Nicht ohne meinen Marx

Noch immer gibt es sie: junge Menschen, die unser Wirtschaftssystem kritisieren und sich mit Karl Marx beschäftigen. Dabei wurde der Ökonom und Philosoph vor 200 Jahren geboren. Sein Stil und sein Denken sind bis heute keine leichte Kost. Warum Karl Marx für die Jungen trotzdem interessant ist, erzählen sie hier selbst

Protokolle: Simon Hanl

Fotos: Rafael Heygster & Daniel Nide

Katharina Doll, 25 Jahre alt, studiert und ist politisch aktiv

Nicht aus akademischem Interesse habe ich angefangen, mich mit Marx zu beschäftigen. Ich wollte die Gesellschaft verändern. Als Schülerin habe ich an Schulstreiks teilgenommen und bin in einer antimilitaristischen Gruppe aktiv geworden, da ich unzufrieden mit sozialen Problemen wie Hunger und Armut war. Mindestens genauso wütend war ich über Kriege in Afghanistan oder dem Irak. Bei Protesten lernte ich andere Aktive kennen und hörte erstmals von Marx. Mit ihm verbinde ich einen Aufruf zum Handeln: Du musst aktiv werden, damit sich unsere Gesellschaft ändert. Durch Marx habe ich verstanden: Gesellschaftliche Missstände hängen zusammen, da nicht die Bedürfnisse von uns allen, sondern die Profite der herrschenden Klasse zählen. Das habe ich auch später erlebt, als ich Arbeitskämpfe unterstützt habe, zum Beispiel in Hamburg bei der Firma Neupack. Der Streik hat mir gezeigt, wie wir auch am Arbeitsplatz gemeinsam stark sein können. Denn es gibt kein gemeinsames Interesse von uns Lohnabhängigen mit den Bossen, wir müssen uns organisieren. Karl Marx hat gezeigt, dass das über Geschlechter- und Ländergrenzen hinweg geschehen muss. Er hat die revolutionäre Pariser Kommune von 1871 analysiert und beschrieben, wie eine gerechte Gesellschaft aussehen kann. ­Genauso wie er möchte ich eine klassenlose Gesellschaft ohne Unterdrückung erreichen.


Taro Tatura, 25 Jahre alt, ist ­Fluggerätemechaniker und ver.di-Vertrauensmann

Wenn ich den Namen Karl Marx höre, muss ich zuerst an Chemnitz denken, wo ich mal gewohnt habe. Dort steht Marx als große Büste herum. Zudem denke ich an seine Werke, das "Manifest" und das ­"Kapital" haben mich in meiner politischen Entwicklung geprägt. Denn Marx hat mir Ungerechtigkeit verständlich gemacht, die Ausbeutung der lohnabhängigen Beschäftigten durch die Besitzer der Produktionsmittel. Dagegen hilft gewerkschaftliche Organisierung. Zu Beginn meiner Ausbildung bin ich in die Gewerkschaft eingetreten. Es war für mich eine Selbstverständlichkeit, da wir Azubis von den Vertrauensleuten gleich nett begrüßt wurden. Mittlerweile empfehle ich Kolleg/innen und Gewerkschafter/innen, dass sie Marx lesen sollen. Sie sehen bei betrieblichen Fragen häufig den Kontext nicht. Ich meine den generellen Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit. Die Arbeitgeber wollen uns immer möglichst wenig von ihrem Gewinn abgeben. Manche Kollegen bestreiten das und glauben an gemeinsame Interessen etwa beim Arbeitsschutz. Das sehe ich anders. Meine Beschäftigung mit Marx hat dazu geführt, dass ich ein Klassenbewusstsein habe. Viele können hingegen mit der Arbeiterklasse nichts mehr anfangen, Ingenieure zum Beispiel. Dabei ist ein Ingenieur aber sowas von lohnabhängig, genauso wie mein Bankberater.


Kay Jäger, 25 Jahre alt, ist Hafenarbeiter und ver.di-Mitglied

Mein Interesse an der Marx'schen Theorie entstand während meiner Berufsausbildung im Hamburger Hafen. Dort fahre ich mit einem Van Carrier Container auf den Terminals hin und her, be- und entlade Schiffe. Ich arbeite meist variabel in Tag-⁠, Spät- und teilweise auch Nachtschichten. An regelmäßige Freizeittermine und Wochenplanung ist nicht zu denken. Es ist oft schwierig, Freunde zu treffen, da diese meist zu festen Zeiten arbeiten. Zuhause und in freien Momenten auf der Arbeit habe ich Zusammenfassungen von Marx' Analysen gelesen und dort Dinge wiedererkannt, die ich auch 150 Jahre nach Erscheinen seines Hauptwerks täglich er­fahre. Unsere freie Zeit dient nicht der Selbstverwirklichung oder dem Müßiggang, sondern der Regeneration der Arbeitskraft, um wieder maximalen Profit schaffen zu können. Auch mit guten Tarifverträgen und Löhnen verkaufen wir uns immer notwendig unter Wert - ­logisch, denn sonst wären wir nicht mehr profitabel. Auf diese Zusammenhänge bin ich in Teilen auch selbst gekommen. Doch Marx benennt sie konkret und erklärt sie schlüssig. Im teils automatisierten Hamburger Hafen muss ich daran denken, wie Marx die Industrialisierung beschrieben hat. Eigentlich sind Maschinen und technischer Fortschritt prima, allerdings dienen sie im Kapitalismus nur der Profitmaximierung. Ich möchte hingegen eine Gesellschaft, in der technischer Fortschritt allen Menschen dient, indem die Arbeitszeit verkürzt wird und Arbeit nicht mehr die Gesundheit der Lohnabhängigen belastet.