Friseurhandwerk

"Wenn es so bleibt, schlittert ein Beruf in die Krise"

Regina Richter erhält nach 51 Berufsjahren nur 628,80 Euro Rente. Doch sie engagiert sich und fordert eine Aufwertung

Regina Richter

Foto: B. Tragsdorf

Seit September ist Regina Richter im Ruhestand. Sie hat 51 Jahre als Friseurin in Leipzig gearbeitet, und das mit Leidenschaft. Als sie sich 1969 für diesen Beruf entschied, tat sie es, weil sie fest davon überzeugt war: Es ist ihr Traumberuf. "Der Kundenkontakt, die kreativen Möglichkeiten, und ich kann am Ende immer sehen, ob ich gute Arbeit geleistet habe, wenn ich die Kundinnen verabschiede", sagt sie. Als Ausbildungsberuf liegt das Friseurhandwerk nach dem Kfz-Gewerbe an zweiter Stelle bei den beliebtesten Handwerksberufen. Und das trotz der niedrigen Bezahlung. In der Tendenz aber ist die Zahl der Bewerbungen für diesen Beruf stark rückläufig.

Vor der Einführung des Mindestlohns wurden in Ostdeutschland Stundenlöhne unter fünf Euro gezahlt, erinnert sich Regina Richter. Schon lange ist sie öffentlich aktiv, wenn es darum geht, für eine angemessene Bezahlung in ihrem Beruf als Friseurin und vor allem für die Auszubildenden einzutreten. Da gehört Mut dazu und ein langer Atem. Sie sagt mit aller Deutlichkeit, wie wenig Rente sie nach 51 Berufsjahren erhält: 628,80 Euro. Immer wieder hat sie sich den Fragen der Journalist/innen gestellt, ist gerade im zurückliegenden Bundestagswahlkampf zu Veranstaltungen gegangen, um deutlich zu machen, was Niedriglohn von der Ausbildung bis zur Rente bewirkt.

Als aktive ver.di-Frau hat sie sich in der Kampagne "Besser abschneiden" für die höhere Vergütung der Auszubildenden in ihrem Traumberuf eingesetzt. Keine leichte Arbeit, denn die beiden großen Berufsschulen für das Friseurhandwerk in Sachsen - die in Dresden und die in Leipzig-Schkeuditz - haben Gewerkschafter/innen den Zugang in ihre Einrichtungen untersagt, auf Anraten der Innungsverbände. Regina Richter hat trotzdem den Kontakt zu den jungen Leuten in Ausbildung gesucht. Sie hat mit ihnen auf dem Schulhof gesprochen, hat ihnen gesagt, dass sie selbst sich engagieren müssen, um Verbesserungen zu erreichen.

Neben der geringen Azubi-Vergütung gibt es weitere Defizite. Das sind beispielsweise die Arbeitszeiten, der Kampf um den Urlaub, der den Azubis zusteht, die Betreuung während der Ausbildung und das Vermeiden von ausbildungsfernen Tätigkeiten. In Richters Heimatstadt Leipzig gibt es derzeit im Friseurhandwerk 102 Ausbildungsverträge, die Vergütung im ersten Ausbildungsjahr liegt bei 200 Euro. "Wenn es so bleibt, schlittert ein Beruf in die Krise", befürchtet Richter. Damit sich das ändere, müsse ver.di die jungen Leute über ihre Mitbestimmungsmöglichkeiten informieren und sie für die Gewerkschaft gewinnen, damit ver.di Tarifverträge für sie abschließen könne.

Regina Richter hat sich in ihrem Fachbereich, im ver.di-Bezirk Leipzig/Nordsachsen und im Landesbezirk Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen durch ihr engagiertes und beherztes Auftreten viele Sympathien erworben. Sie wird geschätzt und wird in den nächsten Jahren, auch ohne Berufstätigkeit, nicht von Langeweile geplagt sein. Sie ist im Vorstand der Handwerkskammer zu Leipzig, in der Vertreterversammlung der Mitteldeutschen Rentenversicherung und engagiert sich im sozialen Dialog in Brüssel.  btr.

www.besser-abschneiden.info


Fakten und Zahlen

  • ca. 1.600 Azubis im Friseurhandwerk in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen
  • die Azubi-Vergütungen liegen im Osten durchschnittlich bei 269 Euro, im Westen bei 494 Euro im Monat. Laut Bundesinstitut für Berufsbildung wurden 2015 im Durchschnitt aller Berufe 826 Euro gezahlt
  • In Sachsen-Anhalt liegt die geringste Azubi-Vergütung im 1. Ausbildungsjahr im Friseurhandwerk bei 153 Euro, in Thüringen bei 204, in Sachsen bei 200 Euro