Buch

Monika Geier: Alles so hell da vorn

Das kann nur Monika Geier: In einen zutiefst verstörenden Fall, in dem es unter anderem um Kindesentführung zwecks Zwangsprostitution geht, in dem ein Polizist als Kunde im Bordell erschossen wird, absolut stimmig eine irrsinnig komische Szene einzubasteln, in der pfälzische Polizisten gemeinsam zum Mittagessen gehen und sich - in bestem Dialekt - über die Preise für Fleischgerichte unterhalten. Das in der deutschen Autorinnenszene einzigartige Talent, die Aufklärung grausamster Verbrechen mit einem subversiv heiteren Ton zu grundieren, ist Monika Geier auch in ihrem neuen Fall mit ihrer klugen, großherzigen, hartnäckigen und furchtlosen Kommissarin Bettina Boll bestens gelungen. Die nebenbei die Kinder ihrer verstorbenen Schwester aufziehende Fahnderin wird durch die Ermordung ihres Kollegen an peinlichem Ort in von Geier genüsslich sezierte Abgründe provinziellen (Sexual)lebens geführt, die sie an die Grenze des Ertragbaren bringen. Grandios gelingt es der Autorin, immer wieder auch aus dem Blickwinkel der jungen Mörderin zu erzählen, man wird dadurch förmlich hineingezogen in den Strudel aus Gewalt und Ausweglosigkeit, in dem die sich befindet. So entwickelt das Geschehen eine unheim­liche Dynamik, die bis zum kaum erlösenden Ende in Atem hält: der beste Bettina-Boll-Band nach vielen sehr guten. Ulla Lessmann

ARIADNE/ARGUMENT, 352 SEITEN, 13 €


Ines Geipel: Tochter des Diktators

Das "erste Staatskind der DDR" war sie, Beate Ulbricht, Tochter einer ukrainischen Zwangsarbeiterin und Adoptivtochter des ersten Staatsratsvorsitzenden der DDR, Walter Ulbricht, und seiner Frau Lotte. Von Beates tragischer Liebe zu dem Italiener Ivano Matteoli, den sie beim Studium in Leningrad kennenlernt, erzählt Ines Geipel - und von vielem mehr. Sie spannt den Bogen vom toskanischen Dorf Cigoli, aus dem Ivano, der Sohn eines Kommunisten, stammt, über das Paris des Jahres 1968 und das sowjetische Leningrad bis nach Ostberlin. Die Erzähler-Figur Anni, Malerin und engste Freundin von ­Ivano, ist es, die Paris in den kompliziert aufgebauten ­Roman einbringt. Anni lässt ihren Jugendfreund Ivano nie aus den Augen, auch wenn sie räumlich längst getrennt sind. Schließlich macht sie sich auf die Suche nach den Spuren von Beate in Ostberlin. Im Mittelpunkt des Romans mit dem fraglichen Titel - ein Diktator wie etwa Pinochet war Ulbricht nie ­- bleibt die Liebe zwischen der Berlinerin und dem Italiener, ihre gegen den Willen der Ulbrichts durchgesetzte Ehe, ihre erzwungene Trennung und Beate Matteolis Ende in Berlin. Zugleich entfaltet sich in dem Buch eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Revolutionen und ihrer Tragweite für das Leben einzelner Menschen. Claudia von Zglinicki

KLETT-COTTA 2017, 198 SEITEN, 20 €


Deon Meyer: Fever

Was passiert, wenn die zivilisierte Welt verschwindet? Wie verhalten sich Menschen, wenn sie wieder von ganz vorne anfangen müssen? Ohne Elektrizität und Kanalisation, regierungs- und gesetzlos? Diesen Fragen spürt Deon Meyer nach. Der Südafrikaner wählt ein apokalyptisches Szenario: 95 Prozent der Weltbe­völkerung sterben an den Folgen einer Fieberwelle. Willem Storm und sein Sohn Nico zählen zu den Überlebenden. Sie beschließen, eine neue, friedliche Gemeinschaft aufzubauen. Das Zusammenleben im Kollektiv funktioniert zunächst her­vorragend. Die Bewohner züchten Tiere, bauen Obst und Gemüse an, gründen ein politisches Komitee und erarbeiten ein Grundgesetz. Doch schon bald wird eine eigene Armee nötig, um die mittlerweile auf 5.000 Menschen angewachsene Stadt vor Feinden zu schützen. Zudem treten im Laufe der Zeit wieder Neid, Zwietracht und Gier zu Tage. Das Gemeinwohl verblasst, der Egoismus kehrt zurück. Den Aufbau der neuen Zivilgesellschaft und die Gefährdung ihrer Existenz beschreibt Meyer virtuos aus verschiedenen Perspektiven. Ein schonungsloser Blick auf das menschliche Zusammenleben. G. Keil

AUFBAU / RÜTTEN & LOENING, Ü: STEFANIE SCHÄFER, 702 S., 19,99 €