und daher habe ich mich im Jahr 2008 bei real,- beworben. Damals war es ein kleiner Traum, nach der Ausbildung das Geschäft meiner Eltern zu übernehmen. Aber mittlerweile haben meine Eltern ihre Gemüsehandlung nicht mehr, denn so ein eigener Laden ist echt arbeitsintensiv. Der Beruf Einzel­handelskauffrau macht mir übrigens immer noch Spaß, trotz der vielen Probleme, die es im Handel gibt.

ver.di publik: Welche Probleme sind das?

Gülsüm: Neben den Themen, über die derzeit viel gesprochen wird, wie prekäre Arbeit oder belastende Arbeitszeiten, haben wir einen unheimlichen Personalmangel im Handel. Auf der Fläche gibt es immer weniger Personal. Die Beschäftigten müssen immer öfter in den unterschiedlichen Abteilungen des Marktes aushelfen: Waren verräumen, Kunden beraten, Kasse machen - und das alles in kurzer Abfolge hintereinander. Das erhöht den Stress. Und die Arbeitgeber sparen fröhlich weiter. Bei real,- gibt es keine Tarifbindung mehr. Dadurch haben wir seit 2015 keine Lohnerhöhungen mehr bekommen. Bei den steigenden Lebenshaltungskosten wird es für die Beschäftigten also immer schwieriger, von ihrem Lohn zu überleben.

ver.di publik: Ausstieg aus der Tarifbindung, geht das so einfach?

Gülsüm: Ja, wir haben keine Tarifbindung mehr. Die Tarifkommission hat aber bei real,- mit dem Arbeitgeber, der Metro AG, zu der real,- gehört, über einen sogenannten Zukunftstarifvertrag verhandelt. Nachdem die ver.di-Mitglieder mehrheitlich zugestimmt hatten, wurde dieser Zukunfts­tarifvertrag dann 2016 abgeschlossen. Darin sind Ausnahmen vom Lohn- und Gehaltstarifvertrag geregelt, also die fehlenden Lohnerhöhungen und geringere Sonderzahlungen, wie Weihnachts- und Urlaubsgeld. Die Auszubildenden fallen nicht unter den Zukunftstarifvertrag! Sie bekommen noch Sonderzahlungen und auch Lohnerhöhungen.

ver.di publik: Warum haben die Beschäftigten diesen Einschnitten zugestimmt?

Gülsüm: Ganz einfach, um ihre eigene Arbeitslosigkeit zu verhindern. real,- droht schon seit Jahren mit Standortschließungen und Arbeitsplatzabbau. Mit dem Zukunftstarifvertrag soll genau das verhindert werden. Er gilt befristet bis zum Jahr 2020. Trotzdem denke ich, dass dieser Zukunftstarifvertrag nicht die absolute Rettung ist, sondern erst mal nur eine Lebensverlängerung.

ver.di publik: Ist denn eine Rettung in Aussicht?

Gülsüm: Die Tarifflucht ist ja nicht nur ein Problem bei real,-, sondern in der gesamten Branche. Immer mehr Betriebe wollen aus der Tarifbindung raus. Die Geschäftsführung von real,- behauptet, dass sie bis zu 30 Prozent Wettbewerbsnachteile gegenüber Unternehmen hat, die keine Tariflöhne bezahlen. Von daher denke ich, dass eine Allgemeinverbindlichkeit für Tarifverträge die Rettung für alle Beschäftigten im Einzelhandel sein könnte. Denn dann müssten die Arbeitgeber verbindlich die gleichen Löhne bezahlen und kein Unternehmen hätte Wettbewerbsnachteile. Und genau das fordert ver.di ja jetzt mit der AVE-Kampagne. Wobei das A für "Altersarmut bekämpfen", das V für "Vernichtungswettbewerb stoppen" und das E für "Existenzen sichern" steht.

ver.di publik: Und wenn du nur an die Auszubildenden denkst, was ist für sie besonders wichtig?

Gülsüm: Ich finde, wir brauchen in den Schulen und Berufsschulen mehr Aufklärung über die Arbeit von Gewerkschaften, und wir müssen noch mehr junge Menschen bei der Mitbestimmung mit ins Boot nehmen. Denn wir sind die Zukunft, und die sollten wir auch gestalten. Zum Beispiel wenn es um Ausbildungsqualitäten geht, aber darüber könnte ich jetzt noch lange reden.

INTERVIEW: Maren Skambraks