MUSIK

Mavis Staples: If All I Was Was Black

Als schwarze US-Amerikaner in den sechziger Jahren für gleiche Rechte auf die Straßen gingen, waren Soul und Funk der Soundtrack der Bewegung. Ein halbes Jahrhundert später demonstrieren wieder Afroamerikaner gegen Polizeigewalt und Willkür, sterben Menschen, weil sie die falsche Hautfarbe haben. "Black lives matter", steht auf den Plakaten. "I say my life matters", singt Mavis Staples auf ihrem neuen Album If All I Was Was Black: Ein Konzeptalbum, das sich mit dem aktuellen Zustand der USA, mit dem alltäglichen Rassismus auseinander setzt. Die 78-Jährige war als Mitglied der Staples Singers schon in den Sixties ein Star, sie lehnte einen Heiratsantrag von Bob Dylan ab, marschierte neben Martin Luther King und verband die Musik immer auch mit gesellschaftlichem Aktivismus. Das Album If All I Was Was Black, das in kreativer Kooperation mit Wilco-Mastermind und Americana-Legende Jeff Tweedy entstand, ist trotzdem das erste explizit politische Album ihrer langen, erfolgreichen Karriere: Der Song We Go High zitiert schon im Songtitel die mittlerweile legendäre Anti-Trump-Rede von Michelle Obama. Der vollkommene Soul von If All I Was Was Black bezieht eindeutig Stellung, spendet aber auch Trost und Hoffnung, und gibt dem Genre seine zwischenzeitlich ver­lorene politische Relevanz zurück. Thomas Winkler

CD, ANTI / INDIGO


Zugezogen Maskulin: Alle gegen alle

Das trifft sich gut, dass Punk gerade Jubiläum feiert. Genau vier Dekaden nach dem legendären Jahr 1977 und der Erfindung von "No Future" legen Zugezogen Maskulin mit Alle gegen alle ein Album vor, das mehr Wut und Hass, mehr Lärm und Zukunftspessimismus zu bieten hat als die meisten Punk-Klassiker. Nur, dass Testo und Grim104 keine Punks sind, sondern Rapper. Statt sägender Gitarren gibt es bollernde Beats, in den Texten aber treffen sich Sex Pistols und Slime zur Dosenbier-Party. Der Hass der beiden Wahlberliner trifft ohne Unterschied alle: das System, die Arbeitgeber, die AfD sowieso, die Rap-Kollegen und die Schafe, die sich ausbeuten lassen. Vor allem aber haben die beiden Endzwanziger ihre Altersgenossen auf dem Kieker, die glauben, mit einem Facebook-Post die Welt verändern zu können und ansonsten ihren Arsch nicht hochkriegen. Ob sie in die menschliche Psyche abtauchen oder gesellschaftlichen Zuständen auf den Grund gehen, hier wie dort stoßen sie auf Abgründe. Und da die Form der Funktion folgt, ist die Musik düster dräuend. Der Bass gräbt sich in die Magengrube, während sich die überschnappenden Stimmen der beiden Rapper aneinander reiben, sich übertrumpfen und schließlich zur einzig möglichen Parole zusammenfinden: "Ich hasse alle." Thomas Winkler

CD, FOUR MUSIC / SONY


Anouar Brahem: Blue Maqams

Blue Maqams, ein treffender Titel für ­diese ungewöhnliche arabisch-westliche Begegnung. Blue steht hier für die gestalterische Freiheit des Jazz, und Maqams heißen die Tonskalen in der arabischen Musik. Oud-Spieler Anoaur Brahem ist ein wirklicher Kosmopolit. Seit den neunziger Jahren macht der Tunesier durch eine Vielzahl verschiedenster Projekte auf sich aufmerksam. Sie reichen von klassischer arabischer Musik über Filmmusik bis zu Begegnungen mit Musikern der internationalen Jazzszene. Diesmal füllen zwei vitale Altmeister Brahems Kompositionen mit Leben: der englische Bassist Dave Holland (71) und US-Drummer Jack DeJohnette (75). Beide waren seit ihren Tagen bei Jazz-Ikone Miles Davis an etlichen genreübergreifenden Projekten beteiligt. Dazu kommt noch der eine Generation jüngere Pianist Django Bates. Gemeinsam zelebrieren sie eine fein gesponnene kammermusikalische Klangkultur jenseits stilistischer Festlegungen, die sich langsam entwickeln, aber auch grooven darf. Je vorbehaltloser man sich Brahems Musik nähert, desto bereichernder ist das Hörerlebnis. Peter Rixen

CD, ECM / UNIVERSAL MUSIC