Kolumbien

 

Estebán Barboza, Präsident der kolumbianischen Gewerkschaft
der Transportarbeiter, SNTT, wurde in Cartagena de Indias geboren.
Anlässlich der Lateinamerika-Konferenz der ITF besucht er
in der Altstadt auch das Haus seines Onkels


Auch nach dem Abschluss des Friedensabkommens mit der FARC, den "Revolutionären Streitkräften Kolumbiens", müssen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter noch immer um ihr Leben fürchten. Die Solidarität der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) mit der kolumbianischen Gewerkschaftsbewegung ist bitter nötig

 

Von Knut Henkel (Text) und Juan Manuel Barrero Bueno (Fotos)

Estebán Barboza ist ein vorausschauender Mann. Als vor zwei Jahren über den nächsten Ort für die Lateinamerika-Konferenz der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) diskutiert wurde, plädierte Barboza nicht für Venezuela oder die Dominikanische Republik, sondern für Kolumbien. "Es war damals schon abzusehen, dass das Friedensabkommen mit der FARC-Guerilla kommen würde, und wer Kolumbien kennt, weiß, dass wir hier jede Unterstützung brauchen, um den Frieden auch wirklich Realität werden zu lassen", sagt der 55-Jährige.

Seit 2016 existiert das Friedensabkommen mit den "Revolutionären Streitkräften Kolumbiens", FARC, auf dem Papier, aber Frieden herrscht noch immer nicht. Barboza, ein schlaksiger Mann mit hoher, von kurzen graumelierten Locken eingefasster Stirn, ist Optimist. Die ITF-Konferenz in Cartagena de Indias, Kolumbiens Touristenmetropole, ist für ihn von großer Bedeutung. "Sie zeigt, dass der Friedensprozess auch von außen begleitet wird, dass es Solidarität gibt. Und die ist bitter nötig."

Heimspiel mit Hintergrund 

Barboza ist der Präsident der kolumbianischen Gewerkschaft der Transportarbeiter (SNTT) und in Cartagena de Indias geboren. Nur einen Steinwurf von der zum Weltkulturerbe zählenden Altstadt, im Stadt­viertel Papoyal, ist er aufgewachsen, hat er als Taxifahrer Touristen durch die Altstadt und Unternehmer durch den weitläufigen Hafen kutschiert. Und er war lange der lokale Vorsitzende der CUT, der Central Unitaria de Trabajadores, des größten Gewerkschaftsdachverbands des Landes. Daher ist der Besuch in der von der Sonne verwöhnten Karibikstadt für Estebán Barboza ein bisschen wie ein Heimspiel.

Seit sieben Jahren lebt er in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, baut dort die SNTT als Dachgewerkschaft für den Transportsektor auf und ist nur noch selten in Cartagena de Indias. Also nimmt er sich Zeit, um die alten Kollegen zu begrüßen, die vor dem Einkaufszentrum La Matuna am Taxistand im Schatten auf Kundschaft warten. Anschließend geht er rüber auf die andere Seite zu den Kollegen vor der CUT-Zentrale. Dort holt er Gil Falcón ab, seinen Nachfolger bei der CUT, um mit ihm gemeinsam zur ­Pressekonferenz zu schlendern, wo der ITF-­Vorsitzende Stephen Cotton stellvertretend für rund 16,5 Millionen Mitglieder die ITF-Lateinamerika-Konferenz eröffnet.

Am Ende der ITF-Konferenz zieht ein Demonstrationszug durch Cartagena de Indias, dabei auch die Flagge der SNTT

Drei Tage haben sich die insgesamt 280 Delegierten aus 26 Ländern Zeit genommen, um im Saal des Hotels Cartagena Plaza über die Herausforderungen der Branche zwischen Automatisierung und Verfolgung ­ihrer Mitglieder zu diskutieren. Das Team aus London um den ITF-Vorsitzenden Stephen Cotton ist gekommen, um der Konferenz zusätzliches Gewicht zu verleihen: "Wir sind hier, um die Kollegen in Kolumbien zu unterstützen, ein Zeichen gegen Gewerkschaftsmorde und für die Implementierung des Friedensabkommens zu setzen", sagt Cotton. Das kommt bei den Delegierten gut an, Solidarität ist ihr Bindemittel.

Für Cotton ist Kolumbien ein Land mit ­Potenzial, wo Logistik, Transport und Vertrieb zum Rückgrat des ökonomischen Aufschwungs werden könnten, den sich die ­Regierung erhofft und bei dem die Gewerkschaften eine zentrale Rolle spielen sollen. Genau das ist in Kolumbien jedoch alles andere als einfach, denn nach Jahrzehnten massiver Verfolgung leiden die Gewerkschaften an Mitgliederschwund und können Unterstützung an allen Ecken und Enden brauchen.

Hoch gestecktes Ziel

Bei der CUT, dem größten von drei gewerkschaftlichen Dachorganisationen, setzt man auf den Umbau der Organisationstrukturen. Dafür ist SNTT das beste Beispiel. "Seit unserer Gründung im November 2008 haben wir es geschafft, 22 Tarifverträge zu schließen und die Zahl unserer Mitglieder langsam auszubauen - auch in Hafenstädten wie ­Cartagena, Barranquilla oder Santa Marta", sagt Estebán Barboza am Rande der Presse­konferenz. Die Entscheidung weg von der klassischen Betriebsgewerkschaft hin zur Rahmengewerkschaft, die in einem Wirtschaftssektor verankert ist, fiel Ende 2006 auf einem CUT-Kongress. "Wir wollten nicht zusehen, wie unsere Gewerkschaftsbewegung in immer kleinere Einheiten zerfällt. Da war das Konzept, sich auf 18 große ­Wirtschaftssektoren zu konzentrieren, die richtige Antwort", erläutert Barboza. Er ist am Umbauprozess, der die CUT und ihre Branchengewerkschaften wieder schlagkräftiger machen soll, direkt beteiligt.

Für den Transportsektor mit rund 1,46 Millionen Arbeitnehmern ist die SNTT zuständig. Es gibt große Herausforderungen, aber auch kleine Erfolge. "Das Gros der Arbeiter im Transportbereich arbeitet informell; an der Kaimauer im Hafen, beim Logistiker oder als Bus-, Taxi- oder Truckfahrer. Unser Ziel ist es, aus informellen Jobs formale Arbeitsverhältnisse zu machen", so Estebán Barboza. Das Ziel ist hoch gesteckt. 

Einige Achtungserfolge haben Barboza und sein in Bogotá ansässiges Team bereits vorzuweisen. So können die Arbeiter der dänischen "Maersk Line" in Cartagena de Indias heute in die SNTT eintreten, ohne Repressalien befürchten zu müssen. Keine Selbstverständlichkeit in Kolumbien, wie die Klage zeigt, die die SNTT ein paar hundert Kilometer entfernt, in Buenaventura, Kolumbiens größtem Pazifikhafen, angestrengt hat. "Dort ist der Dialog mit den ­Maersk-Verantwortlichen ein Desaster", sagt Barboza und reibt sich die Stirn. Als diskriminierend und ausbeuterisch bezeichnet er die lokal Verantwortlichen, die die Arbeiter am Kai bis zu zwölf Stunden schuften lassen. Deshalb und wegen der Entlassung von elf Gewerkschaftsaktivisten hat er Ende ­November Klage eingereicht und das auch gleich über die guten Drähte nach Kopenhagen und London publik gemacht.

Links:Touristenmetropole Cartagena de Indias - Blick von der Altstadt auf die Neustadt
Rechts: International vernetzt - die Teilnehmer/innen der ITF-Tagung

In Kopenhagen hat die Reederei ihren Stammsitz, dort spielen die Gewerkschaften eine zentrale Rolle, in London befindet sich die Zentrale der Internationalen Transportarbeiter-Föderation. Und die greift der ­jungen Gewerkschaft in Kolumbien beim Ausbau ihrer Aktivitäten unter die Arme. Doch die Rahmenbedingungen sind alles andere als einfach. "Trotz des Friedensabkommens ist Kolumbien das gefährlichste Land der Welt für Gewerkschafter. Seit Mitte der 1980er Jahre wurden mehr als 3.800 organisierte Frauen und Männer ermordet - und es hört nicht auf", erklärt Barboza zum Abschluss der Pressekonferenz. Die kolumbianischen Medienvertreter stürzen sich auf den ITF-Vorsitzenden Stephen Cotton, Barboza hat jetzt ein, zwei Stunden frei und macht sich mit dem Auto auf den Weg nach Papoyal, dem Viertel, wo er aufwuchs.

Dort hatte sich sein Vater auf kommunaler Ebene engagiert. "Er war Metzger, war organisiert und hat mir gezeigt, wie wichtig die Solidarität unter den Leuten ist", erinnert sich der Sohn. Damals hat Barboza gemeinsam mit den Nachbarn für die Straßenbeleuchtung gesorgt. Die tut es noch immer in dem von einfachen ein- und zweistöckigen Wohnhäusern geprägten Stadtviertel. Wie eine Insel wirkt es in den von modernen Apartementhäusern geprägten Vierteln drumherum. Der Wagen hält vor dem Haus seines Onkels, wo er sich zum Essen nach Abschluss der Konferenz anmelden will. "Das gehört sich so, wenn ich schon mal mit etwas Zeit in Cartagena bin", sagt Barboza, schmunzelt und klopft an die Tür.

Früher war das nicht so einfach, denn da war er mit Bodyguards im gepanzerten ­Wagen unterwegs - so wie heute sein CUT-Kollege Gil Facón. "Cartagena de Indias ist eine der Städte Kolumbiens mit den größten sozialen Gegensätzen, hier waren und sind Paramilitärs aktiv. 2003 musste ich ins Exil nach Spanien gehen. Sonst würde ich hier wohl nicht mehr stehen", sagt Barboza noch mit nachdenklicher Stimme, bevor er mit lautem "Hola" seinen Onkel und dessen ­Familie begrüßt.

Das Risiko, sich zu organisieren

Seit Barbozas Exil hat sich zwar das eine oder andere geändert, aber 19 Morde an Gewerkschaftern im Jahr 2017 zeigen deutlich, dass die Verfolgung von gewerkschaftlich organisierten Frauen und Männern in Kolumbien eben nicht vorbei ist. "Wir haben es nach wie vor mit einem sehr gewerkschaftsfeindlichen Klima zu tun. Hier dominiert die Unternehmerseite die Wahrnehmung und die Berichterstattung trotz einiger Achtungs­erfolge", sagt Alberto Orgulloso Martínez, Direktor der Gewerkschaftsschule (ENS) in Medellín, am nächsten Tag in dem mit ITF-Fahnen dekorierten Saal des Hotels Carta­gena Plaza vor den 280 Delegierten. Im ­vergangenen Jahr feierte die Gewerkschaftsschule ihr 35-jähriges Bestehen. Ihr Bestand war tatsächlich nicht immer gesichert, auch Dank der Unterstützung durch ver.di und den DGB ist sie heute eine Institution - wenn auch nach wie vor unter schwierigen Bedingungen für Gewerkschafter/innen.

Links: Stephen Cotton, Vorsitzender der ITF
Mitte: Alberto O. Martínez, Direktor der Gewerkschaftsschule in Medellín
Rechts: Die kolumbianische Rechtsanwältin Yessika Hoyos

Das Klima schlage sich in der niedrigen ­Organisationsquote von gerade einmal 4,6 Prozent nieder. 1,2 Millionen Arbeiter sind gewerkschaftlich organisiert. Die Angst sei nach so vielen Jahren der Verfolgung in ­Kolumbien ein ständiger Begleiter, sagt ­Martínez. Für viele Delegierte, die kurz zuvor noch Wahlen für die ITF-Jugend- und -Frauenvertreter/innen abgehalten und über die Risiken der zunehmenden Automatisierung am Beispiel der Hafen- und Taxibranche diskutiert haben, ist das keine Überraschung. Verfolgung von Gewerkschaftsaktivisten ist generell in Latein- und Mittelamerika eine schwere Bürde. Zudem sei Kolumbien als Beispiel bekannt, so die kolumbianische Rechtsanwältin Yessika Hoyos. Sie hat sich auf Menschenrechtsfälle mit gewerkschaftlichem Background spezialisiert und spricht aus, was viele Kolumbianer/innen denken: "Jede Gewerkschafterin und jeder Gewerkschafter weiß, dass die Entscheidung, sich zu organisieren, ein Risiko birgt. Auch ein Grund, weshalb es heute weniger Morde gibt - die Angst ist tief verankert in unserer Gesellschaft", sagt die Tochter eines von Paramilitärs ermor­deten Gewerkschaftsdozenten.

Sie hofft, dass die systematische Gewalt gegen die Gewerkschaften, die Strukturen dahinter und damit auch die intellektuellen Drahtzieher anhand einiger repräsentativer Fälle durch die JEP, die Sonderjustiz für den Frieden, aufgedeckt werden. "Die Wahrheit ist nicht nur für die Opfer, sondern auch für die Zukunft der Gewerkschaften extrem wichtig. Deshalb erwarte ich, dass die JEP und die Wahrheitskommission ihren Teil ­dazu beitragen, dass Gewalt gegen und die Stigmatisierung von Gewerkschaften endlich geächtet werden", so Rechtsanwältin Hoyos.

Hoffnungen, die Estebán Barboza teilt. Er ist sich sicher, dass ein erfolgreicher Friedensprozess eine Frischzellenkur für die Gesellschaft nach sich ziehen würde. "Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, denn die Umsetzung des Friedensabkommens ist bisher alles andere als positiv verlaufen. ­Daher brauchen wir internationale Unterstützung", sagt Barboza und blinzelt in die Morgensonne. 

Es ist der letzte Tag der Konferenz und er verteilt Fahnen und Transparente an die ITF-Delegierten, die sich zum Abschluss der ­Konferenz zu einem Demonstrationszug formieren. Gleich gegenüber dem berühmten Torre de Reloj, dem Glockenturm mit seinem Zugang zur Altstadt von Cartagena, startet die Demo. Ganz vorne ist das Transparent zu sehen, das Barboza schon vor zwei Jahren vor Augen hatte: "Die ITF und ihre Gewerkschaften unterstützen den Friedensprozess in Kolumbien."

 

Das Morden hört nicht auf

Trotz aller Hoffnungen, dass mit der Unterzeichnung des Friedens­abkommens mit der FARC-Guerilla 2016 die Gewalt gegen ­organisierte Arbeiterinnen und Arbeiter zurückgehen könnte, lassen die Zahlen der ­Gewerkschaftsschule in Medellín keinen Zweifel: "Zwar ist die Zahl der Morde leicht rückläufig. So stehen 21 Morden im Jahr 2015 im Folgejahr 19 gegenüber. Auch im Jahr 2017 setzt sich ­dieser Trend fort. Bis Mitte Dezember 2017 haben wir 19 Morde registriert", sagt die Menschenrechts­expertin der Gewerkschaftsschule ENS, ­Viviana Colorado López. Parallel dazu sei aber die Zahl der Mord­drohungen stark angestiegen, und der Fokus habe sich von der Stadt aufs Land verlagert. "So waren 13 der 19 ermor­deten Gewerkschafter im Jahr 2016 Land­arbeiter, die in der industrialisierten Landwirtschaft, etwa im Zucker- oder im Palmölsektor arbeiten", so Colorado ­López. Das war vor ein paar Jahren noch anders, als Lehrer im Fokus des rechten Terrors standen, aber auch Arbeiter aus Dienstleistungsunternehmen in den ­Häfen oder der Erdölindustrie. Der Grund dafür ist einfach: Mit dem Friedensabkommen verschiebt sich der Fokus in die Regionen, wo die FARC besonders aktiv war - in den Verwaltungsbezirken Cauca, Nariño, Meta oder Caqueta. Das sind ­derzeit die gefährlichsten Regionen des Landes.