Charité

MEHR ZEIT FÜR DIE PATIENTEN

Die Pflegekräfte der Berliner Charité haben vor eineinhalb Jahren einen Tarifvertrag Gesundheitsschutz mit einer Mindestpersonalbemessung erstritten. Doch die Umsetzung des Vertrages ist bis heute ein Streitpunkt geblieben. Damit er endlich richtig greift, mussten die Beschäftigten erneut streiken, derzeit wird wieder verhandelt. Vier von rund 4.300 Pflegekräften der Charité berichten aus ihrem Arbeitsalltag

 

"Die Kinder brauchen uns jede Minute"

Ulla Hedemann, 31 Jahre, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin, Kinderintensivstation am Campus Virchow der Charité

 

Wir haben zwölf Betten. Jeder von uns betreut zwei, manchmal bis zu drei Kinder. Bei uns liegen die Schwerstkranken. Kinder, die nicht einmal mehr selbstständig atmen können, Kinder im Koma, Kinder mit schwachem Herzen, Organversagen. Momentan betreue ich einen Säugling und ein zweijähriges Kind. Auf unserer Station haben wir Frischgeborene und Kinder bis zu 18 Jahren. Idealerweise arbeiten wir im Frühdienst zu siebt, im Spätdienst und Nachdienst zu sechst. Zudem sind immer zwei Ärzte da. Aber wie gesagt, die Kinder, die wir betreuen, benötigen ja auch eine Komplettbetreuung. Sie können nichts, nicht einmal essen. Wenn sie das wieder können, dann sind sie so weit, dass wir sie auf die Kinderstation verlegen können.

Zu jeder Schicht gibt es eine Übergabe, möglichst auch eine Visite am Bett. Wir geben die Medikamente und Infusionen nach Anordnung der Ärzte, wir überwachen die ­Lebenserhaltungssysteme, bringen die Kinder zu Untersuchungen oder zu Operationen, verrichten die Körperpflege und wechseln die Wäsche, machen die Betten, wechseln Verbände, prüfen die Haut, den Muskeltonus, alles, was auf eine Verschlechterung hindeuten könnte. Wir wissen, welche Komplikationen auftreten können, und entwickeln ein Gespür dafür, was sich verändert, selbst wenn die Geräte das noch nicht anzeigen.

Fehlendes Personal, das darf nicht sein. Die Kinder können sich nicht selbst helfen, sie brauchen uns jede Minute. Also müssen wir sekundenschnell reagieren und agieren wenn unvorhergesehene Notfälle zu uns kommen. Zugleich müssen wir die bereits vorhandenen Intensivpatienten weiter betreuen, dürfen nichts übersehen. Unsere kleinen Patienten werden mit Hilfe von ­Magensonden ernährt, über Schläuche beatmet, befinden sich im künstlichen Koma, haben Blasenkatheter. Das ist alles sehr pflegeintensiv. Wir säubern die Schläuche, kontrollieren die Beatmungs- und Versorgungstechnik, verabreichen die Medikamente und müssen im Notfall wiederbeleben.

"Mein Anspruch ist eine menschengerechte und professionelle Pflege"

Manchmal ist es so hektisch, dass ich mich frage, wo der Tag geblieben ist. Wir bekommen Aufnahmen aus dem Operationssaal oder der Rettungsstelle, verlegen Kinder, die stabil genug sind, auf andere Stationen, bekommen neue Fälle und verlegen wieder Kinder. Das ist ein Hin und Her. Wenn dann irgendwann mal ein Kind wach ist oder gar lächeln kann, dann ist das wie ein Wunder. Denn die Kinder, die wir hier haben, kämpfen um ihr Leben.

Auf dem Nachhauseweg denke ich oft über meinen Dienst nach und gehe alles noch einmal durch, ob ich nichts übersehen habe. Ich habe den Anspruch, die Patienten so zu betreuen, wie ich es gelernt habe, doch die Zeit ist oft zu knapp. Das belastet und nährt Zweifel. Hätte ich noch mehr tun können? Habe ich alles bemerkt? Mein Anspruch ist eine menschengerechte und profes­sionelle Pflege. Dazu gehört auch das Gespräch mit den verzweifelten Eltern. Es ist das Schrecklichste, sein Kind so daliegen zu ­sehen. Um die Personalsituation zu verbessern bin ich in der ver.di-Tarif- und Verhandlungskommission. Auf der Kinderintensivstation haben wir momentan fünf bis zehn offene Stellen. Wir arbeiten mit Leasingkräften, die wir brauchen, um den Schichtplan aufrechtzuerhalten. Das aber bedeutet auch mehr Arbeit für uns, um sie anzuleiten. Das Klinikum hat bis jetzt das Stammpersonal auf einem Minimum gehalten, weil die Leiharbeiter unter Sachkosten laufen und flexibel abrufbar sind.


"Zeitnot ist die Normalität"

David Wetzel, 34 Jahre, Gesundheits- und Krankenpfleger, Abteilung Hämatologie / Onkologie (Blutbild-/Krebserkrankungen) am Campus Benjamin Franklin in Berlin Steglitz

 

Meine Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpfleger habe ich erst vor einigen Monaten beendet. Die Krankenpflege ist mein zweiter Beruf. Da ich schon einmal im Fahrdienst für Menschen mit Behinderungen gearbeitet habe, weiß ich, wie wichtig mir das Zwischenmenschliche im Berufsalltag ist. Seit Mai bin ich nun an der Charité. Parallel mache ich noch einen Bachelor-­Fernstudiengang in Health Care Studies, um mir Optionen im Bereich der Pflege offen zu halten. Trotzdem wünsche ich mir, weiter am Patientenbett zu arbeiten. Oft ist hier die eigene Sozialkompetenz gefragt, was ich bereichernd finde. Doch das Arbeiten in der Onkologie ist auch wahnsinnig komplex und fordernd.

Im Früh- und Spätdienst bin ich für zehn Patienten zuständig, in der Nacht sind es 20. Viele Tätigkeiten laufen bei uns auf der Krebsstation wie auf anderen Stationen auch. Zum Beispiel die Dienstübergaben bei Schichtwechsel, das Kontrollieren und Verabreichen von Medikamenten und Infusionen, das Erfassen und Prüfen der Vitalparameter wie Blutdruck, Puls und Temperatur. Doch es gibt auch Unterschiede. Bei uns müssen alle Patienten zweimal täglich gewogen werden, damit wir Wassereinlagerungen rechtzeitig bemerken. Auch kontrollieren wir regelmäßig die Mundschleimhaut der Patienten, da es bei der Chemotherapie häufig zu Entzündungen kommt.

Eine weitere Besonderheit sind die täglich notwendigen Blutentnahmen. Wir machen das zum Beispiel über zentrale Zugänge am Hals der Patienten. Veränderungen im Blutbild können lebensentscheidend sein. Das Verabreichen der Chemotherapie ist auch eine Aufgabe der Pflege und erfolgt nach ärztlicher Anweisung. Zudem müssen wir dafür sorgen, dass die Patienten alle weiteren Medikamente bekommen, die sie zusätzlich zur Chemotherapie benötigen. Dazu gehören vor allem Arzneimittel gegen Übelkeit und Schmerzen.

Wenn die Servicekräfte ihre Arbeit nicht alleine schaffen, müssen wir uns auch noch um die Essensausgabe kümmern. Wenn dann Angehörige da sind, um Essen anzureichen, ist das eine große Hilfe für uns. Denn es ist nicht gerade angenehm, Patienten sagen zu müssen, man komme gleich wieder, um beim Essen zu helfen, nur um zwei Türen weiter zu rennen, weil dort die Klingel geht. Doch das passiert hier ständig, dass wir Arbeitsprozesse nicht zu Ende bringen können, weil wir Dringenderes vorziehen müssen. Zeitnot und paralleles Arbeiten ist die Normalität. Gute Arbeitsbedingungen sehen anders aus.

"In der Praxis muss es immer viel schneller gehen"

Ich bin in der Onkologie noch relativ neu, doch viele Patienten kommen schon seit Jahren regelmäßig auf unsere Station. Einerseits entsteht so schnell ein Vertrauensverhältnis. Andererseits erhöhen sich dadurch auch die Ansprüche. Doch meistens ist es im Stress nicht möglich, denen immer gerecht zu werden.

Ausbildung und Realität widersprechen sich häufig. So habe ich als Neuer zwar noch genau im Kopf, wie bestimmte Pflegehandlungen ablaufen sollten. Doch in der Praxis muss es immer viel schneller gehen. Das führt zu Überforderung und ist belastend.

Viele Auszubildende, die noch im Lernprozess sein sollten, werden aus Personalmangel über ihre Kompetenzen hinaus in die Pflicht genommen und müssen teilweise alleine arbeiten, anstatt Anleitung zu bekommen. Das ist wenig sinnvoll. Die Arbeitsbedingungen in der Pflege müssen anders werden, sonst kann ich mir keine 30 Jahre in dem Beruf vorstellen.

Umso wichtiger ist es jetzt, tarifvertrag- liche Verbesserungen durchzusetzen. Zu erleben, wie bundesweit Pflegekräfte aufstehen und sich für ihre Rechte einsetzen und Mängel benennen und bekämpfen, macht Mut. Es geht auch mir nicht darum, mich zu beschweren, sondern etwas zu bewegen. Deshalb haben wir diesen September den Arbeitskampf verschärft und wieder gestreikt. Wir fordern eine schichtkonkrete, vertraglich zugesicherte Personalbesetzung auf den einzelnen Stationen. Werden die Personalmindestgrenzen nicht eingehalten, dann müssen Konsequenzen folgen.


"Wir brauchen die Personalbemessung"

Torsten Martin, 55 Jahre, Krankenpfleger, Abteilung Allgemeine Chirurgie und Wiederherstellungschirurgie, Charité

 

Ich habe vor langer Zeit Maschinenschlosser gelernt. Aber das war mir zu abstrakt. Krankenpfleger ist mein Traumberuf. Ich mag die Arbeit, weil ich mit Menschen umgehen und konkret etwas tun kann. Es ist aber auch eine verantwortungsvolle und sehr fordernde Aufgabe. Ich arbeite im Schichtdienst, innerhalb von zwei Wochen habe ich alle drei Schichten durch: den Frühdienst von 6 Uhr 30 bis 15 Uhr, den Spätdienst von 14 Uhr 15 bis 22 Uhr 30 und den Nachtdienst von 22 bis 7 Uhr. Wir haben pro Schicht eine halbe Stunde Pause. Doch ich möchte denjenigen sehen, der das einhalten kann. Dazu gibt es einfach zu viel zu tun.

Jede Schicht ist anders. Beim Frühdienst machen wir zuerst eine Übergabe und ich notiere, welche Besonderheiten es in der Nacht bei den Patienten gab, ob Untersuchungen anstehen oder Patienten für die Operation fertig gemacht werden müssen. Im Frühdienst sind wir drei examinierte Kräfte, so wie ich, und zwei Hilfskräfte, die eine einjährige Ausbildung haben. Wir kümmern uns um die Körperpflege der Patienten, müssen die Betten machen, Infusionen vorbereiten und anhängen, Medikamente kontrollieren und ausgeben und schauen, dass jeder das zu essen bekommt, was er auch essen darf. Oder wir bestücken Magensonden. Wir führen die Anweisungen der Ärzte aus, wie Medikamente ausgeben oder ändern, Verbände tauschen, die Patienten für Untersuchungen vorbereiten, Blutzucker kontrollieren, Dreinagen leeren sowie Spülungen und besondere Wundversorgungen vornehmen.

In der Spätschicht kommen dann die operierten Patienten zu uns, und wir müssen sie sehr intensiv kontrollieren. Besonders aufwändig ist es, wenn wir isolierte Patienten haben, das heißt, sie müssen entweder streng vor Keimen geschützt werden, oder sie haben selbst Keime, vor denen wir die anderen schützen müssen. Das bedeutet für uns immer wieder auch, unsere Kleidung zu wechseln. In dieser Schicht sind wir drei bis vier Leute. In der Nachtschicht sind wir dann nur noch zu zweit. Doch auch da gibt es viel zu tun. Jeder hat dann 17 Patienten. Wir müssen wieder Infusionen tauschen, Medikamente für den nächsten Tag zusammenstellen, teilweise kommen auch noch frisch Operierte zurück, entweder Notfälle oder wegen der Notfälle aufgeschobene Operationen. Viele Patienten sind nachts besonders unruhig, sind besorgt, ob ein bevorstehender Eingriff gelingen wird, oder haben Schmerzen nach der Operation.

"Meist müssen wir an drei Dinge gleichzeitig denken"

Wir haben Psychologen bei uns im Haus, aber zwischendurch müssen wir auch selbst noch die Zeit finden, um mit den Patienten zu reden. Man darf nicht vergessen, das sind überwiegend schwerkranke Tumorpatienten. Oder sie haben lebensbedrohliche Gefäßkrankheiten, wie entzündliche Venenverengungen. Oder es handelt sich um Dialysepatienten mit Nierenversagen. Diese schweren Krankheiten führen dazu, dass wir manchmal sehr schnell reagieren müssen, weil es plötzlich um Leben und Tod geht. Dann müssen wir alles andere stehen und liegen lassen und es später nachholen. Und wir müssen auch immer alles, was wir tun, dokumentieren, was ebenfalls viel Zeit in Anspruch nimmt. Überhaupt, der Zeitdruck ist oft ganz schön hoch. Und meist müssen wir an drei Dinge gleichzeitig denken und sie abarbeiten.

Ich habe mir vorgenommen, ich schaffe das bis zur Rente. Und ich bin froh über den guten Zusammenhalt der Kolleginnen und Kollegen in den verschiedenen Berufsgruppen. Noch vor zehn Jahren konnte sich niemand von uns vorstellen zu streiken, doch inzwischen ist der Druck so groß geworden, da müssen wir die Verantwortung für die Patienten übernehmen. Wir haben mit ver.di für den Tarifvertrag Gesundheitsschutz gekämpft. Wir brauchen die Personalbemessung und wir brauchen Konsequenzen, wenn die Mindestbesetzung nicht eingehalten wird. Das sind wir den Patienten schuldig. Wenn das Personal vor Überforderung geschützt ist, dann ist das auch Patientenschutz.


"Zu Hause habe ich geweint"

Daniela Dittner, 44 Jahre, exami­nierte Krankenschwester, Abteilung Neurologie/Stroke Unit (Schlaganfall), Virchow-Klinikum der Charité

 

Ursprünglich wollte ich Kinderkrankenschwester werden. Nach der Realschule habe ich in einer Kleinstadt bei Rostock die Ausbildung zur Krankenschwester gemacht. 1993 bin ich dann zum Virchow-Klinikum, heute Charité, gekommen. Dort habe ich eine Stelle auf der Neurologie bekommen und bin geblieben. Mir hat die Arbeit gefallen, mir lag aber auch immer das Team am Herzen. Vielleicht gerade weil wir zu wenig Personal sind, ist mir der Zusammenhalt besonders wichtig.

Es gibt zwei Flure auf unserer Station. Auf der einen Seite liegen 21 Patienten, überwiegend Schlaganfälle. Dort haben wir für die akuten Schwerstfälle sechs Monitorplätze, um die Vitalzeichen dieser Patienten rund um die Uhr überwachen zu können - Herz, Sauerstoffgehalt im Blut, Blutzucker, Blutdruck, Puls und Körpertemperatur. Wenn sich da etwas verschlechtert, müssen wir sofort reagieren. Auf der anderen Flurseite liegen weitere 18 Patienten. Auch schwer kranke Menschen mit Muskelschwäche, Atemlähmung, Schlucklähmung, Epilepsie oder beispielsweise Parkinson.

Im Laufe der Jahre haben wir immer mehr Betten bekommen und wurden immer weniger Leute. Anfangs hatten wir auf dem Flur nur Epilepsiepatienten. Dann kamen vier Monitorplätze dazu. Damals hatten wir noch eine Betreuung für zwei Monitorpatienten. Es wurden weitere Betten aufgestellt, doch es kam nicht mehr Personal. Heute haben wir sechs mobile Monitore und 15 weitere Patienten auf einem Flur. Dafür gibt es im besten Fall drei Pflegekräfte. Die deutsche Schlaganfallgesellschaft sieht eine Eins-zu-drei-Betreuung nur für Monitorpatienten vor. Doch oft sind wir in der Frühschicht nur zu zweit, für alle Patienten. Selbst in der Pause kommen wir nicht zur Ruhe, springen immer wieder auf, wenn die Klingel geht. Zudem steht auch im Pausenraum ein Bildschirm mit den sechs Überwachungsmonitoren. Und nachts sind wir meist alleine. Ich habe den Einsatzplan für November angeschaut. Darin haben wir zirka 60 nicht besetzte Dienste. Wenn eine Leasingkraft oder jemand aus dem Personalpool dazukommt, dann haben wir trotzdem noch zu wenig Personal.

"Wir mussten kalten Kartoffelbrei als Abendessen ausgeben"

Es ist sehr belastend zum Nachtdienst zu gehen und zu wissen: Man ist wieder alleine. Erst vor kurzem hatten wir zusätzlich noch sechs isolierte Patienten mit einem Keim. Wir mussten kalten Kartoffelbrei als Abendessen ausgeben, weil wir durch die Unterbesetzung keine Zeit mehr hatten, das Essen zu erwärmen. Und da war es schon 20 Uhr. Ich habe mich so mies gefühlt und geschämt, mit Menschen so umgehen zu müssen. Zu Hause habe ich geweint.

Seit 2006 bin ich ver.di-Mitglied. 2011 habe ich das erste Mal gestreikt. 2013 bin ich mit zwei weiteren Kollegen in die Tarifkommission gewählt worden und wurde auch in den Gesamtpersonalrat gewählt. Die Gewerkschaftsarbeit mache ich in meiner Freizeit. Der Tarifvertrag Gesundheitsschutz muss endlich eingehalten werden, denn der Stress macht auf Dauer krank, was den Personalmangel weiter verschärft. Ganz klar, wenn Pflegekräfte fehlen, dann müssen die Betten reduziert werden. So wie in den letzten Jahren kann es nicht weitergehen. Auch die Politik muss endlich reagieren.

Protokolle: Marion Lühring, Fotos: Wolfgang Siesing