Generationenprojekt

Das Leben ist kein Kaffeekränzchen

Im Wiener Kaffeehaus "Vollpension" backen Senior/innen ihre Lieblingskuchen nach Familienrezepten und servieren sie den jungen Gästen. Ein preisgekröntes Konzept für den Generationen-Dialog - gegen Vereinsamung und Altersarmut

"Oma vom Dienst": Die 72-jährige Marianne und ihr Kollege David (31) begrüßen die Gäste

Foto: Claudio Farkasch/lichtschalter.tv

Von Fanny Schmolke

Kaum hat man das Café Vollpension in der Wiener Schleifmühlgasse betreten, möchte man seine Schuhe abstreifen und sich auf eines der alten Sofas kuscheln, die im wohnzimmerähnlichen Gastraum verteilt stehen. Goldumrandete Sammeltassen und kitschige Porzellanfiguren auf den ­Tischen, gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos und gepuzzelte Monumental-Schinken - all das lässt an die gute alte Stube der Großeltern denken. Auch der Duft nach frisch gebackenem Kuchen, der von der offenen Küche herüberweht. Und tatsächlich werkeln dort hinter dem Tresen drei ältere Damen in weißen Schürzen mit Nudelholz und Rührgerät. Ein ungewohnter Anblick hier im 4. Wiener Bezirk, wo es sonst von jungen Hipstern nur so wimmelt.

Charlotte, Elisabeth und Susanne - so ist es rosafarben auf ihre Schürzen gestickt - backen vor den Augen und Nasen der überwiegend jungen Gäste ihre Lieblingskuchen nach alten Familienrezepten. Sie sind drei von 20 Frauen und Männern zwischen 59 und 75 Jahren, die im Café gering­fügig oder in Teilzeit angestellt sind und das sonst junge Gastronomie-Personal ergänzen.

"Wo gibt's den besten Kuchen? Nicht in der Konditorei, sondern zu Hause bei der Oma", erklärt Hannah Lux das Motto des Generationen-Kaffeehauses. Sie ist die 29-jährige Mitgründerin und Geschäftsführerin der Vollpension, die "Oldies", wie sie ihre Mitarbeiter/innen liebevoll nennt - 18 Frauen und zwei Männer -, sind überwiegend "Pensionisten", also Rentner, die von der Mindestrente oder knapp darüber leben müssen, und sie mit dem Zuverdienst im Café aufbessern.

Zuverdienst, Anschluss, Kontakt

"Altersarmut ist ein Riesenthema in Österreich - genau wie in Deutschland", sagt Hannah Lux. Gerade Alleinstehende - insbesondere Frauen - seien oft betroffen. "In Österreich gibt es über 600.000 alleinstehende Seniorinnen und Senioren, ein Viertel davon lebt unterhalb der Armutsgrenze, ein weiteres Viertel nur hauchdünn darüber." Und Armut im Alter bedeute nicht nur einen geringeren Zugang zu materiellen Ressourcen, sondern auch weniger Teilhabe an sozialen oder kulturellen Aktivitäten, was oft zur Vereinsamung führt. "Ein Teufelskreislauf, der durchbrochen werden muss."

Dazu will Lux mit ihrem Café beitragen. Die Vollpension - ein Projekt aus dem gemeinnützigen Vollpension-Verein und der Vollpension Generationencafé GmbH - versteht sich als sogenanntes "Social Business" und verfolgt neben wirtschaftlichen auch soziale Ziele. "Wir brauchen eine neue Form des Wirtschaftens. Mit mehr Menschlichkeit und sozialem Gewissen als Kern unseres täglichen Tuns. Soziales Handeln und wirtschaftlicher Erfolg sind kein Widerspruch."

Sprecht miteinander

Neben dem Ziel "den besten Kuchen im gemütlichsten Lokal der Stadt" zu servieren, geht es der Vollpension auch um die Förderung eines Generationen-Dialoges. "Gerade in den Städten kommen wir Jungen nicht oft mit älteren Menschen außerhalb der eigenen Familie in Kontakt", erklärt Lux. Auf der anderen Seite gebe es genug ältere Menschen in der Stadt, die viel zu erzählen, aber wenig Anschluss haben. Die Vollpension biete genau das: "Ein Platz, wo Alt und Jung wieder ein Stück zusammenrutschen und ins Reden kommen." Der Kuchen dient als Kommunikations-Katalysator zwischen den Generationen, aber auch als Einkommensmöglichkeit für Senior/innen.

Damit der Generationen-Dialog wirklich funktioniert, sind in der Vollpension neben den backenden Senior/innen auch Gastgeber/innen beschäftigt - die sogenannten "Omas/Opas vom Dienst". Ihre Aufgabe ist es, die Gäste zu begrüßen und zu betreuen, Kontakte und Gespräche zu ­fördern.

Höhenverstellbare Backöfen mit Neonbeleuchtung rücken die Bäckerinnen ins rechte Licht

Foto: Mark Glassner

Eine dieser Omas vom Dienst ist Marianne. Die 72-Jährige arbeitet seit zwei Jahren in der Vollpension und kann dort das tun, was sie am liebsten hat: reden und lachen. "Man kann hier viele interessante Leute kennenlernen und einfach am Leben teilhaben. Das braucht man auch im Alter."

Wenn Marianne die Gäste platziert, darunter viele junge Studenten und Touristen, aber auch älteres Stammpublikum, dann mischt sie sie gern. "Die Leute sollen ja zusammensitzen und ins Gespräch kommen." Sie erklärt den Gästen das Konzept der Vollpension und kurbelt Gespräche an. "Bitte schaut nicht auf's Handy, sprecht miteinander" - auch so einen Satz hören die Café-Besucher öfter mal von der Gastgeberin, die auf Wunsch auch eigene ­Lebensgeschichten serviert.

Marianne bessert durch den Job in der Vollpension ihre Rente auf. Die alleinstehende Seniorin hat ihr Leben lang gearbeitet - teilweise in Teilzeit, weil sie nach der Scheidung ihre Kinder alleine groß zog. Die Rente ist "ganz okay", wie sie sagt. Aber durch den Zuverdienst könne sie sich zusätzliche Besuche beim Zahnarzt oder Reisen leisten. Das Wichtigste aber sei, "dass man wieder etwas macht und nicht alleine zu Hause sitzt".

Auch für ihre Kollegin Elisabeth ist der Austausch besonders wichtig. Einmal pro Woche rührt sie in der Vollpension ihre Lieblingskuchen an, "um mit jungen Leuten in Kontakt zu kommen und fit zu bleiben". Die zierliche Dame mit grauem Haar, die ihr Alter nicht verraten möchte, ist schon von Anfang an Mitglied des Teams. 2012 startete die Vollpension als ursprünglich einmalige, sogenannte Social-Design-Intervention im Rahmen der Vienna Design Week. Weil das eigenwillige Projekt mit großer Begeisterung angenommen wurde, gastierte es seitdem immer wieder als temporäres Pop-Up-Café in Wien. Es folgte eine Tour in einem VW-Bus und einem Wohnwagen durch Österreich. Im Frühjahr 2015 fand das im In- und Ausland preisgekrönte Projekt dann in der Wiener Schleifmühlgasse ein dauerhaftes Heim.

Seitdem rattern hier an sechs Tagen die Woche die Mixer. Vorgaben gibt es nicht, jeder Kuchen ist ein Einzelstück . Elisabeths Spezialitäten sind Linzerschnitten und Ameisenguglhupf. Neben Kuchen, Torten und selbstgemachtem Eierlikör gibt es in der Vollpension auch Frühstück wie "Opa Pikant", "Die Gerti" oder "Erbschleicher" und eine kleine Auswahl an Suppen, Salaten und Snacks - alles aus regionalen Zutaten.

Schöner Tropfen

"Öffentliches Wohnzimmer mit Oma-Glücksgefühl", so beschreibt Hannah Lux ihr Kaffeehaus. "Wir haben für uns alle ­einen Ort geschaffen, der Wärme und Herzlichkeit in sich trägt." Solche Orte braucht die Welt, ist Lux überzeugt. "Alles wird immer schneller und anonymer - da braucht es Gegentrends. Wir sind ein kleiner, aber schöner Tropfen auf dem heißen Stein."

Wie gut diese Oase in der hektischen Großstadt bei den Gästen ankommt, zeigen nicht nur täglich vollbesetze Sessel und Sofas, sondern auch die zahlreichen Kommentare im Internet: "Goldiges Konzept, das Generationen verbindet", "geniale Idee", "großartiger Kuchen in kultiger Location", "man fühlt sich sofort wohl", "wie daheim bei Oma", "tolles Mehrgenerationenkonzept." Und auch bei den Senior/innen steht die Vollpension hoch im Kurs. Hannah Lux hat derzeit eine Warteliste von über 100 "Oldies", die bei ihr backen wollen.

Wer nicht in Wien lebt oder in die österreichische Hauptstadt reisen kann, aber trotzdem etwas vom Glücksgefühl abhaben möchte, kann im Buch "Kuchen von der Oma - Backweisheiten und Lebensrezepte" schmökern. Hier stellen zehn Vollpension-Bäckerinnen ihre bisher streng geheimen Kuchenrezepte zum Nachbacken vor und garnieren ihre Rezepte mit privaten Anekdoten: vom nackten Rolling Stone, einem Marathon auf Kuba bis zum Kirchgang nach durchtanzten Nächten und anderen Erlebnissen.